Bahnhofsneubau in Ulm Ein Debakel soll verhindert werden

Schon bisher hat die Ulmer Verwaltung nicht an Mitteln gespart, wie die Werbung am Bahnhofsvorplatz zeigt.  Foto: Bäßler
Schon bisher hat die Ulmer Verwaltung nicht an Mitteln gespart, wie die Werbung am Bahnhofsvorplatz zeigt. Foto: Bäßler

Die Stadt Ulm will alles besser machen: Sie informiert mit einer Kampagne über den Neubau des Bahnhofs. Bürger sollen sich ausführlich äußern.
     

Politik/Baden-Württemberg: Rüdiger Bäßler (rub)
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Ulm - Mit schwäbischer Umsichtigkeit, ganz im Geiste der von der grün-roten Landesregierung ausgerufenen neuen Bürgergesellschaft, treibt die Stadt Ulm den Bau eines neuen Hauptbahnhofs weiter voran. Die Ulmer Bürger sollen sich, bevor ein endgültiger Entwurf auf dem Tisch liegt, bevor Bagger auffahren und bevor ein erster Demonstrant womöglich Transparente zu schwenken beginnt, ausführlich äußern und einmischen dürfen. Das hat kürzlich der Gemeinderat beschlossen. Der Fachbereichsausschuss Stadtentwicklung segnete ein Konzept zur Öffentlichkeitsarbeit ab, das ab sofort Teil des Masterplans City-Bahnhof Ulm ist.

Warnzeichen, dass nach Ulm irgendetwas von dem Unmut weitergetragen werden könnte, der sich in Stuttgart festgesetzt hat, gibt es nicht. Schon in der ersten Maihälfte dieses Jahres waren Architektenmodelle des neuen Bahnhofsareals, die aus einem Wettbewerb hervorgegangen sind, öffentlich ausgestellt worden. Nach Angaben der Stadtverwaltung interessierten sich gerade rund 500 Menschen für diese Zukunftsvisionen. Widerstandsgruppen sind nicht darunter. Dass die Ulmer Haltestelle keine Schönheit ist, schon gar kein Baudenkmal, dass sie wie abgetrennt von der Innenstadt liegt, darüber herrscht Konsens in der Stadt. Außerdem soll das, was da eines Tages neu entsteht, auch nicht, wie in Stuttgart, den Verlauf der Gleise ändern oder unter der Erde verschwinden.

Alle Vorschläge werden geprüft

Trotzdem: von nächster Woche an rollt die Stadtverwaltung mit der Bitte um Mitarbeit förmlich auf die Bürgerschaft zu. Los geht's mit einer Bürgerversammlung im Stadthaus am Donnerstag. Allen Interessierten werden die Planungsvorschläge der neun vorausgewählten Wettbewerbspreisträger vorgestellt. Schon zwei Tage vorher geht ein neues Online-Forum ans Netz, in dem sich jedermann in die Entwürfe weiter einlesen und anschließend Vorschläge machen, loben, kritisieren oder motzen darf.

Die Stadtverwaltung verspricht, alle Meinungsäußerungen und Vorschläge ganz genau zu prüfen und Ergebnisse des angestrebten Dialogs immer wieder dem Gemeinderat vorzulegen. Einen moderaten Ton im Forum und eine gewisse Zielgerichtetheit des weiteren Vorgehens soll die Hamburger Tu-Tech GmbH schaffen. Geschulte Moderatoren der Firma betreuen den Ideenwachstumsprozess.

Das ist längst nicht alles. Sämtliche Wettbewerbsbeiträge von Architektenbüros sollen bald in einer Dokumentation veröffentlicht werden, die es gedruckt und digital gibt. Eine Bürgerwerkstatt soll ins Leben gerufen werden, organisiert und gleitet von einem externen Moderatorenteam. In diese Werkstatt werden, so sagt die Stadtverwaltung, "Betroffene" berufen, die, orientiert an den vorliegenden prämierten Wettbewerbsbeiträgen, ebenfalls Ideen und Lösungsansätze erarbeiten.

Ein ganz neues Quartier soll entstehen

Es geht ja bei dem Bahnhofsneubau nicht nur um ein Gebäude, sondern um ein ganz neues Quartier mit Einkaufszentrum und verlängerter, unterirdischer Passage. Und es geht um einen mehrere Kilometer langen Albaufstiegstunnel bis Dornstadt. Nicht wenige Bewohner des noblen Ulmer Michelsberges treibt nämlich die Sorge um, dass ihre Häuser im Zuge der Grabungsarbeiten Risse bekommen oder später von den Vibrationen fahrender Züge geschüttelt werden könnten.

Runde Tische gehören auch noch zur Informationsoffensive, außerdem Einzelforen mit betroffenen Laden- und Geschäftsinhabern, Verkehrsdienstleistern, Architekten und Ingenieuren sowie bürgerschaftlichen Initiativen. All das wird nicht billig. 80.000 Euro hat der Gemeinderat jetzt einstimmig bewilligt, 40.000 Euro davon kosten Aufbau und Betreuung des Internetforums, 25.000 Euro sind für die Honorare externer Moderatoren gedacht.

So besinnt sich das Ulmer Rathaus wieder auf die Belange in der eigenen Stadt. Die lauten, unruhigen Tage des Landtagswahlkampfs, da an Rathausmitarbeiter Sticker pro S21 verteilt wurden und Gemeinderäte sich eine Bahnfahrt zur Befürworterdemo nach Stuttgart aus der Stadtkasse bezahlen ließen, scheinen, vorerst jedenfalls, vorbei zu sein.

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