Die CDU-Politiker kritisieren chaotische Zustände im Bus-Ersatzverkehr zwischen Waiblingen und Bad Cannstatt. Foto: Gottfried Stoppel
Wegen Arbeiten für den digitalisierten Bahnknoten steht die S-Bahn zwischen Waiblingen und Stuttgart still. CDU-Abgeordnete kritisieren massive Mängel beim Ersatzverkehr.
Es ist ein Déjà-vu, das viele Pendler im Rems-Murr-Kreis an den Rand der Verzweiflung bringt. Wieder ist die Strecke zwischen Bad Cannstatt und Waiblingen gesperrt. Wieder rollen Busse statt Bahnen. Und wieder häufen sich Klagen über überfüllte Fahrzeuge, chaotische Zustände an Haltestellen und mangelhafte Information.
Die CDU-Bundes- und Landtagsabgeordneten Inge Gräßle, Christina Stumpp Siegfried Lorek und Christian Gehring haben sich deshalb am Freitag mit einem gemeinsamen Schreiben an Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne), die Deutsche Bahn und das Unternehmen Arverio gewandt. Darin kritisieren sie, dass der Schienenersatzverkehr „leider wieder einmal nicht wie zugesagt“ funktioniere .
Wieder Sperrung – wieder Ärger im Rems-Murr-Kreis
Seit dem 24. Februar ist die Bahnstrecke zwischen Stuttgart-Bad Cannstatt und Waiblingen bis zum 25. März voll gesperrt. Betroffen sind unter anderem die Linien S2 und S3. Statt S-Bahn fahren Ersatzbusse mit den Kürzeln S2E, S2X und XEV. Offiziell ist alles organisiert, beschildert, angekündigt. In der Praxis aber sieht es anders aus.
Nicht wenige Pendler fühlen sich offenbar buchstäblich im Regen stehen gelassen. Foto: Gottfried Stoppel
In ihrem Schreiben sprechen die Abgeordneten von „überfüllten Bussen“, „unzureichenden Kapazitäten“ und „chaotischen Zuständen an den Haltestellen“ . Besonders bitter: Die Sperrung kommt nicht überraschend. Sie war angekündigt. Die Menschen konnten sich vorbereiten. Doch was nützt Planung, wenn die Busse zu klein sind?
Pendlerfrust: Aus Mobilität wird Glücksspiel im Rems-Murr-Kreis
Wer morgens in Fellbach oder Waiblingen am Ersatzbus steht, spürt die gereizte Stimmung. Viele berichten von Reisezeiten, die sich um eine Stunde oder mehr verlängern. Aus anderthalb Stunden werden drei. Aus planbarer Mobilität wird ein Glücksspiel.
Die CDU-Politiker schreiben, die Bürgerinnen und Bürger hätten in den vergangenen Jahren „bereits sehr viel ertragen müssen“ . Tatsächlich reiht sich die aktuelle Vollsperrung ein in eine Serie von Bauphasen, Teil- und Totalsperrungen, Umleitungen und Notfahrplänen. Für viele wirkt das wie eine Endlosschleife.
Digitalisierung des Bahnknotens: Arbeiten für Stuttgart 21
Hintergrund der aktuellen Sperrung sind Arbeiten im Zuge der Digitalisierung des Bahnknotens Stuttgart. Im Bereich Waiblingen/Bad Cannstatt werden Kabel verlegt, Gleise unterquert, Technik für das europäische Zugsicherungssystem ETCS installiert. Es ist ein Baustein im Großprojekt Stuttgart 21.
Die Abgeordneten betonen, ihnen sei bewusst, dass die Umsetzung dieses Projekts nicht ohne Einschränkungen möglich sei. Verständnis gebe es durchaus. Doch wenn „angekündigte Ersatzmaßnahmen mehrfach nicht greifen“, schwinde dieses Verständnis rapide. Das Vertrauen in die Bahn – ohnehin angeschlagen – erodiere weiter.
CDU fordert professionelle Lösungen für Ersatzverkehr
Adressiert ist der Brief nicht nur an die Bahn, sondern ausdrücklich auch an das Verkehrsministerium des Landes Baden-Württemberg. Die CDU fordert „stabile und zuverlässige Verhältnisse“ beim Ersatzverkehr zwischen Stuttgart und Waiblingen. Mit anderen Worten: weniger Improvisation, mehr Professionalität.
„Erfahrungswerte sollten doch reichlich vorhanden sein“
In ihrem Schreiben formulieren die Abgeordneten einen Vorwurf, der sitzt: Es handele sich längst nicht mehr um ein einmaliges Ereignis. Entsprechende Erfahrungswerte bei der Organisation eines Ersatzverkehrs „sollten in der Zwischenzeit doch reichlich vorhanden sein“.
Genau hier liegt der Kern des Problems. Bauarbeiten mögen unvermeidbar sein. Doch der Ersatzverkehr ist planbar. Wie viele Pendler unterwegs sind, ist bekannt. Stoßzeiten sind berechenbar. Wenn Busse dennoch aus allen Nähten platzen, stellt sich die Frage nach der Steuerung.
Pendlerchaos: Rems-Murr-Kreis ohne S-Bahn-Verbindung
Der Rems-Murr-Kreis ist eng mit Stuttgart verflochten. Tausende pendeln täglich in die Landeshauptstadt, zur Arbeit, zur Schule, zur Universität. Fällt die direkte S-Bahn-Verbindung weg, wird sichtbar, wie verletzlich diese Infrastruktur ist.
Die CDU-Abgeordneten schreiben von einer „enormen Belastung“ für Bürgerinnen und Bürger im Rems-Murr- und dem Ostalbkreis. Wer keine Alternative hat, steht morgens im Regen an der Haltestelle. Wer flexibel ist, weicht ins Homeoffice aus oder setzt sich ins Auto – mit allen Folgen für den Straßenverkehr und das Klima.
Die Bahn steht bundesweit unter Druck. Verspätungen, Baustellen, Personalmangel. In der Region Stuttgart kommt die Dauerbaustelle rund um Stuttgart 21 hinzu. Der Ersatzverkehr wird so zum Lackmustest: Funktioniert zumindest das, was planbar ist?
Die CDU fordert nun, die Verantwortlichen müssten „liefern“. Hinter diesem Wort steckt mehr als parteipolitische Kritik. Es geht um Verlässlichkeit im Alltag. Um die Frage, ob Pendler sich auf ihre Verbindung verlassen können – oder ob sie jeden Morgen mit einem mulmigen Gefühl das Haus verlassen.