Bahnhof in Horb am Neckar Herzlich willkommen am Abstellgleis
Das erklärte Ziel der Bahn: Auf den Zug zu warten, soll sich wieder gut anfühlen. Aber wie sieht die Realität aus? Eindrücke vom Bahnhof in Horb.
Das erklärte Ziel der Bahn: Auf den Zug zu warten, soll sich wieder gut anfühlen. Aber wie sieht die Realität aus? Eindrücke vom Bahnhof in Horb.
Auf dem Bahnsteig von Gleis 2 und 3 ist es ziemlich zugig, und der Regen fällt an diesem Vormittag quer. Um die Wartezeit wettergeschützt zu überbrücken, geht es die Treppen hinunter in die Unterführung, links und dann wieder hoch ins Empfangsgebäude. Willkommen am Bahnhof von Horb am Neckar.
Wobei man sich einen Empfang anders vorstellt: wärmer, gepflegter und auf jeden Fall fahrgastfreundlicher. Als einen Ort, an dem sich warten gut anfühlt, auch wenn man viel lieber auf direktem Wege weiterreisen würde. In Horb am Neckar kreuzen sich verschiedene Bahnlinien, hier wird viel umgestiegen – und deshalb auch ausgeharrt.
Das Einzige, was an diesem Bahnhof öffentlich zum Verweilen einlädt, sind zehn Holzmetallsitze in einer geraden Reihe. Die Armstützen garantieren, dass es sich niemand allzu bequem macht. Verankert sind sie in einem Durchgang zwischen den beiden kleinen Hallen des Bahnhofgebäudes mit direktem Blick auf eine grüne und beige Wand. Hier fühlt sich Warten nicht gut an, sondern eher wie auf dem Abstellgleis. Vermutlich sind deshalb nur zwei Plätze belegt.
Die beiden Männer, die darauf sitzen, haben keine Augen für die Wand vor ihrer Nase, sondern nur für ihre Smartphones. Wie sich herausstellt, hat der Ältere von beiden hier schon einiges an Lebenszeit verbracht. „Drei-, viermal im Monat bin ich etwa eine Stunde am Bahnhof in Horb“, erzählt er, sein Blick klebt am Display, die Schuhe am Boden. Die Sitze sind sein Stammplatz. Fühlt er sich wohl? Sein spontanes, lautes Lachen verrät, dass er entweder raucht, stark erkältet ist oder beides. „Offenburg ist schlimmer.“
Klar, schlimmer geht’s immer. Aber laut der Strategie der Deutschen Bahn soll es an den Bahnhöfen eigentlich vor allem besser werden. Die Erderhitzung lässt grüßen. Um die klimaschädlichen Emissionen zu drosseln, gilt die Verkehrswende als ein Puzzlestück. Weniger Fahrten mit dem Auto, dafür mehr mit der Bahn. Und so rücken auch die Bahnhöfe ins Rampenlicht. Sie sollen wieder aufgemöbelt werden.
Bahnhöfe sind seit jeher besondere Orte. Es wird begrüßt, verabschiedet, umarmt. Bahnhöfe sind Orte des Ankommens, des Abschieds. Bahnhöfe sind irgendwie verrucht, Schnittstellen, Treffpunkte oder eben Aufenthaltsorte, ob gewollt oder nicht. Sie sind aber immer wieder auch Orte des Verfalls. Der Bahnhof in Horb wurde am 1. Dezember 1866 eröffnet und in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg umfangreich ausgebaut. 1945 wurde das Gebäude mehrfach durch Bomben getroffen. Die letzte Sanierung war im Jahr 1979.
Als die Bundesbahn 1994 zum Börsenkonzern wurde, begann der große Ausverkauf. Fast 80 Prozent der Bahnhöfe sind aktuell in Privatbesitz. Der Bahn gehören vom kleinen Haltepunkt bis zum Großbahnhof nur noch 5700 Stück. Auch Horb. „Wir packen 100 Bahnhöfe im Jahr an“, sagt ein Sprecher der Deutschen Bahn. Horb steht für absehbare Zeit nicht auf der Liste. „Wir bieten dort alles, was Kunden benötigen.“ Sozusagen die Schmalspurvariante.
Peter Rosenberger ist seit 2008 Horber Oberbürgermeister. Den Bahnhof nennt er unverblümt „versifft“. Um zu zeigen, was er meint, läuft er in eine Nische nahe des Treppenabgangs zu den Zügen. Der Boden ist schmutzig, es riecht nach Urin. Ein paar Pflanzen, fröhliche Wandfarbe, schicke Bänke und vor allem mehr Putzen – „man könnte in der Halle mit wenig Geld viel machen“, sagt Rosenberger. Man könnte. Obschon der Bahnhof – neben der schönen Neckarfront – die Visitenkarten seiner Kleinstadt ist, hat der Rathauschef hier nichts zu melden. Ihm bleibt nur zu sagen: „Wir fänden es gut, wenn hier mehr passiert.“
Was in ihrer Macht steht, hat die Stadt getan: Zur Landesgartenschau 2011 hat sie den Bahnhofsvorplatz aufgehübscht. Manchmal leitet Rosenberger der Bahn per Mail Infos zu Förderprogrammen weiter. Sein Eindruck: momentan geht die Reise in die falsche Richtung. Beispiel Toiletten. An der Schwingtür steht das WC noch angeschrieben, zu finden ist es genauso wenig wie ein Gleis 4. Es gibt nur Gleis 1, 2, 3, 5 und 6. Ach ja, und Gleis Süd. Dazu aber später, erst die Sache mit dem Klo.
Rosenberger weiß, wo es war. Neben der Tür klebt ein Kreuz aus rot-weißem Flatterband, daneben steht in Minischrift: „Aufgrund anhaltendem Vandalismus bleibt diese WC-Anlage dauerhaft geschlossen.“ Der Oberbürgermeister sagt: „Da so einen Fresszettel hinzuhängen, das ist ja auch keine Lösung.“ Was also tun, wenn die Blase drückt? „Kaufland“, ist die knappe Antwort der Dame aus dem DB-Reisezentrum.
Der Riesensupermarkt ist in direkter Nachbarschaft. Und man kann getrost behaupten: Kaufland ist die eigentliche Wartehalle. Das Kaufland-Parkhaus ist fast so lang wie Gleis 2. Der Konsumtempel hat nicht nur Nervennahrung für Gestrandete im Sortiment, sondern bietet auch Infrastruktur. Eben die Toiletten, einen Wickeltisch, Kaffee beim Bäckercafé oder aus dem Automaten – wobei Letzterer gerade leider kaputt ist. Wenn der Zug in Richtung Zürich eine halbe Stunde auf sich warten lässt, geht es im Gänsemarsch vom Gleis zum Shoppingzentrum, untermalt vom Sound der Rollkoffer.
Die Bahn habe die Stadt neulich gefragt, ob sie die Toiletten übernehmen will, erzählt Rosenberger. Will sie nicht. Der OB findet, der Hausherr hat sich zu kümmern. Was es dafür braucht, kennt er aus eigener Erfahrung. Horb habe 17 Teilorte. „Siebzehn“, betont er. „In jedem gibt es einen Vorsteher.“ Könnte man sich natürlich auch sparen, aber die Leute bräuchten doch jemanden, der sich zuständig fühlt. Zwar hat auch jeder Bahnhof der Deutschen Bahn einen Manager; der von Horb sitzt halt in Karlsruhe, das sind mit der Bahn, wenn’s gut läuft, rund zwei Stunden.
Nach Auskunft des Bahn-Sprechers sind am Bahnhof von Horb täglich etwas mehr als 4000 Menschen unterwegs. Im Bahnsprech heißt das „Pendlerfrequenz“. Horb sei damit ein kleinerer Bahnhof. Für den Oberbürgermeister Peter Rosenberger ist er derweil das Tor in die Großstadt.
Während er davon erzählt, wie wichtig die Gäubahn als Direktverbindung zum Stuttgart Hauptbahnhof für seine 27 000-Einwohner-Kommune ist, in der viele bei Bosch oder Daimler arbeiten, fährt sie draußen gerade pünktlich ein. Mit ihrer weiß-roten Farbe hat sie die Weltläufigkeit eines ICE. Sie pendelt von Stuttgart in Richtung Schweiz und Bodensee, und Horb hat das Glück, Unterwegsbahnhof zu sein.
Von seiner Hoffnung erzählt Peter Rosenberger bei einem Glas Spezi im Gleis Süd, der Musikkneipe, die im Ort einen guten Ruf hat. Keine Bahnhofskaschemme, heißt es. „Der Wirt ist mein Tennispartner“, sagt der OB. „Er wohnt sogar direkt neben dem Rathaus.“ Rosenberger sitzt im Nichtraucherbereich, am Fenster zu Gleis 1.
Zurück zu seiner Hoffnung. Horb gehört zu denen, die zu spüren bekommen, dass ein anderer Bahnhof nicht nur aufpoliert, sondern gleich komplett neu gebaut und sogar vergraben wird: Stuttgart 21. Für geschätzt ein Jahrzehnt sollen sie vom Stuttgarter Hauptbahnhof abgehängt werden, weil die Endstation der Gäubahn dann Stuttgart-Vaihingen heißt. Zusammen mit Amtskollegen, deren Kommunen ebenfalls auf der Strecke bleiben, kämpft Rosenberger in einer Interessengemeinschaft dafür, dass die S-Bahn bis Horb verlängert wird. „Als Kompensation“, sagt er. „Sonst fahren einfach wieder mehr Leute mit dem Auto.“ Ob sie erhört werden, wird die Zukunft zeigen.
Zurück in die Gegenwart. Der öffentliche Wartebereich in der Empfangshalle ist jetzt verwaist. Der Stammgast, der hier regelmäßig Zeit mit Handygedaddel totschlägt, ist offenbar erlöst. Es ist mucksmäuschenstill – bis draußen ein Zug Einfahrt hat. Als nächstes folgen die Schritte einer Reisetraube, dann quietschen die Schwingtüren ein paarmal. Und wieder Stille. Entweder war das Endstation – oder die Reisetraube kennt Horb schon und steuert das Kaufland an.
Auf den Wartestühlen wandert der Blick an der grünen Wand entlang in Richtung Decke. Den Sims krönen Taubendrähte, Vögel haben hier also auf keinen Fall zu warten. Jemand hat den Abwehrdraht vor lauter Langeweile – oder weil der Handyakku leer war – zum Basketballkorb umfunktioniert: Anders ist die zerknüllte Bäckertüte dort oben nicht zu erklären.
Es gibt im Horber Bahnhof noch ein paar geheimnisvolle Türen; sie sind verschlossen, wo sie wohl hinführen? „Es gibt mehrere Leerstände“, sagt der Bahn-Sprecher. Genau beziffern kann er das nicht. Nur: „Wir sind bemüht, Nachmieter zu finden.“ Vermutlich hat Kaufland die Weichen gestellt und die Kaufkraft abgezogen.
Was es neben der Musikkneipe Gleis Süd noch gibt, ist die Post, zu der an diesem Vormittag fast mehr rennen als auf den Zug. Und es gibt das kleine DB-Reisezentrum. Noch, muss man sagen. Der Fahrplanwechsel ist nämlich gleichzeitig ein Betreiberwechsel. Im Dezember 2025 übernimmt Transdev das Reisezentrum. „Sie haben die Ausschreibung gewonnen“, sagt der Bahn-Sprecher. Ausschreibung hin oder her, ein bisschen fühlt es sich so an, als verlasse die Bahn ihren eigenen Bahnhof.