Band Wizo aus Sindelfingen Punk bis zum Weltuntergang: 40 Jahre Wizo

Ziehen wieder los: Alex Stinson, Ralf Dietel, Axel Kurth (von links) Foto: Konzertsucht/Sonja Möller

Wizo aus Sindelfingen feiern ihren 40. Geburtstag in diesem Jahr mit einer großen Tour, die nun startet. Einblicke in das Punkmusikerdasein gibt es beim Probenbesuch.

Kultur: Kathrin Waldow (kaw)

Vierzig Jahre Punk hat die Band Wizo auf dem Buckel. Frontmann Axel Kurth hat die Gruppe 1986 in Sindelfingen gegründet. In dieser Woche startet die aktuelle Tour der Band durch Deutschland, Österreich und die Schweiz – 48 Konzerte – , der Abschluss ist für den 4. und 5. April im Heimathafen Stuttgart im LKA Longhorn geplant. „Wenn wir zweimal das LKA voll kriegen, könnten wir auch in der Porsche-Arena spielen. Aber das wollen wir nicht. Wir wollen nah beim Publikum sein und die Energie der Leute beim Konzert spüren“, sagt Kurth. So bleibt Wizo den Klubs und kleineren Konzertsälen treu, was zur Bandgeschichte passt.

 

„Als wir anfingen Musik zu machen, haben wir in den Vororten von Hamburg und Düsseldorf gespielt und gemerkt, hey, da gibt es genauso Dorfpunks wie uns, das sind auch keine coolen Großstadtpunks, das ist ja geil. Und diesen Nerv haben wir getroffen, dass wir Musik für Leute aus den anderen Sindelfingens der Republik machen, aus den Kleinstädten – und das sind echt viele – die identifizieren sich mit uns und unserer Musik.“ Überhaupt: Die Energie des Publikums sei Wizos „Geheimwaffe“, sagt Sänger, Songschreiber und Wizo-Mastermind Kurth. Immerhin ist er mittlerweile 56, und hat wer weiß wie viele Konzerte gespielt, da braucht man nicht nur eine gute Kondition, sondern kann eine „Geheimwaffe“ gut gebrauchen.

Auf der Bühne sind in der seit elf Jahren bestehenden Besetzung Ralf Dietel (Bass) und Alex Stinson (Schlagzeug) mit am Start. Es ist ihre vierte gemeinsame Tour. Wizo hat sich auf Touren und Konzerte spezialisiert, davon leben die Bandmitglieder. Daher steht nach der Tour 2024 in diesem Jahr wieder eine an. Viele Termine sind ausverkauft.

Trotz Rebellion wird akribisch geprobt

Stinson (40) kommt ursprünglich aus Esslingen und hat schon in mehreren Bands gespielt. „Anfang der 2000er war die Szene rund um Ludwigsburg, Stuttgart, Esslingen noch größer. Da hatte jeder eine Band. Heute ist die Punkszene schon etwas geschrumpft“, so Stinson. Dietel (52) wohnt in Los Angeles. Ihm wurde es 2003 zu eng in Böblingen und Sindelfingen, außerdem fehlten ihm hier die passenden Musiker für ein neues Bandprojekt. Die und neue musikalische Möglichkeiten fand er in Los Angeles. Nun kommt er regelmäßig für die Arbeit mit Wizo in die alte Heimat, immerhin gehört er seit Jahren fest zur Besetzung.

Ralf Dietel (li.) und Axel Kurth beim Wizo-Konzert im LKA vor zwei Jahren Foto: Lichtgut

Alle drei sind erfahrene Profis, das merkt man auch bei der Probe kurz vor dem Tourstart. „Was uns vereint, ist nach wie vor der Drang nach positiver Veränderung“, sagt Kurth. Die Konzentration ist zu hundert Prozent da, jeder Takt, Einsatz und fast jede Textzeile sitzt. Trotz rebellischem Punkertum wird akribisch jedes Lied in voller Länge inklusive Soli und Ansagen ans Publikum durchgespielt – ohne Noten. Eine schnelle Nummer folgt auf die andere. „Kopfschuss“ etwa vom Album „UUAARRGH!“, das 1994, ein Jahr nach dem Durchbruch der Band mit einem Cover des Ace-of-Base-Hits „All That She Wants“, rauskam, „Rakäthe“ aus dem Jahr 2025, „Seegurke“ vom Album „Punk gibt’s nicht umsonst! (Teil III)“ von 2014. Ruhiger, trauriger wird es mit „Quadrat im Kreis“ von 1995. Damit stimmen Wizo, wie Kurth sagt, ihre Mental-Health-Hymne an. Auf der Tour gibt es einen Querschnitt der Band aus den letzten vierzig Jahren zu hören.

Der Sound klingt oft ähnlich, angelehnt an den Deutschpunk der neunziger Jahre. „Wenn wir neue Songs produzieren, hole ich mir oft Inspiration von den alten Sachen und schaue zurück auf das, was wir schon gemacht haben. Viel von unserer heutigen Entwicklung liegt auch darin, dass wir Gelerntes wieder abschütteln“, sagt Axel Kurth. Alex Stinson als Millennial sieht in der musikalischen Entwicklung von Wizo einen Mix zwischen zwei Punkgenerationen.

Die Texte sind es vor allen Dingen, die Fans an Wizo mögen: Sie sind leicht verständlich und handeln von Gerechtigkeit, Auflehnung, Antifaschismus, sie enthalten politische Botschaften gegen Rechts, gegen Rassismus, Verblendung und Verdummung, handeln aber auch von Kummer und Gleichgültigkeit. „Es ist ein Teil meiner politischen Arbeit, so definiere ich das“, sagt Kurth.

Auf Youtube etwa liest man unter den Beiträgen von Wizo immer wieder Nutzerkommentare, die bestätigen, dass viele ihrer Fans seit ihrer Jugend die Band hören. Band und Fans sind zusammen gealtert. Dass auch jüngere Gesichter auf Konzerten im Publikum zu sehen sind, erklärt sich der 56-Jährige so: „Wir haben eine Formel gefunden, die funktioniert, die variieren wir, und wir haben gute Texte und aktuelle Themen.“ Etwa den Titel „Scheiß AfD“ von 2025. „Hier wollte ich triggern“, so Kurth. Im Lied heißt es „Scheiß AfD, Die ganze Scheißpartei ist Mist, weil Drecksfaschismus scheiße ist!“ (...) „Mit denen zu reden hat keinen Zweck, der ganze braune Müll kann weg!“

Wizo-Konzert als „arschlochfreie Zone“

Führt das nicht zu mehr Spaltung? „Hier beziehe ich bewusst Position, nämlich die eines Menschen, der seit vierzig Jahren gegen Nazis ist. Da will ich die Leute im Publikum abholen, die jeden Tag struggeln gegen den Rechtsruck, jeden Tag mit dem Onkel Stress haben, der auf dem Familienfest wieder rechtes Zeug labert und die immer schon das Maul aufgemacht haben, und trotzdem ist die AfD bei 25 Prozent. Bei diesen ganzen Bemühungen gibt es auch mal Phasen, in denen man nicht mehr debattieren, sondern einfach mal richtig abkotzen und seinen Frust rauslassen will.“ – So Kurths Erklärung.

Im Proberaum hat schon vieles den Look der anstehenden Tour. Gelb dominiert die Bühnengestaltung und untermauert das Tourmotto „Wizo bringt das Licht“, Untertitel: „Welt kaputt, feiern gut“.

Die vom spanischen Künstler Joel Abad gestalteten Banner zeigen aus gelbem Nebel aufsteigende Zombies. „Das Motto und die Illustrationen sind an unseren Song ‚Rakäthe bringt das Licht‘ angelehnt, den ich geschrieben habe, weil ich mich an der Gefahr der Atomwaffen und der endgültigen Zerstörung der Welt abgearbeitet habe“, erläutert Axel Kurth. „Diese Endzeitstimmung wollten wir mit dem Tourmotto ad absurdum führen. Nein, im Ernst: Wir wollen den Leuten in dieser finsteren Welt einen Abend in unserem Safe Space bieten, ein Wizo-Konzert ist eine arschlochfreie Zone“, sagt Kurth. Besucher empfinden die Atmosphäre teils ähnlich wie bei einer linksradikalen Veranstaltung.

Wer weiß, wie sich die Welt weiterdreht, wie sich die Situation vieler Veranstaltungsräume weiterentwickelt – wie es politisch weitergeht – eins steht fest: So jung kommen Wizo nicht mehr zusammen.

Tour

Geschichte
 Axel Kurth (Gitarrist und Sänger) gründete Wizo 1986 mit Jörn Genserowski und Jochen Bix, 2005 löste sich die Band auf. Die Neugründung fand 2009 statt. Seit 2015 ist Schlagzeuger Alex Stinson, seit 2014 Ralf Dietel dabei. Zwischen 1991 und 2023 sind neun Studioalben erschienen.

Tour
 Am 4. 2. startet die Tour in Lindau. Für Ulm (5.2.) gibt es noch Tickets, wie etwa auch für Würzburg (6.2.), München (12.2.), Regensburg (25.2.), Freiburg (1.4.) und Stuttgart (5.4.). Alle Termine: wizo.de  

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