Bahnverkehr im Rems-Murr-Kreis Kritik nach drei Wochen Vollsperrung: „Busfahrer müssen besser geschult werden“

Der VfB Stuttgart empfing bei der Vollsperrung den Fußballclub Maccabi Tel Aviv aus Israel – da stand natürlich auch der SEV-Bus im Stau Richtung Cannstatt. Foto: Eva Schäfer

Drei Wochen lang hieß es zwischen Waiblingen und Bad Cannstatt: Ab in den Ersatzbus. Nicht alles lief rund: Pendler und Vertreter der SPD üben Kritik.

Rems-Murr: Eva Schäfer (esc)

Klaus Knauer steht am Donnerstag auf dem Bahnsteig im Waiblinger Bahnhof und steigt in die S-Bahn nach Backnang. Der Fellbacher erzählt, dass er regelmäßig mit der Bahn unterwegs ist, verschiedene Ziele ansteuert – Filderstadt, Backnang, Waiblingen. Er sei zu unterschiedlichen Zeiten unterwegs – auch in der Stoßzeit, wenn sich alles ballt. Seine Bilanz fällt recht positiv aus: „Ich bin zufrieden mit dem Schienenersatzverkehr“, sagt er gelassen. Viele wollten in den ersten Ersatzbus einsteigen, der entsprechend voll gewesen sei. Manchmal müsse man eben etwas warten. Oft fuhr ein halb leerer Bus hinterher. Man müsse auf die entsprechende Situation reagieren, so sein Fazit.

 

Allerdings bemängelt er, dass manche Busfahrer leider viel zu schnell unterwegs gewesen seien oder einfach auf der Strecke anhielten, um etwa ihren Kumpel zu begrüßen. Da sei eine bessere Schulung angesagt.

Drei Wochen war die Zugstrecke zwischen Fellbach und Bad Cannstatt gesperrt. Foto: Eva Schäfer

Mit der Forderung einer besseren Einarbeitung der Busfahrer ist der Fellbacher nicht alleine. So haben sich Vertreter der SPD im Rems-Murr-Kreis mit einem offenen Brief an die Deutsche Bahn gewandt. „Uns erreichen seit Beginn der aktuellen Totalsperrung der S-Bahn-Strecke im Bereich Bad Cannstatt eine erschreckende Zahl von Rückmeldungen unserer Bürgerinnen und Bürger“, heißt es in dem Schreiben von Simone Kirschbaum, Pierre Orthen, Urs Abelein, Bettina Süßmilch und Peter Hutzel.

Vertreter der SPD fordern in einem offenen Brief Qualitätsstandards

Ungeachtet der Komplexität der Baumaßnahmen im Rahmen von Stuttgart 21 und des Digitalen Knotens Stuttgart bestehe die Pflicht, einen Ersatzverkehr bereitzustellen, der den Anforderungen an einen öffentlichen Dienstleister gerecht werde. „Die uns geschilderten und öffentlich dokumentierten Vorfälle seien symptomatisch für einen Mangel an fundamentalen Qualitäts- und Sicherheitsstandards“, heißt es weiter in dem Schreiben. Am 30. November habe ein SEV-Bus auf der Route Winnenden – Backnang sich völlig verfahren. Der Fahrer sei offensichtlich mit der Strecke nicht vertraut gewesen, habe keine ausreichenden Sprachkenntnisse besessen und habe von Fahrgästen navigiert werden müssen. Dies habe nicht nur zu erheblicher Verspätung geführt, sondern auch dazu, dass ein minderjähriges Kind die Zielhaltestelle verpasste und in eine prekäre Situation geraten sei. Am 1. Dezember habe sich ein Expressbus des SEV bei der Einfahrt nach Waiblingen verfahren und strandete in der voll gesperrten Fronackerstraße. Die Fahrt habe erst nach rund 25 Minuten fortgesetzt werden können.

Einem Busfahrer wurde mit einer Übersetzungs-App weitergeholfen

Eine Frau, die an dem Donnerstag in der S3 nach Winnenden sitzt und seit dem 18. Lebensjahr, wie sie sagt, „mit den Öffis unterwegs ist“, weiß um viele Hürden. So würden Zugführer Probleme manchmal ganz kurzfristig erfahren. Auch auf die VVS-App könne man sich besonders im Schichtdienst nicht immer verlassen. Und sie stelle sich die Frage, warum an Festtagen immer wieder kürzere Züge rollten, obwohl man von einer großen Auslastung ausgehen müsse. In Schorndorf habe man einem Busfahrer des SEV neulich mit einer Übersetzungs-App weitergeholfen, sagt die Dame, die im Einzelhandel tätig ist. Er habe kein Wort Deutsch verstanden.

Als vergangene Woche ein Mex ausgefallen war und die Menschen eng gedrängt in dem einen Zug von Waiblingen nach Crailsheim standen, fiel die Bilanz unterschiedlich aus. Je nach Ziel und Uhrzeit waren die Belastungen verschieden. Aber alle Pendler mussten durch die Vollsperrung mehr Zeit auf der Strecke lassen – und meist auch Nerven. Denn natürlich stand der SEV-Bus bei der Vollsperrung nicht nur beim Spiel des VfB Stuttgart mit dem Fußballclub Maccabi Tel Aviv aus Israel im Stau Richtung Cannstatt.

Die Vertreter der SPD fordern in dem offenen Brief „angesichts der existenziellen Bedeutung einer funktionierenden Mobilität für unsere Region“ eine umfassende Stellungnahme unter anderem zu folgenden kritischen Punkten:

• Welche Unternehmen und Subunternehmen sind mit der Durchführung des SEV beauftragt?

• Welche Auswahlkriterien und welche vertraglich vereinbarten Qualitäts- und Sicherheitsstandards wurden zugrunde gelegt?

• Wie wird sichergestellt, dass jeder Fahrer umfassend in die konkrete Route eingewiesen wird?

• Welche technischen Hilfsmittel wie etwa fest programmierte Navigationssysteme werden zur Vermeidung von Fehlfahrten eingesetzt und wie wird deren Nutzung kontrolliert?

• Welche mindestmäßigen Sprachkenntnisse in Deutsch sind vertraglich für das eingesetzte Fahrpersonal vorgeschrieben?

• Wie wird sichergestellt, dass das Fahrpersonal in Notsituationen mit der Leitstelle und den Fahrgästen kommunizieren kann?

• Gibt es ein Erfassungssystem für Fehlfahrten, Verspätungen und Fahrgastbeschwerden?

Ihr Fazit: Die derzeitige Situation sei nicht tragbar. „Die Pendlerinnen und Pendler des Rems-Murr-Kreises benötigen klare Standards, transparente Verantwortlichkeiten und kurzfristige, spürbare Verbesserungen der betrieblichen Abläufe.“ Denn „Ab in den Ersatzbus“ heißt es auch im kommenden Jahr: 2026 sind zahlreiche weitere Bauarbeiten im Rems-Murr-Kreis bei der Bahn geplant.

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