Viele, die einen Erwerbstrieb in sich verspürten, wollten nach Böblingen – vom Arzneimittel- und Möbelhersteller und dem Schuhfabrikanten bis hin zum Büstenhalterproduzenten. Zwischen Elbenplatz und Bahnstation entstand die Unterstadt – das wirtschaftliche Zentrum der Stadt, beliefert mit Rohstoffen und Arbeitskräften von der Dampfbahn, die hier als frisch in die Landschaft gezirkelte Gäubahn zwischen Stuttgart und Freudenstadt Station machte.
Bahnhofsgebäude als selbstbewusstes Statement
Knapp hundert Jahre später zeigt der Blick von oben aus dem Jahr 1968, dass die Bahn auch zu einer Zeit, in der das Auto den Verkehrsraum nach und nach eroberte, zu ihrem Böblinger Stützpunkt stand. „Selbst ist der Lenker“ – diesem Motto der automobilisierten Generation Wirtschaftswunder begegneten die Schienenleute in Böblingen damals selbstbewusst mit einem neuen Bahnhofsgebäude, dessen Baustelle auf dem Foto unterhalb der Gleise zu sehen ist. Der Vorgänger, ein repräsentatives Steingemäuer mit mächtigen, gegeneinander verdrehten Giebeln, hatte ausgedient. Ein Klassiker der Eisenbahnarchitektur musste gehen. Der Nachfolgebau sollte den neuen Zeitgeist atmen: Flachdach, Betonfassade und kühle Funktionalität.
Dieser Zeitgeist war dem Zughalt schon lange nicht mehr gewogen. Das Auto wurde zum neuen Trumpf, wenn es ums Vorwärtskommen ging. Mit drastischen Folgen: erst die Schönbuchbahn, dann die Rankbachbahn – die Nebenbahnen stellten nach und nach den Betrieb ein. Böblingen verlor seine Funktion als Endbahnhof. Die Eisenbahnerherrlichkeit in der Kreisstadt bröckelte, der Dampf war raus – nicht nur aus den Loks.
Schönbuchbahn und Rankbachbahn sind zurückgekehrt
Der aktuelle Satellitenblick zeigt, dass der Bahnhof Nehmerqualitäten besitzt und diesen düsteren Bedingungen beharrlich trotzte. So schnell ließ sich das Böblinger Schienennetz nicht unterkriegen. Im Gegenteil. Heute gibt es das Bahnhofsgebäude immer noch und mehr denn je. Die Schiene hat wieder an Attraktivität gewonnen, die Nebenbahnen sind nach Böblingen zurückgekehrt, zwei S-Bahnen halten hier, der Regionalverkehr zum Bodensee und der Intercity Richtung Schweiz machen Station. Der Bahnhof Böblingen hat sich zu einem wichtigen Schienenknoten im Süden Stuttgarts entwickelt.
Ein wenig hat auch der Städtebau davon profitiert. Die Bahn verpasste ihrer Böblinger Station mittlerweile eine Auffrischung mit großzügiger Unterführung und befreite den Bahnhofsvorplatz von seinem Schmuddel-Image. Auch die Stadt war nicht untätig. Aus den unsortierten Güterschuppen, auf dem alten Foto noch gut zu erkennen, ist ein schicker Busbahnhof geworden, daneben hat sich die wiederbelebte Schönbuchbahn mit ihrem Betriebshof niedergelassen. Auf dem aktuellen Luftbild sichtbar als aufgeräumte Gebäudezone, die den Bahnhof fortsetzt.
Auf dem Flugfeld wurden 1968 Panzer der US-Army repariert
Auf der gegenüberliegenden Seite der Gleise wurde in den vergangenen Jahren viel Nachfrage für die Bahn geschaffen. Dort, wo auf dem Foto von 1968 noch in großen Hallen und Baracken Panzer der US-Army repariert werden, haben die Städteplaner mittlerweile einen ganzen Stadtteil hingepflanzt. Mit akkurat gezirkelten Gebäuden präsentiert sich das Flugfeld als typischer Raum zum Wohnen und Arbeiten, wie er heute viele Städte prägt. Der Fortschritt in der Unterstadt hat längst rübergemacht auf die andere Seite der Schiene.
Also alles gut rund um die Eisenbahn? Nein. Denn manchmal wohnt dem Fortschritt auch ein Rückschritt inne. Denn die Bahn hat Großes vor. Nicht mit Böblingen, aber mit der Gäubahn. Die soll mit einem elf Kilometer langen Tunnel ab dem Haltepunkt Goldberg an den Stuttgarter Flughafen angeschlossen werden. Gut für die Bodensee-Reisenden. Denn deren Fahrzeit würde sich mit dem IC von Stuttgart nach Singen um 20 Minuten verkürzen. Schlecht für Böblingen. Wenn es so weit ist, wollen die Bahnstrategen den Intercity dort nicht mehr halten lassen. Die Moderne würde dann nur noch durch die Stadt rauschen. Und dem guten alten Bahnhof? Dem bliebe schlichtweg nur noch das Nachsehen.
Serie „BW von oben“
Luftbilder von 1968
Die Serie „BW von oben“ zeigt den Wandel der Zeit – mit Luftaufnahmen von 1968 und heute sowie den Geschichten, die sie erzählen. Im Lokalteil heißt sie „Kreis Böblingen von oben“. Für unser Projekt haben wir 20 000 Luftbilder aufbereitet – für das ganze Land, durchsuchbar nach Adressen.
Vergleich
Online lässt sich ganz Baden-Württemberg aus der Luft im Vergleich 1968 zu heute erkunden. Userinnen und User mit Plus-Abo haben vollen Zugriff.