Baltmannsweiler Paris und Schurwald: Video-Künstlerin pendelt international
In Baltmannsweiler zeigt Anette C. Halm Videoarbeiten, die von der Straße zu sehen sind. Es geht um Erinnerung, Körper, Identität und gesellschaftliche Ideale.
In Baltmannsweiler zeigt Anette C. Halm Videoarbeiten, die von der Straße zu sehen sind. Es geht um Erinnerung, Körper, Identität und gesellschaftliche Ideale.
Nein, ein Jetset-Leben führe sie nicht, erklärt die Künstlerin Anette C. Halm, auch wenn sie zwischen Paris und dem Kreis Esslingen pendle. Momentan sei sie im Ruhemodus, da die zurückliegenden Jahre dank Stipendien und Ausstellungen sehr bewegt waren. Stuttgart, Genua, Paris sind nur die größeren Städte, an denen die für Malerei, Performance, Video und Fotografie bekannte Künstlerin ihre Spuren hinterlassen hat. Dass sie für ihr jüngstes Kunst-Projekt ausgerechnet ins beschauliche Baltmannsweiler gekommen ist, hat auch private Gründe.
Von außen unterscheidet sich das Zweifamilienhaus in der Albstraße eins nicht von der Nachbarbebauung aus den 1960er und 1970er Jahren. Erst mit der Dämmerung zeigt sich sein Geheimnis. Während in den meisten Nachbarhäusern bereits die Rollläden herunter gelassen sind, lädt das Gebäude Albstraße eins zum Video-Spektakel ein, das von der Straße aus zu sehen ist.
Das Treppenhausfenster im ersten Stock bietet dabei tiefe Einblicke in das künstlerische Schaffen von Anette C. Halm und ihrer Tochter, der Kunststudentin Sissi-Madelaine Schöllhuber, die sich mit der Frage nach Authentizität von Weiblichkeit in Zeiten von Foto-Filtern, Influencern und dem Drang der Selbstoptimierung hin zur Gleichförmigkeit mit Hilfe von Schönheitsdocs beschäftigt.
Das Projekt trägt die Überschrift „Fenster zur Straße“. Bis zum 15. März sind dort täglich von 18 bis 20 Uhr fünf Videoarbeiten mit insgesamt 20 Minuten Dauer in einer Endlosschleife zu sehen, die „sich mit Wahrnehmung, Erinnerung, dem Blick, Körper, Identität, Archiv und Nachlass sowie gesellschaftlichen Zuschreibungen und künftig auch mit Archiv und Nachlass auseinandersetzen“, wie es auf der dazugehörenden Homepage heißt.
„I am LOVE“ titelt die Schau, die zuvor bereits beim Kunstprojekt Videocity in Tübingen in einem Schaufenster in der Altstadt gezeigt wurde. Das internationale Kunstprojekt Videocity im öffentlichen Raum ist im Jahr 2013 von der deutschen Kuratorin Andrea Domesle in Basel gegründet worden. Dabei wird Videokunst mit dem Publikum in öffentlichen Räumen auf der ganzen Welt verbunden, sowohl drinnen als auch draußen und an ungewöhnlichen Orten.
Und nun also in Baltmannsweiler. Wobei es sich beim Gebäude Albstraße eins um einen mit persönlicher Erinnerungen aufgeladenen Ort handelt, denn dort ist Anette C. Halm aufgewachsen. „Das Projekt ist noch im Werden“, erklärt die Künstlerin, die ein Jahr lang im Haus renoviert hat, um dort unter der Überschrift „Haus der Dinge“ nach ihren Worten ein „künstlerisches Ausstellungs- und Archivprojekt über das Sammeln, Ordnen und Bewahren zwischen Erinnerung und Verlust, Chaos und Struktur, persönlicher Geschichte und gesellschaftlicher Zuschreibung“, zu etablieren.
Leben und Arbeit geht bei Anette C. Halm nicht erst seit ihrer im Oktober 2025 begonnenen von Michael Lüthy betreuten Promotion an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart „Sammeln und Horten – Parallelen und Divergenzen zwischen Leidenschaft und Pathologie“ Hand in Hand.
„Ich wohne hier mitten in einer Ausstellung“ sagt die 52-Jährige zu ihrer ersten Salon-Ausstellung, die von Hendrik Bündge (Staatsgalerie Stuttgart) kuratiert wurde und Arbeiten zeigt unter anderem von Pidder Auberger, Katharina Bosse, Felix Droese, Anette C. Halm, Jitka Hanzlová, Wolfe von Lenkiewicz, Jan-Hendrik Pelz, Léopold Rabus, Eva Räder, Sissi-Madelaine Schöllhuber, Eva Schwab und vielen anderen.
Gleichzeitig beinhalte ihre Sammlung „Arbeiten, die zeigen, wie Dinge, Bilder, Räume und Beziehungen als Ordnungen wirken und sich als physisches und psychisches Gewicht in Körper und Psyche einschreiben“, wie Anette C. Halm sagt, der es „um den Raum als Spiegel innerer Zustände, um philosophische und psychologische Dimensionen des Wohnens“ geht.