Bahnhofsquartier in Bad Cannstatt Stadt investiert Millionen Euro in das Bahnhofsviertel
Die Stadt will das heruntergekommene Quartier in Bad Cannstatt auf Vordermann bringen. Als erste Maßnahme wird der Bahnhofsvorplatz ab 2023 umgestaltet.
Die Stadt will das heruntergekommene Quartier in Bad Cannstatt auf Vordermann bringen. Als erste Maßnahme wird der Bahnhofsvorplatz ab 2023 umgestaltet.
Als Trading-down wird in der Stadtplanung eine Entwicklung bezeichnet, bei der ein Gebiet durch ausbleibende Kundschaft, Leerstände oder Ansiedlung weniger attraktiver Gewerbe zunehmend entwertet wird. Laut einem Gutachten des Büros Accocella Stadt- und Regionalentwicklung sind Trading-down-Effekte im Bahnhofsquartier in Bad Cannstatt besonders ausgeprägt: viele Spielhallen, Wettbüros, Imbissbetriebe und Internetcafés. Keine Frage, die Stadt muss in das verwahrloste Quartier sehr viel Geld investieren – sprich: Gebäude kaufen, abreißen und das Gebiet neu überplanen.
Und genau das soll jetzt in die Realität umgesetzt werden. Denn das Bahnhofsviertel soll zu einem Schwerpunkt für Dienstleistungen, Hotels sowie öffentliche und kulturelle Nutzungen entwickelt werden. Die ersten Projekte haben die Grünen im Rahmen ihrer „Sommertour“ zusammen mit Andreas Hemmerich, beim Stadtplanungsamt Leiter der Abteilung Verkehrsplanung, und Thomas Zügel, Chef des Liegenschaftsamts, sowie rund 50 Bürgerinnen und Bürgern in Augenschein genommen. Neben der Umgestaltung des Bahnhofsvorplatzes bis zu Beginn der Fußball-EM 2024 sind das die geplante Neuordnung des Schwaben-Bräu-Areals sowie die Umwandlung von Teilen der Seelbergstraße zu einer Fußgängerzone.
Bahnhofsvorplatz – Status quo: Heute wirkt die „Pforte nach Bad Cannstatt“ zugestellt, schmuddelig und ungepflegt. Jede Menge Hinweisschilder, die mehr verwirren, als dass sie helfen. Vogelwild angekettete Fahrräder, in die Jahre gekommenes Mobiliar, zwischendrin eine Imbissbude, ein Briefkasten, Parkplätze und jede Menge Absperrpfosten. Der Vorplatz, wie er sich heute präsentiert, ist sicher kein Aushängeschild für Bad Cannstatt, wenn 2024 zur Fußball-EM Tausende von Fußballfans am Cannstatter Bahnhof aussteigen.
Ziel: Der Grundgedanke: „Mehr Grün, Barrierefreiheit für den Haupteingang, Unterbindung des Kfz-Durchfahrtsverkehrs und Stärkung des Fuß- und Radverkehrs“, so Andreas Hemmerich. Für 5,83 Millionen Euro wird der Vorplatz deshalb entrümpelt und umgestaltet. Neben 15 Baumpflanzungen sind auch ein Trinkbrunnen sowie ausreichend Möblierung geplant. „Die Imbissbude verschwindet und soll künftig in einem kleinen Gebäude, das über zwei Fahrradgaragen mit jeweils 20 Stellplätzen verfügt, integriert werden“, so der Stadtplaner. Auch wird die Schienenplastik versetzt. Wesentliches Ziel ist, die Kiss+Ride-Funktion in die östliche Bahnhofstraße sowie auf die Südseite des Bahnhofs zu verlagern. Die wohl wichtigste Neuerung: „Die Durchfahrt über den Platz soll zwischen der Frösnerstraße und dem Parkhaus in der Eisenbahnstraße für den Kfz-Verkehr unterbrochen werden“, so Hemmerich. Rund 6000 Fahrzeuge werden hier täglich gezählt. Die Durchfahrt für Bus, Taxi und Lieferverkehr ist natürlich möglich. Die Taxi-Stellplätze auf der Nordseite des Bahnhofs werden reduziert und zum Teil auf die Südseite verlagert. Die bauliche Umsetzung erfolgt ab 2023 bis Anfang 2024.
Schwaben-Bräu-Passage – Status quo: Der Niedergang des Bahnhofsviertels lässt sich gut an der Passage in der Bahnhofsstraße 14 bis 18 festmachen. Nach dem Umbau des Gebäudes in den 1980er Jahren, das einmal ein Kino beherbergt hatte, ging es in den folgenden Jahrzehnten stetig bergab. Zum Schluss blieben nur noch Kneipen, Wettbüros und jede Menge Tauben, die sich in dem heruntergekommenen Komplex pudelwohl fühlten. Nach dem Kauf durch die Stadt im Jahr 2020 zog zumindest etwas Struktur in das Gebäude ein. Im Erdgeschoss hat seit einigen Monaten eine Fahrrad-Service-Station des Sozialunternehmens Neue Arbeit eine Heimat gefunden.
Ziel: „Das heruntergekommene Gebäude hat keine Zukunft“, sagt Thomas Zügel, Leiter des Liegenschaftsamts. Da die Stadt jedoch ihre Quartierspläne mittelfristig angelegt hatte, sollte das Ensemble einer Interimsnutzung zugeführt werden. Bis auf die Gaststätte Pfiff wurden sämtliche Mietverträge gekündigt. Mit einem weiteren Interessenten ist sich die Stadt ebenfalls einig. „Die Volkshochschule will in das zweite Obergeschoss einziehen“, sagt Zügel. Viel Kultur soll bereits ab Herbst im ersten Obergeschoss stattfinden. Der Vertrag mit Prisma – einem Kollektiv verschiedener Initiativen – wurde unterzeichnet. So erfreulich die Zwischennutzung ist: „Es bleiben nur Interimslösungen“, betont Zügel. „Ab 2026 haben wir Zugriff auf weitere Gebäude und können das Quartier neu überplanen.“ Dazu zählt neben dem Parkhaus in der Eisenbahnstraße auch das davorliegende Eckgebäude, wo einst McDonald’s Burger verkaufte.
Seelbergstraße – Status quo: Die 200 Meter lange Einkaufsstraße wurde zuletzt 2013 für 700 000 Euro umgestaltet. Der Gehweg auf der südwestlichen Seite war nach der Eröffnung des Carrés Bad Cannstatt im Jahr 2006 viel zu schmal für die vielen Passanten geworden. Das hatte allerdings zur Folge, dass Stellplätze wegfielen und seitdem auf dieser Straßenseite ein eingeschränktes Halteverbot herrscht. Doch von Anfang an zeigte sich, dass viele Autofahrer die neuen Regeln ignorieren und ihre Fahrzeuge vor allem am Wochenende (wird von der Stadt nicht kontrolliert) dort parken.
Ziel: Nach etlichen Begehungen mit Vertretern der Polizei, des Stuttgarter Ordnungsamts und des Bezirksamts kam man zu dem Entschluss, dass eine Fußgängerzone das probateste Mittel sei, das Falschparken zu unterbinden. Rund 3000 Strafzettel werden hier jährlich verteilt. Im März 2022 stimmte der Ausschuss für Stadtentwicklung und Technik einem Antrag zu, eine sogenannte Pop-up-Fußgängerzone in der Seelbergstraße im Abschnitt Frösnerstraße/Waiblinger Straße einzurichten. „Die Fußgängerzone soll als Verkehrsversuch zwei Jahre dauern“, so Verkehrsplaner Andreas Hemmerich. Ob die Umsetzung wie geplant ab 2023 erfolgen kann, muss noch geprüft werden. Denn der Baustellenverkehr für den Platzumbau wird auch über die Seelbergstraße abgewickelt.