Bakterien im Körper Erste Mikrobenaufnahme bei der Geburt

Von Kai Kupferschmidt 

Im Mutterleib ist das Baby noch keimfrei. Doch die ersten Stunden im Leben eines Neugeborenen sind auch die Geschichte einer Besiedlung. Die ersten Mikroben nimmt das Baby im Geburtskanal auf. Dafür verändert sich pünktlich vor der Geburt sogar die Vaginalflora der Mutter: Es werden mehr Laktobazillen angesiedelt, damit das Kind zuerst mit diesen erwünschten Bakterien in Berührung kommt. Beim Stillen gesellen sich dann weitere Besiedler hinzu. Schon 24 Stunden nach der Geburt beherbergt das Baby auf jedem Quadratzentimeter Haut tausend Mikroben.

Die Besiedelung kann von Mensch zu Mensch unterschiedlich verlaufen. "Die meisten Menschen haben zwar die gleichen Bakterienarten im Darm", sagt der amerikanische Mikrobiologe Martin Blaser. "Aber je genauer wir da hingucken, umso größer sind die Unterschiede."

Kaiserschnitt und Antibiotika wirken auf den Bakterienbestand

Sie können auch darüber entscheiden, ob ein Mensch krank wird oder nicht. So ist seit Jahren bekannt, dass Menschen, die eine hohe Zahl Bakterien der Art Oxalibacter formigenes beherbergen, ein geringeres Risiko haben, Nierensteine zu bilden. Denn Nierensteine bestehen häufig zu einem Teil aus Oxalsäure und die wird von diesem Bakterium gespalten. Forscher untersuchen inzwischen auch den Einfluss des Mikrobioms auf Schuppenflechte, ADHS, das Tourette-Syndrom und Diabetes. Auch zwischen übergewichtigen und dünnen Menschen haben sie Unterschiede in der Darmflora gefunden.

Martin Blaser glaubt, dass Veränderungen im Mikrobiom erklären könnten, weshalb Krankheiten wie Asthma viel häufiger auftreten als noch vor wenigen Jahrzehnten. "Wir haben heute sauberes Trinkwasser, Antibiotika, mehr Kaiserschnitte. Das alles hat auch unser Mikrobiom beeinflusst und damit vermutlich auch unser Risiko für bestimmte Krankheiten", sagt er. Blaser nennt es die "Hypothese des verschwindenden Mikrobioms". Bei einer Kaiserschnittgeburt kommt das Kind beispielsweise nicht mit den Laktobazillen der Mutter in Kontakt.

Tatsächlich gibt es Anzeichen für Blasers Hypothese: Helicobacter pylori trägt der Mensch seit mindestens 60.000 Jahren in sich. Früher war der Keim das häufigste Bakterium im Magen des Menschen. Aber seit es in den 80er Jahren als die häufigste Ursache von Magengeschwüren ausgemacht wurde, wird der Keim in vielen Fällen mit Antibiotika bekämpft. Inzwischen gibt es Hinweise darauf, dass Helicobacter auch seine gute Seiten hat, vor allem in jungen Jahren. So könnte das Bakterium das Risiko reduzieren, als Kind Asthma zu entwickeln. "Möglicherweise wird man in Zukunft Kindern Helicobacter geben und dann bei Erwachsenen bekämpfen", sagt Blaser.