Bakterien aus der Leitung Wie sicher ist unser Trinkwasser?

Viele Menschen trinken gerne Leitungswasser – aber wie sicher ist das eigentlich? Foto:  

Meldungen von Legionellen sorgen häufig für Aufruhr. Doch wie gelangen Keime überhaupt ins Leitungswasser – und wie kann man sich gegen eine Verunreinigung schützen?

Stuttgart - Die Bewohner von 20 Haushalten im Stuttgarter Norden wurden kürzlich dazu aufgefordert, beim Kontakt mit ihrem Trinkwasser vorsichtig zu sein – vor allem bei offenen Wunden und verletzten Schleimhäuten. Der Grund: In neu gelegten Leitungen war ein bestimmtes Bakterium gefunden worden – Pseudomonas aeruginosa –, das Entzündungen im Körper auslösen kann. Wie kann man sich schützen? Wie kommen solche Keime ins Trinkwasser? Und wie kann man sich davor schützen? Wir beantworten die wichtigsten Fragen zur Hygiene unseres Trinkwassers.

 

Keimfreies Wasser aus der Leitung – gibt es das überhaupt?

Absolut keimfreies Leitungswasser gibt es nicht. Wer ein Glas davon trinkt, nimmt dabei auch rund zehn Millionen Bakterien auf. Doch in der Regel wird er damit keine Probleme bekommen. „Bei der Trinkwasserhygiene geht es vielmehr darum, die Anzahl bestimmter Keime unter einem Referenzwert zu halten“, erklärt Jens Fleischer vom Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg. „Ein absolut keimfreies Wasser ist überhaupt nicht das Ziel.“

Welche Trinkwasserkeime werden als Gefahr für die Gesundheit eingestuft?

In den letzten Jahren machen häufiger die Legionellen von sich reden. Infektionen können zu grippeähnlichen Symptomen und lebensbedrohlichen Lungenentzündungen führen. Sogenannte coliforme Bakterien wie Escherichia, Klebsiella und Enterobacter können vor allem schwere Durchfälle hervorrufen, sie gelten laut der Trinkwasserverordnung als Verschmutzungsindikator für das Leitungswasser. Das kürzlich in Stuttgart gefundene Pseudomonas-Bakterium ist ein verbreiteter Boden- und Wasserkeim, er kann zu Entzündungen im Dickdarm, in den Harnwegen und auch an der Hirnhaut führen. Er ist an rund zehn Prozent aller Krankenhausinfektionen beteiligt und mittlerweile resistent gegenüber vielen Antibiotika.

Wie schaffen es diese Bakterien ins Trinkwasser?

Woher sie letztendlich kommen, lässt sich kaum sagen. Die Quelle können der Kuhdung auf einer Wiese flussaufwärts sein, aber auch menschliche Fäkalien im Badesee oder der Hundekot, der mit dem Regen in die Gewässer gespült wurde. Entscheidend ist ohnehin, in welchen Mengen die Keime auftreten, denn ein einzelner richtet kein Unheil an – dazu bedarf es schon einer großen Anzahl. Und die nimmt umso mehr zu, je länger und zähfließender der Weg des Wassers zum Verbraucher ist, weil es den Mikroorganismen mehr Zeit und Gelegenheit zur Fortpflanzung bietet.

Wie groß ist die bakterielle Belastung des deutschen Trinkwassers?

Unser Trinkwasser, so wie es von den Wasserwerken kommt, gilt als eines der besten weltweit. Was auch an den strengen Vorschriften der deutschen Trinkwasserverordnung liegt. Bei einer Untersuchung des Umweltbundesamtes erfüllten mindestens 99 Prozent der Trinkwasserproben die Anforderungen und Grenzwerte für die mikrobiologischen und chemischen Qualitätsparameter, oft waren es sogar 99,9 Prozent. Wenn überhaupt unzulässige mikrobiologische Belastungen entstehen, dann meistens erst auf den letzten Metern des Leitungssystems, die nicht mehr in der Obhut des Versorgers, sondern des Hausbesitzers beziehungsweise – ganz am Ende, an der Entnahmestelle – des Mieters liegen. Allerdings besteht seit 2013 die verpflichtende Regelung, dass die Trinkwasserleitungen in Mehrfamilienhäusern alle drei Jahre auf einen möglichen Bakterienbefall kontrolliert werden müssen. In öffentlichen Einrichtungen wie Schulen und Bädern besteht eine jährliche Kontrollpflicht.

In welchen Häusern oder Wohneinheiten besteht für das Leitungswasser ein besonders hohes Risiko?

„Das große Problem an Hausinstallationen ist, dass an manchen Stellen kein Wasser abgenommen wird“, erläutert Fleischer. „Dort kann es dann leichter zu einer Aufkeimung kommen, als wenn das Wasser dauernd in Bewegung ist.“ Veraltete Leitungssysteme stellen ebenfalls ein Risiko dar. Wobei allerdings, wie Jens Fleischer betont, auch Neubauten belastet sein können: „Wenn man etwa einen neuen Krankenhausanbau vor der Inbetriebnahme erst einmal ein halbes Jahr mit gefüllten Wasserleitungen stehen lässt, bedeutet das auch ein erhöhtes Kontaminationsrisiko.“

Überall wird derzeit Wasser gespart. Erhöht sich dadurch auch das Risiko für Verunreinigungen, weil dann ja weniger Wasser im Fluss ist?

Wer es mit dem Wassersparen übertreibt, kann dadurch in der Tat das Wachstum von Bakterien in seinen Leitungen anregen. Doch dazu zählen nicht die Installation eines Spezialduschkopfes oder das Betätigen der Spartaste an der Spülmaschine, insofern dabei immer noch genug Wasser durch die Leitungen fließt. Wer aber etwa nach längerer Abwesenheit direkt die ersten Tropfen aus der Leitung zum Trinken nutzt, geht dabei schon ein erhöhtes Infektionsrisiko ein. Daher ist es ratsam, nach dem Urlaub erst einmal das Wasser für einige Zeit ablaufen zu lassen. Und auch beim Energiesparen sollte man es nicht übertreiben. So sollte heißes Wasser mindestens 55 Grad Celsius erreicht haben, nachdem drei Liter abgelaufen sind. Das Kaltwasser sollte 25 Grad nicht überschreiten. Denn Temperaturen zwischen diesen Eckpunkten begünstigen das Wachstum von potenziell gesundheitsschädlichen Bakterien.

Wie kann man sein Leitungswasser auf Keime hin überprüfen lassen?

Die mikrobiologische Überprüfung sollte über ein akkreditiertes Labor erfolgen, das auch einen Probennehmer schickt. Eine entsprechende Liste gibt es beim Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg (MLR).

Was bringen entkeimende Trinkwasserfilter, beispielsweise für den Gebrauch in der Küche?

„Aus gesundheitlicher Sicht muss Trinkwasser in Deutschland im Haushalt nicht nachbehandelt werden“, sagt Martin Weyand vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Dies sehen auch die Verbraucherzentralen so. Allerdings betont man dort auch, dass etwa Filtergeräte, die mit sogenannten mikroporösen Hohlfasermembranen die Bakterien aus dem Wasser holen, an den Wasserhähnen von Reisemobilen, Booten und in Entwicklungsländern sinnvoll sein können. Denn dort steht man immer wieder vor dem Kardinalproblem der Trinkwasserhygiene: dass nämlich das Wasser für längere Zeit bei höheren Temperaturen einfach nur steht, anstatt zu fließen.

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