Banden in der Region Stuttgart Die Chronologie der Schüsse-Serie
Schüsse auf offener Straße und ein Handgranatenangriff auf einem Friedhof halten die Region Stuttgart seit dem Sommer 2022 in Atem. Eine Übersicht.
Schüsse auf offener Straße und ein Handgranatenangriff auf einem Friedhof halten die Region Stuttgart seit dem Sommer 2022 in Atem. Eine Übersicht.
Im Juli 2022 beginnt im Raum Stuttgart eine Serie noch nie da gewesener Gewalttaten mit Schusswaffen. Die Täter feuern gezielt auf Personen im öffentlichen Raum – vor und in Gaststätten, auf Plätzen, teilweise mitten am Tag. Stuttgart, Göppingen, Schorndorf, Esslingen, Plochingen, Reichenbach, Ludwigsburg – die Tatorte sind über die ganze Region verstreut. Die Zusammensetzung zweier rivalisierender Gruppen und ihre Ideologie werden von der Polizei mühsam, aber stetig entziffert. Wer kämpft hier gegen wen und warum?
Gibt es in Göppingen immer noch keine Ruhe? Schon wieder Schüsse in der Innenstadt. Am 18. Januar wird auf das Schaufenster einer türkischen Bäckerei geschossen. Am 28. Januar fallen in einem anatolischen Restaurant Schüsse. Zum Glück wird niemand verletzt. Die Tatorte sind etwas mehr als 200 Meter voneinander entfernt. Die Polizei gründet eine Sonderkommission. Sind hier wieder Rivalitäten unter den im Kern kurdisch geprägten Schüsse-Banden aufgeflammt? Mit verstärkten Streifen und Kontrollaktionen versucht die Polizei, das Sicherheitsgefühl zu stärken und mögliche andere Täter abzuschrecken.
Nach den bisherigen Erkenntnissen dürften die beiden Taten wohl zusammenhängen. Jedoch sieht es nach Einschätzung eingeweihter Kreise eher danach aus, dass hier ein anderer Konflikt eine Rolle spielt. Das war beim Attentat am 2. Oktober 2024 in einer Bar auf ein vermeintliches Führungsmitglied der Göppinger Clique noch anders. Damals hatte der Schütze sein Opfer allerdings verwechselt. Der Getötete sah ihm nur ähnlich. Aktuell konnten zwei Verdächtige im Alter von 24 und 33 Jahren ermittelt werden – sie sind italienische Staatsbürger.
Nachdem es bei den Polizeibehörden zunächst Reibungsverluste und Missstimmung gegeben und das LKA deshalb zentral eine Sondereinheit mit 135 Beamten unter dem Namen „Fokus“ aufgebaut hatte, ist ein Berg von Verfahren bei der Justiz gelandet. Innenminister Thomas Strobl (CDU) sieht die Gruppierungen geschwächt: Es seien auf beiden Seiten führende Personen gefasst worden. Inzwischen ist die Sondereinheit aufgelöst, nur ein Kern von etwa einem Dutzend Beamten behält weiter die Übersicht.
Die „subkulturelle Gewaltkriminalität“ befindet sich in ihrem fünften Jahr. Hier der Blick auf die Chronik der Ereignisse.
Der erste Fall – zumindest auf der offiziellen Liste – spielt sich am 20. Juli 2022 ab. Es ist 20.45 Uhr, als sich ein großer, weißer BMW einem Geschäftsgebäude mit diversen Lokalitäten an der Ecke Burgunder- und Unterländer Straße in Zuffenhausen nähert und der Beifahrer eine Pistole auf eine Personengruppe vor der Ladenzeile richtet. Ein Schuss fällt.
Die Kugel trifft die Glasscheibe einer Eingangstür. Der BMW rast davon, ein schwarzer Mercedes rast ihm hinterher. Am Ende sind beide spurlos verschwunden. Die Polizei tappt im Dunkeln, und niemand weiß etwas.
Bereits im Januar 2020 hatte sich an dieser Stelle ein weiterer Fall abgespielt. Und es wird nicht der letzte bleiben.
Zeugen geben an, in der Nacht zum 1. August gegen 0.25 Uhr mehrere Schüsse am Bahnhof von Stuttgart-Zuffenhausen gehört zu haben. Die Polizei überprüft einen Zusammenhang mit den Schüssen am 20. Juli. Was erst später bekannt wird: Auch dazwischen ist auf eine Fahrzeugbesatzung gefeuert worden. Nachträglich wird eine Tatzeit zwischen dem 24. und 31. Juli 2022 ermittelt.
Noch beschränken sich die bekannten Fälle auf Stuttgart-Zuffenhausen. Das bleibt aber nicht lange so.
Am 5. September gegen 22.45 Uhr feuern zwei Gruppen vor einer Gaststätte an der Obertürkheimer Straße 19-mal aufeinander, getroffen wird wie durch ein Wunder niemand. Ermittelt werden auf der einen Seite vier 20- bis 21-Jährige mit familiären Wurzeln in Bosnien, Serbien, Nigeria, auf der anderen Seite ein 32-Jähriger mit kurdischer Herkunft.
In der Folgezeit knallt es immer öfter. Mal mit Schreckschusswaffen, mal mit scharfer Munition:
6. 10. 2022, Esslingen-Mettingen, Bushaltestelle an der Obertürkheimer Straße: Es kommt zu einer Auseinandersetzung mit Steinwurf und Schuss aus einer Schreckschusswaffe.
21.10.2022, Stuttgart-Ost, Cannstatter Straße: Bei einer Kontrolle eines VW Golf mit fünf Insassen wird ein 20-Jähriger aus Plochingen mit einer halb automatischen Kurzwaffe mit fünf Patronen unterm Fahrersitz erwischt.
4. 12. 2022, Stuttgart-Zuffenhausen, Stammheimer Straße vor einer Diskothek: Ein 23-Jähriger wird offenbar von einer Kugel leicht verletzt.
18. 12. 2022, Kornwestheim: Ein 56-Jähriger feuert in Richtung einer unbekannten Gruppe.
1. 2. 2023, Stuttgart-Zuffenhausen, Wendefläche beim Reinhold-Brändle-Weg: Ein Autofahrer wird mit einer Schusswaffe bedroht.
15. 2. 2023, Ostfildern-Parksiedlung, Herzog-Philipp-Platz: Schusswechsel mit mehreren Beteiligten, die alle unerkannt entkommen. Auch mögliche Verletzte melden sich nicht.
Am 24. Februar wird in Eislingen (Kreis Göppingen) einer 21-jährigen Frau vor einer Shisha-Bar ins Bein geschossen, die Schüsse werden aus einem Auto heraus abgegeben. Offenbar sind mehrere Schusswaffen und mehrere Schützen im Spiel. Kurz darauf wird in Donzdorf (ebenfalls Kreis Göppingen) ein Schuss gehört. Am Folgetag dreht sich die Spirale der Gewalt weiter:
25. 2. 2023, Reichenbach (Kreis Esslingen), Hauptstraße: Es wird ins Schaufenster eines Barbershops geschossen.
25. 2. 2023, Plochingen (Kreis Esslingen), Marktstraße: Auch hier wird auf einen Barbershop geschossen. Am frühen Morgen will ein 66-jähriger Gastwirt gemeinsam mit Bekannten zwei Maskierte zur Rede stellen, die den Schuss abgegeben haben. Die Maskierten zücken die Waffe und schießen, der Gastwirt wird schwer verletzt.
Die Fälle verteilen sich mittlerweile auf weite Teile in der Region Stuttgart:
Bisher hatten die Polizeipräsidien ihre Fälle selbst zu ermitteln versucht. Nun, im Februar 2023, erkennt das Landeskriminalamt den Ernst der Lage und wird zu einer Koordinierungsstelle für die Ermittler. In Eislingen gibt es die Soko „Phoenix“, benannt nach dem Lokal am Tatort. Das Polizeipräsidium Reutlingen hat die Ermittlungsgruppe „Fokus“ gegründet. Die Stuttgarter brauchen bald ebenfalls eine Soko.
Trotz der koordinierten Ermittlungen setzt sich die Welle der Gewalt im Frühjahr 2023 fort.
Die Stuttgarter Kripo muss wieder nach Stuttgart-Zuffenhausen, in die Burgunderstraße. Ein 32-Jähriger wird am 17. März vor einer Shisha-Bar angeschossen und lebensgefährlich verletzt. Er gilt als einer der Führungspersonen der Zuffenhausen-Clique. Die Soko „Runaway“ ermittelt zunächst einen 20-Jährigen. Doch der Schuss oder auch nur Beihilfe sind ihm zunächst nicht nachzuweisen. Der Plochinger wird später in anderer Sache zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren verurteilt. Erst Ende Februar 2024 können zwei zur Tatzeit 19 und 20 Jahre alte Männer aus der Esslinger Gruppe ermittelt werden. Anfang Juni 2024 erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage – auch gegen den ersten Verdächtigen, der letztlich doch geschossen haben soll.
Am 2. April wird in einer Shisha-Bar an der Eisenbahnstraße in Plochingen (Kreis Esslingen) ein Barbetreiber leicht verletzt. Er ist irakischer Herkunft und öffnet tags darauf seinen Laden wieder. Der Wirt erklärt, überhaupt nicht getroffen oder verletzt worden zu sein – entgegen den Angaben der Polizei. Die Kugeln galten, wie sich später ergibt, offenbar drei Personen der Esslinger Gruppierung, die sich im Lokal aufhielten. Die Polizei nimmt später zwei 22-Jährige griechischer und türkischer Herkunft fest, die aus einem Kleinwagen heraus auf die Gaststätte geschossen haben sollen.
Am 4. April wird im Stuttgarter Stadtteil Fasanenhof scharf geschossen – letztlich wird nur das Auto eines 25-Jährigen getroffen. Eine Racheaktion für die vorangegangene Plochinger Tat? Der Fasanenhof zählt für die Esslinger Allianz zur gegnerischen Fraktion. Der Betroffene wird am 28. Januar 2025 noch einmal eine unfreiwillige Rolle spielen.
Am 8. April in Asperg (Kreis Ludwigsburg) fordert ein Schusswaffengebrauch den ersten Toten. Ein 18-Jähriger stirbt auf einem Schotterparkplatz, ein Gleichaltriger wird schwer verletzt.
Die 40-köpfige Soko „Goethe“ kommt zum Schluss, dass es sich wohl um einen anderen Konflikt gehandelt haben dürfte. Die Tat sei isoliert zu betrachten, heißt es. Es gibt allerdings personelle Querverbindungen in das Milieu, in dem die Serie der Gewalttaten sich zugetragen hat. Fünf Verdächtige, 17 bis 27 Jahre alt, mit kurdischen und serbischen Wurzeln oder einer ungeklärten Herkunft, werden festgenommen. Einer der Beteiligten soll der Zuffenhausen-Gruppierung angehören.
Nur durch glückliche Umstände wird auf dem Altbacher Friedhof ein Blutbad mit Toten und Verletzten verhindert. Ein junger Mann wirft am 9. Juni während der Beisetzung eines 20-Jährigen mit kenianischen Wurzeln eine Handgranate auf die Trauergemeinde. Die Granate prallt am Ast eines Baums ab und explodiert wenige Meter weiter auf einer Anhöhe. Bei der Explosion werden 15 Personen verletzt.
Der Anschlag soll der anderen multiethnischen Gruppierung mit Hauptsitz Esslingen gegolten haben, unter ihnen drei 19-, 20- und 21-Jährige aus Ludwigsburg mit deutschem, türkischem und georgischem Pass. Der inzwischen verurteilte Täter – ein 23-Jähriger kurdisch-iranischer Herkunft aus Hattenhofen (Kreis Göppingen) – wird von Gästen der Trauerfeier verfolgt und mit Schlägen und Tritten schwer verletzt. Wer hat ihn beauftragt? Hängt alles mit den Schüssen in Zuffenhausen im März zusammen?
Wer führt hier Krieg gegen wen? Was vereint die jeweils rivalisierenden Gruppen? Für den Sprecher des Landeskriminalamts ist klar: „Das ist nicht an irgendwelchen Ethnien festzumachen. Mehr sogenannte Multikulti geht da gar nicht.“ Am stärksten vertreten sind türkeistämmige Kurden, die Herkunft anderer Beteiligter reicht indes vom Balkan über Osteuropa bis nach Afrika. Im Netz präsentieren sie sich jeweils mit Gangster-Rapper-Attitüde.
Die Ermittler ordnen die eine Gruppierung den Bereichen Zuffenhausen/Göppingen/Schorndorf zu, die andere der Achse Ludwigsburg/Esslingen/Plochingen. Die Esslinger Gruppe wird polizeiintern zunächst als Altkurden bezeichnet, es finden sich Wurzeln in der verbotenen, kurdisch geprägten Straßengang Red Legion. Allerdings gibt es Red-Legion-Wurzeln auch bei der Zuffenhausen-Seite. Der ideologische Hintergrund? Kriminell zu sein, das ist offenbar der Lebensstil. Der LKA-Präsident Andreas Stenger sieht einen „toxischen Ehrbegriff“.
Die Karte zeigt die bis dato bekannt gewordenen Ereignisse mit Schusswaffengebrauch oder im Zusammenhang mit der Tatserie:
Nicht immer fallen Schüsse. Am 10. August 2023 kommt es in der Stuttgarter Innenstadt zu einer Schlägerei, als dort zufällig Anhänger beider Gruppierungen aufeinandertreffen. Die Polizei kann sieben junge Männer fassen. Bei drei von ihnen werden Ende September die Wohnungen im Kreis Esslingen durchsucht. Die Polizei findet unter anderem Schreckschusswaffen, Messer und Baseballschläger. Es dauert aber bis zum 10. November, ehe ein türkischer 22-Jähriger in Esslingen verhaftet wird – er soll am Schlossplatz einen Teleskopschlagstock eingesetzt haben.
Am frühen Morgen des 21. September 2023 brennt es in einem Mehrfamilienhaus in Reichenbach (Landkreis Esslingen). Das Feuer bricht im Erdgeschoss aus – dort war bis kurz zuvor der Barbershop beheimatet, dessen Scheiben schon im Februar durch Schüsse zerstört worden waren. Am 16. Februar 2024 gibt es Durchsuchungen bei fünf Tatverdächtigen. Ein 20-jähriger Deutsch-Grieche landet in U-Haft, ein 21-Jähriger kosovarischer Herkunft sitzt da bereits – wegen bewaffneten Drogenhandels. Im Juni 2024 klagt die Staatsanwaltschaft ein Trio wegen versuchten Mordes an.
Am 2. Oktober wird ein 31-Jähriger am Schwabenplatz in Stuttgart-Vaihingen von einem Auto mit niederländischem Kennzeichen überfahren und lebensgefährlich verletzt. Der Fahrer flüchtet, lässt den Wagen im Stadtteil Fasanenhof zurück. Der 25-Jährige taucht in der Türkei unter, wird aber festgenommen und ein Jahr später ausgeliefert. Konflikte zwischen Cliquen aus Vaihingen und dem Fasanenhof haben eine längere Geschichte – und auch sie sind Teil der Auseinandersetzungen. Vaihingen soll mit Esslingen kooperieren, der Fasanenhof mit Zuffenhausen. Das Vaihinger Opfer, ein Shisha-Bar-Besitzer und Mann mit Red-Legion-Vergangenheit, liegt seither im Wachkoma.
Dann knallt es wieder: Am Abend des 23. Oktober 2023 gibt es einen Schusswechsel zwischen den Insassen zweier Fahrzeuge in Schorndorf-Weiler (Rems-Murr-Kreis). Dabei stellt sich ein 20-Jähriger Türkei-Deutscher aus dem Kreis Göppingen selbst der Polizei – als angebliches Opfer. Weil das mutmaßliche Mitglied der Stuttgart-Göppingen-Clique aber offenbar selbst mit einer Maschinenpistole am Schusswechsel teilgenommen haben soll, kommt er in U-Haft. Von den Gegnern ist zunächst nichts bekannt. Am 9. Februar 2024 wird ein 29-Jähriger ermittelt, für einen Haftbefehl reicht es aber nicht. Auch ein 24-Jähriger, der am 26. Februar Besuch bekommt, bleibt auf freiem Fuß.
Ein Brandanschlag am 2. Dezember 2023 an einem Burger-Lokal in Nürtingen-Neckarhausen (Kreis Esslingen) trägt ebenfalls die Handschrift der Straßengangs. Es bleibt bei Sachschaden.
Beinahe einen Toten gibt es am 12. Dezember 2023. Eine Gruppe Maskierter lauert im Stadtteil Fasanenhof einem 29-Jährigen auf und sticht ihn nieder. Der Mann, der nach Ansicht der Ermittler zur Fraktion der Gruppierung Zuffenhausen/Göppingen gehört und offenbar von der verfeindeten Konkurrenz ins Visier genommen wurde, überlebt nur dank einer Notoperation im Krankenhaus. Die Stuttgarter Kripo ermittelt zunächst selbst mit ihrer Ermittlungsgruppe „Cava“, lateinisch für Löcher – muss den Fall aber einen Tag später ans LKA abgeben.
Der Handgranatenanschlag von Altbach am 9. Juni 2023 ist mit der Festnahme des 23-jährigen Angreifers schnell geklärt – die fast tödliche Rache der gegnerischen Gruppe führt mit Verspätung auch bei ihr zu Festnahmen und Verhaftungen. Mit Stand vom 13. März 2025 werden im Anschluss insgesamt 60 Beschuldige ermittelt, die zuschlugen oder aufwiegelten. Bereits am 14. Juni 2023 gehen wegen versuchten gemeinschaftlichen Totschlags zwei 20- und 21-Jährige in Haft, außerdem als gesonderter Beifang ein 19-Jähriger wegen Waffenbesitzes. Ebenfalls ein Beifang: Der 20-Jährige wird später als Mitorganisator einer Betrugsmasche mit „falschen Polizisten“ entlarvt.
Im Kreis Esslingen werden später ein 19- und ein 17-Jähriger verhaftet. Am 9. August geht den Fahndern in Esslingen ein 19-Jähriger ins Netz – auch dieser landet hinter Gittern. Ein weiterer mutmaßlicher Angreifer wird am 25. September gefasst: Der 27-Jährige aus dem Kreis Esslingen kommt in Untersuchungshaft. Ein 19-Jähriger soll eine Rettungswagenbesatzung „nur“ bedroht haben, aber auch er kommt am 29. September in U-Haft. Der Türkei-Deutsche soll in Esslingen vor einem Gerichtsprozess in anderer Sache einen Zeugen zu einer Falschaussage genötigt haben. Am 30. November 2023 bekommt ein 32-jähriger Deutscher Besuch von der Polizei. Und fast ein Jahr später der Nachschlag: Am 25. Oktober 2024 werden ein 20-jähriger türkischer und ein 21-jähriger deutscher Staatsangehöriger, am 15. November in Göppingen und Esslingen ein 20-jähriger Serbe und ein 21-jähriger Türkeideutscher als mutmaßliche Beteiligte verhaftet.
Die Ermittler führen bald eine Liste mit 550 Namen, die den beiden schießwütigen Gruppierungen zugerechnet werden. Immer wieder kommt es zu gezielten Festnahmen im Umfeld – aber auch zu Zufallstreffern bei Kontrollen. In Böblingen wird Mitte Juli 2023 bei einer Verkehrskontrolle ein 31-jähriger deutscher Autoinsasse und mutmaßlicher Cliquenangehöriger mit einer geladenen scharfen Schusswaffe dingfest gemacht.
Am 25. Juli 2023 erwischt die Polizei bei Geislingen (Kreis Göppingen) einen 20 Jahre alten Mann, der eine zur scharfen Waffe umgebaute Schreckschusspistole dabei hat. Dies ist laut dem LKA kein Zufallstreffer, man habe ihn gezielt kontrolliert.
In Heilbronn wird am 31. Juli 2023 ein 30-jähriger türkischer Staatsbürger mit zwei Komplizen und zwei Kilo Marihuana festgenommen. Er soll außerdem Ende Februar im Raum Aachen eine räuberische Erpressung begangen haben. Der 30-Jährige steht ebenfalls auf der Namensliste der Schüsse-Ermittlungen.
Im Zusammenhang mit den Schüssen auf die Plochinger Shisha-Bar vom 2. April 2023 meldet das LKA eine dritte Festnahme am 7. August. Der Haftbefehl gegen den 22-Jährigen lautet zunächst auf versuchten Totschlag. Allerdings kann der dringende Tatverdacht nicht erhärtet werden. Er wird später aus der Haft entlassen.
Sieben Monate nach den Schüssen in Ostfildern-Parksiedlung im Februar werden vier mutmaßlich Beteiligte ermittelt. Sie sind 25, 28, 32 und 35 Jahre alt. Ihre Wohnungen in den Kreisen Böblingen, Göppingen und Esslingen werden am 14. September 2023 durchsucht. Haftbefehle gibt es allerdings nicht.
Ein 30-Jähriger mit türkischem Pass wird am 17. Oktober 2023 in der Stuttgarter Innenstadt festgenommen. Er soll mit Marihuana im zweistelligen Kilobereich sowie mit Kokain gehandelt. Bei seiner Festnahme wird eine Schusswaffe sichergestellt. Auch der 30-Jährige steht auf der Liste der Gruppierungen.
Ein 27-jähriger Deutsch-Serbe gerät am 11. November 2023 im Stadtteil Fasanenhof in eine Fahrzeugkontrolle – er hat eine geladene Pistole in seiner Jackentasche. Der Mann wird von einem Richter in Untersuchungshaft geschickt.
Tags darauf, am 12. November, entdeckt eine Streife der Bundespolizei in der Eisenbahnstraße in Bad Cannstatt mehrere Vermummte, die sofort die Flucht ergreifen. Bei der Fahndung wird ein Fahrzeug mit drei Männern gestoppt, die eine geladene Schusswaffe auf dem Rücksitz liegen haben. Der 20-Jährige mit deutscher und zwei 21- und 24-Jährige mit türkischer Staatsbürgerschaft landen in Untersuchungshaft.
Drei 24 Jahre alte Männer mit türkischem Pass werden am 15. November in Stammheim festgenommen und in Untersuchungshaft geschickt. Bei Wohnungsdurchsuchungen werden zwei Schusswaffen, Munition, ein Schalldämpfer, Marihuana und synthetische Drogen gefunden.
Weitere Festnahmen Anfang Dezember 2023: Ein Spaziergänger hatte am 24. Oktober in einem Wald bei Bad Überkingen (Kreis Göppingen) eine Tüte mit brisantem Inhalt gefunden: eine Handgranate, eine Maschinenpistole, ein Revolver. DNA-Spuren führen zu zwei Serben und einem Deutschen. Die 25 bis 55 Jahre alten Männer, bei denen auch 500 Gramm Kokain gefunden werden, landen in Untersuchungshaft.
Der 55-Jährige soll außerdem der Besitzer einer weiteren Handgranate sein, die am 11. Januar 2024 an der Bundesstraße 29 bei Urbach (Rems-Murr-Kreis) gefunden wird. Dafür kommt am 9. Februar noch ein 28-Jähriger aus Schwäbisch Gmünd in U-Haft, der die Kriegswaffe mit dem 25-Jährigen deponiert haben soll. Der 27-jährige Sohn des 55-Jährigen soll zudem Drogenhandel betrieben haben.
Die Polizei versucht durch Kontrollaktionen immer wieder neue Einblicke zu erhalten. Etwa mit zwei parallel gestarteten Razzien in Shisha-Bars in Zuffenhausen und Vaihingen in der Nacht zum 15. Januar 2024. Die Beamten überprüfen 66 Personen und 21 Fahrzeuge. Gefunden werden eine Anscheinswaffe, zwei Messer, ein Tierabwehrspray, etwas Betäubungsmittel.
Drogengeschäfte in Schorndorf (Rems-Murr-Kreis) führen auf die Spur eines 19, 20 und 21 Jahre alten Trios – und das landet am 24. Januar 2024 hinter Gittern. In ihren Wohnungen werden noch Schreckschusswaffen, scharfe Munition und Messer sichergestellt. Die beiden 20 und 21 Jahre alten Beschuldigten mit deutschem Pass sollen der Göppinger Clique angehören.
Am 22. Februar 2024 wird in Plochingen ein 25-Jähriger mit türkischer Staatszugehörigkeit verhaftet. Er soll der Fahrer jener Schützen gewesen sein, die ein Jahr zuvor in Eislingen (Kreis Göppingen) vor dem Lokal Phoenix auf offener Straße gefeuert und eine 21-jährige Frau verletzt hatten.
Am 26., 28. und 29. Februar 2024 gibt es neue Haftbefehle gegen zwei 19 und 20 Jahre alte Deutsche und einen 20-jährigen türkischen Staatsbürger, die zur Esslinger Gruppierung gehören sollen. Zwei von ihnen sollen im März 2023 in Zuffenhausen ein hochrangiges Mitglied der gegnerischen Gruppe, einen 32-Jährigen mit Red-Legion- und Black-Jacket-Erfahrung, niedergeschossen haben. Die beiden sind bereits in anderer Sache hinter Gittern – weil sie zu den Trauergästen im Friedhof Altbach am 9. Juni 2023 gehört haben sollen, die den Handgranatenwerfer fast zu Tode geprügelt und eine Rettungswagenbesatzung bedroht hatten.
Am 18. März 2024 wird ein 23-jähriger Deutscher mit Migrationshintergrund verhaftet. Das mutmaßliche Mitglied der Zuffenhausen/Göppingen-Gang soll bei einem der ersten Feuergefechte in der Unterländer Straße zwischen dem 24. und 31. Juli 2022 auf Gegner aus der Ludwigsburg/Esslingen-Gruppe geschossen haben. Der damals 21-Jährige soll ein Fahrzeug mit zwei Ludwigsburger Insassen verfolgt und dann eine Waffe gezückt haben.
In der Karwoche kommen drei junge Männer in Haft, die in Göppingen einen 17-Jährigen überfallen haben sollen. Sie sollen das Opfer geschlagen und mit einem Messer bedroht und ausgeraubt haben. Alle drei Tatverdächtigen sind schon durch andere Delikte aufgefallen und zählen zu den gut 500 Personen, welche die Ermittelnden den Cliquen zurechnen. Sie waren im eigenen Gebiet unterwegs, zählen also zur Gruppierung Zuffenhausen/Göppingen.
In den Osterferien 2024 gibt es drei weitere Haftbefehle wegen Drogenhandels. Die Verdächtigen gehören ebenfalls zu einer der Gruppierungen. Denn Drogen gehören zum Geschäft der Cliquen. Am 16. April 2024 wird ein 21-Jähriger in Schorndorf verhaftet. Der wegen Gewalt bekannte Deutsche soll bei einem Geschäft eine Schusswaffe dabei gehabt haben. Bei ihm wird bei der Razzia durch Spezialkräfte scharfe Munition gefunden. Später gibt er zu, dass er am 9. November 2022 in Schorndorf mit einer Gaspistole auf ein Tattoo-Studio geschossen habe, um den Besitzer in einer Familienangelegenheit zu einem Gespräch zu zwingen.
Tatort: Justizvollzugsanstalt. Eine Drogenrazzia folgt am 22. Juli 2024 an einigen Orten in der Region. In den Stuttgarter Bezirken Zuffenhausen, Stammheim und Bad Cannstatt, in den verbündeten Orten Göppingen und Eislingen, aber auch in Plochingen und Kirchheim unter Teck sprengen die Ermittler unter dem Codenamen „Paper“ spezielle Drogengeschäfte. In Papier getränktes synthetisches Cannabinoid wurde in nicht geringen Mengen vorzugsweise per Anwaltspost ins Gefängnis Stuttgart-Stammheim geschmuggelt. Acht Männer und zwei Frauen im Alter von 20 bis 31 Jahren sollen beteiligt gewesen sein, es gibt sieben Haftbefehle. Einem 28-Jährigen ordnen die Ermittler die Mitgliedschaft in der Zuffenhausen/Göppingen-Gruppe sowie eine sichergestellte scharfe Schusswaffe zu.
Wie eine Hinrichtung: Ein junger Mann mit Maschinenpistole feuert am 2. Oktober 2024 in einem Lokal in Göppingen auf drei Gäste syrischer Herkunft. Ein 29-Jähriger stirbt, seine zwei Brüder überleben schwer verletzt. Die Soko „Kurz“ sucht den Täter – und bald stellt sich heraus, dass nicht wie ursprünglich vermutet, eine Rockerbande dahintersteckt, sondern erneut die Dauerfehde der rabiaten Cliquen. Am 12. Februar 2025 wird ein 17-jähriger Syrer verhaftet. Der Jugendliche, der in einer Gemeinde östlich von Esslingen lebt, steht auf der LKA-Liste in der Fraktion der Esslingen-Ludwigsburg-Clique, für die Göppingen Feindesland ist. Die Ermittler finden heraus, dass er die Opfer verwechselt hat – die drei Brüder haben nichts mit den Banden zu tun und sind Zufallsopfer.
Ein 27-Jähriger wird am 14. Dezember 2024 verhaftet, nachdem er frühmorgens mit einer scharfen Schusswaffe in der Esslinger Innenstadt herumgeballert, einen Autofahrer bedroht und dessen Fahrzeug an sich gebracht hat. Ein Haftbefehl liegt bereits vor – denn der türkeistämmige Mann soll mit Komplizen im Sommer 2024 zwei andere Männer überfallen haben.
Aufsehen erregt ein Doppelschlag der Polizei gegen die Göppinger Fraktion: Am 22. Januar 2025 werden zwei 24 und 30 Jahre alte Männer irakischer Herkunft verhaftet. Ihnen wird Raub, Drogenhandel und illegaler Waffenbesitz vorgeworfen. Tags darauf gibt es am Abend im Bereich des Busbahnhofs in Göppingen groß angelegte Gaststättenkontrollen – mutmaßliche Treffpunkte der multiethnischen Szene. Dabei werden Drogen, Messer und ein Pistolenmagazin sichergestellt. Vor allem aber eine Reihe von Smartphones – die nun auf verräterische Kommunikationen ausgewertet werden.
Ein 27-Jähriger wird am 28. Januar 2025 in der Leinenweberstraße in Möhringen mit Bauchschuss vorgefunden. Das Opfer wird im Krankenhaus mit einer Not-OP gerettet. Auf das Opfer soll schon einmal, am 4. April 2023, im Fasanenhof geschossen worden sein. Auf den Fildern verlaufen Grenzlinien. Der Möhringer Stadtteil Fasanenhof zählt zur Zuffenhausen-Gruppe. Das benachbarte Vaihingen wird der gegnerischen Esslingen/Ludwigsburg-Gruppe zugerechnet. Die Kripo spürt am 29. Januar 2025 einen 25-Jährigen als mutmaßlichen Schützen auf, der für sie zur Esslingen-Fraktion zählt und ganz in der Nähe des Tatorts wohnt. Beide Beteiligten sind Deutsche, der Tatverdächtige mit türkischen, das Opfer mit afghanischen Wurzeln.
Die Polizei stattet am 11. und 13. März 2025 insgesamt 19 Personen einen überraschenden Besuch ab. Sie sollen beim Angriff von Trauergästen auf den Handgranaten-Attentäter von Altbach im Juni 2023 Beihilfe durch Anfeuern und Aufwiegeln geleistet haben. Bei den Durchsuchungen in Stuttgart, Esslingen, Plochingen, Fellbach, Freiberg am Neckar, Kirchheim/Teck, Weilheim/Teck, Reichenbach, Altbach, Rohrdorf und Schramberg werden unter anderem sechs Schreckschusswaffen, neun Messer, drei Hiebwaffen und vier Böller sichergestellt. 50 Datenträger könnten neue Informationen liefern.
Wieder Schüsse – diesmal am 17. Mai 2025 in der Pappelallee in Göppingen. Die Kripo Ulm bildet die Soko Pappel und prüft mögliche Zusammenhänge mit den Schüsse-Cliquen. Zumindest das 25 Jahre alte Opfer ist als Angehöriger der Göppinger Fraktion polizeibekannt. Am 28. Mai wird ein Verdächtiger verhaftet – ein 34-jähriger Iraker aus dem Kreis Göppingen. Ein Komplize entkommt zunächst. Offenbar handelt es sich um eine Abrechnung abseits des Bandenkriegs.
Ähnlich dürfte es sich bei zwei Fällen zu Jahresbeginn 2026 handeln: Am 18. Januar wird auf das Schaufenster einer türkischen Bäckerei geschossen. Am 28. Januar fallen in einem türkischen Restaurant Schüsse. Zum Glück wird niemand verletzt. Die Tatorte sind etwas mehr als 200 Meter voneinander entfernt. Die Polizei gründet eine Sonderkommission. Sind hier wieder Rivalitäten unter den im Kern kurdisch geprägten Schüsse-Banden aufgeflammt? Mit verstärkten Streifen und Kontrollaktionen versucht die Polizei, das Sicherheitsgefühl zu stärken und mögliche andere Täter abzuschrecken.
Nach den bisherigen Erkenntnissen dürften die beiden Taten wohl zusammenhängen. Jedoch sieht es nach Einschätzung eingeweihter Kreise eher danach aus, dass hier ein anderer Konflikt eine Rolle spielt. Die Beteiligten sind bisher jedenfalls nicht in diesem Milieu registriert. Die Schüsse auf die Bäckerei sollen zwei 24 und 33 Jahre alte Männer mit italienischer Staatsangehörigkeit abgegeben haben. Sie sitzen in Haft.
Nach der Zählung des Landeskriminalamts liegt die Zahl der Festnahmen und Verhaftungen in den Reihen der mutmaßlichen Cliquenmitglieder – und dazu muss zumindest auch der Mordanschlag mit Maschinenpistole in Göppingen gerechnet werden – bei 94 Personen (Stand 30. Mai 2025).
Der Schusswechsel von Esslingen-Mettingen am 5. September 2022, stehen von Frühjahr 2023 an vier Angeklagte vor der 3. Jugendkammer des Stuttgarter Landgerichts. Das Gericht spricht gegen die 20- bis 21-Jährigen langjährige Haftstrafen aus. Der Hauptangeklagte wird für sieben Jahre und neun Monate hinter Gitter geschickt. Der BGH bestätigt dieses Urteil am 6. Februar 2025. Für die anderen gibt es laut Urteil vom 18. Oktober 2023 Haftstrafen von fünf, vier und drei Jahren.
Ein 33-Jähriger der gegnerischen Gruppe, der seinerseits schoss, wird im November 2023 zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt. Er ist Zwillingsbruder eines mutmaßlichen Führungsmitglieds der Zuffenhausen/Göppingen-Gruppe, der im März 2023 in Zuffenhausen durch Schüsse lebensgefährlich verletzt worden war. Sein Urteil wird wegen eines Rechtsfehlers vom Bundesgerichtshof (BGH) kassiert. Vom 20. Februar bis zum 4. April 2025 verhandelt die 19. Strafkammer neu. Das Urteil gegen den inzwischen 34-Jährigen lautet diesmal auf fünf Jahre Haft. Auch dieses ist vorerst nicht rechtskräftig.
Weil er eine geladene Maschinenpistole am Josef-Hirn-Platz in der Stuttgarter Innenstadt dabei hat und bei einer Razzia in einer Shisha-Bar am 19. März 2023 erwischt wird, verurteilt das Amtsgericht Stuttgart einen 21-Jährigen am 19. September zu einer Haftstrafe von zweieinhalb Jahren.
Die tödlichen Schüsse von Asperg (Kreis Ludwigsburg) sind laut Ermittler wohl „isoliert zu betrachten“. Dennoch zählt das LKA die Beschuldigten zur Gesamtzahl der Festnahmen – immerhin hat ein Beschuldigter Bezüge zur verfeindeten Zuffenhausen-Allianz. Die Staatsanwaltschaft erhebt Mitte Oktober 2023 Anklage wegen vollendeten und versuchten Totschlags gegen einen 18-jährigen Türkeideutschen und zwei 21-Jährige mit serbischer Abstammung. Das Stuttgarter Landgericht verhandelt vom 9. Januar bis 17. April 2024. Der 21-jährige Schütze wird zu einer Jugendstrafe von sieben Jahren verurteilt, der gleichaltrige Fahrer zu einer Haftstrafe von fünfeinhalb Jahren. Der 18-Jährige wird dagegen freigesprochen, weil er nachweislich nicht am Tatort war.
Gegen einen jungen Deutschen beginnt am 28. September 2023 beim Amtsgericht Esslingen unter hohen Sicherheitsvorkehrungen ein Prozess wegen unerlaubten Führens einer Waffe, unerlaubten Munitionsbesitzes und Wohnungseinbruchs. Der zur Tatzeit 20-Jährige aus Plochingen (Kreis Esslingen) war am 21. Oktober 2022 in der Cannstatter Straße im Stuttgarter Osten mit einer Beretta unterm Fahrersitz erwischt worden, im Frühjahr 2023 mit weiterer scharfer Munition. Der Richter verhängt am 18. Oktober 2023 zwei Jahre Jugendstrafe. Später wird der 20-Jährige auch als Schütze von Zuffenhausen beschuldigt. Wegen des Verdachts der Nötigung eines Zeugen ist zuvor ein 19-Jähriger in Untersuchungshaft genommen worden.
Getrennte Gerichtsverfahren gibt es zum Handgranatenanschlag auf dem Friedhof in Altbach (Kreis Esslingen). Der 23-jährige mutmaßliche Werfer aus der Zuffenhausen-Göppingen-Gruppe soll sich wegen versuchten Mordes, Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion, der gefährlichen Körperverletzung und der Benutzung einer Kriegswaffe verantworten. Sein Prozess bei der 19. Strafkammer des Landgerichts beginnt unter hohen Sicherheitsvorkehrungen am 7. Dezember 2023 in Stammheim. Das Gericht verurteilt ihn am 6. März 2024 wegen versuchten Mordes zu zwölf Jahren Haft.
Seine Gegner, fünf Beschuldigte im Alter von 19 bis 21 Jahren aus der Ludwigsburg-Esslingen-Gruppe, die ihn anschließend fast zu Tode geprügelt haben sollen, werden am 18. April 2024 am Stuttgarter Landgericht zu Haftstrafen nach dem Jugendstrafrecht verurteilt. Das Strafmaß liegt zwischen drei Jahren und vier Jahren, zehn Monaten Haft.
Drei weitere Männer stehen vom 23. April an vorm Landgericht. Sie sollen nach dem Angriff auf den Handgranatenwerfer auf Polizei und Rettungskräfte losgegangen sein, als diese in Altbach eintrafen. Das Urteil am 3. Mai 2024: Haftstrafen von einem Jahr, neun Monaten bis zwei Jahre, die zur Bewährung ausgesetzt werden. Ein Dritter wird freigesprochen.
Ein weiterer Prozess gegen einen 28 Jahre alten Beteiligten der Prügler-Gruppe endet am 18. Juli 2024. Das Stuttgarter Landgericht verurteilt ihn wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung zu einer Haftstrafe von fünf Jahren. Der BGH aber kassiert das Urteil wieder. Die 1. Schwurgerichtskammer habe falsch begründet, warum es sich um keinen minderschweren Fall handele. Die 19. Kammer verurteilt ihn am 6. August 2025 zu viereinhalb Jahren Haft. Diesmal rechtskräftig.
Inzwischen ist das vierte Verfahren gegen Beerdigungsgäste, die den Attentäter fast zu Tode geprügelt hatten, gestartet. Seit dem 15. Mai 2025 verhandelt die 4. Strafkammer, die Anklage wirft fünf jungen Männern, 21 bis 24 Jahre alt, versuchten Totschlag vor. Außerdem machten die Ermittelnden bei den Hausdurchsuchungen Entdeckungen, die nicht direkt was mit den Banden zu tun haben: Ein Mann hatte Dopingmittel zuhause, zwei hatten kinderpornographische Aufnahmen auf ihren Handys gespeichert. Der Prozess endet am 31. Juli 2025. Die Angeklagten werden nur als Mittäter eingestuft. Drei bekommen zwei Jahre auf Bewährung. Zwei 22-Jährige werden, wegen ihrer Vorstrafen zu fünf Jahren zehn Monaten beziehungsweise zwei Jahre zehn Monaten verurteilt.
Die 1. Schwurgerichtskammer des Landgerichts beschäftigt sich am 21. Dezember 2023 mit dem Duo, das am 2. April 2023 in Plochingen aus einem Auto heraus auf eine Shisha-Bar geschossen haben soll, in der sich drei Mitglieder der gegnerischen Gruppierung aufhielten. Der Wirt wurde leicht verletzt. Beschuldigt werden ein 23-jähriger Grieche und ein 22-Jähriger mit türkischem Pass, mit Anklage wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung. Am 7. März 2024 verurteilt die Kammer den Fahrer zu acht Jahren, den Chauffeur des Fluchtwagens zu fünfeinhalb Jahren Haft. Die beiden werden der Gruppierung Zuffenhausen/Göppingen zugerechnet.
Die 2. Jugendkammer des Landgerichts beschäftigt sich am 19. April 2024 mit einem inzwischen 21-jährigen Türkei-Deutschen aus Uhingen. Er soll am 23. Oktober 2023 in Schorndorf-Weiler mit einer Maschinenpistole auf die Insassen eines Fahrzeugs gefeuert haben, die ihn zuvor angegriffen haben sollen. Die Anklage wirft ihm versuchten Totschlag vor. Die Kammer spricht ihn indes von diesem Vorwurf frei und verurteilt ihn zu einer neunmonatigen Bewährungsstrafe und 50 Stunden gemeinnütziger Arbeit wegen verbotenen Waffenbesitzes. Bei einer Wohnungsdurchsuchung hatte man bei ihm ein Butterflymesser gefunden.
Das Amtsgericht Esslingen verurteilt am 29. April 2024 ein Trio, das am 12. November 2023 vermummt mit einer scharfen Schusswaffe in Bad Cannstatt aufgetaucht und rechtzeitig von der Bundespolizei abgefangen worden war. Zwei Männer aus Plochingen, 1999 und 2002 geboren, einschlägig vorbestraft, werden zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Ein junger Esslinger, 2003 geboren, bekommt eine Jugendstrafe von sechs Monaten zur Bewährung ausgesetzt.
Die 18. Strafkammer des Landgerichts Stuttgart eröffnet am 3. Juni 2024 den Prozess gegen vier Angeklagte, die für zwei Handgranaten-Depots in Urbach (Rems-Murr-Kreis) und Bad Überkingen (Kreis Göppingen) verantwortlich sein sollen. Die jugoslawischen Kriegswaffen werden der Zuffenhausen/Göppingen-Gruppe zugerechnet. Beschuldigt werden ein 55-Jähriger und sein 27-jähriger Sohn, beide mit serbischen Wurzeln, sowie zwei 25 und 29 Jahre alte Cousins, beide Deutsche. Das Urteil am 22. Juli: Drei Jahre, neun Monate sowie zwei Jahre, drei Monate Haft für zwei Angeklagte, die beiden anderen bekommen Bewährungsstrafen.
Ein 21-jähriger Mann aus Schorndorf (Rems-Murr-Kreis), der Zuffenhausen/Göppingen-Fraktion zugerechnet, wird am 17. Juli 2024 vom Landgericht Stuttgart wegen Drogenhandels im Rems-Murr-Kreis zu vier Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Mit eingerechnet sind Schüsse im November 2022 auf ein Tattoo-Studio. Damit wollte er laut Polizei auf den Besitzer und Verlobten seiner Schwester Druck ausüben.
Die Schüsse vor einer Shisha-Bar in Eislingen (Kreis Göppingen) am 24. Februar 2023 beschäftigen erstmals am 16. August 2024 die 19. Strafkammer des Landgerichts. Ein inzwischen 26-Jähriger soll der Fahrer des Autos gewesen sein, aus dem sieben Schüsse auf eine Personengruppe abgegeben wurden. Eine junge Frau war dabei ins Bein getroffen worden. Das Urteil am 30. Januar 2025 lautet: Viereinhalb Jahre Haft. Die Staatsanwaltschaft hatte sieben Jahre gefordert. Das Urteil ist rechtskräftig. Der 26-Jährige aus Plochingen hat den Schützen aber nie verraten.
Der Brandanschlag auf einen Barbershop in Reichenbach (Kreis Esslingen) beschäftigt am 18. September 2024, fast genau ein Jahr später, die 2. Strafkammer des Landgerichts. Drei Angeklagte müssen sich wegen versuchten Mordes und Beihilfe verantworten. Die verhängten Haftstrafen reichen von 15 Monaten bis hin zu vier Jahren.
Am 28. Oktober 2024 beginnt bei der 14. Strafkammer des Landgerichts ein heikler Prozess mit drei Angeklagten. Dabei werden zwei inzwischen 21 und 22 Jahre alte Männer für die fast tödlichen Schüsse am 17. März 2023 auf ein mutmaßliches Führungsmitglied der Zuffenhausen/Göppingen-Gruppe vor einer Bar in Zuffenhausen verantwortlich gemacht. Ein 21-Jähriger soll die Tatwaffe entsorgt haben. Die 21-Jährigen sind bereits im Zusammenhang mit dem Handgranatenanschlag in Altbach zu Haftstrafen verurteilt worden, der 22-Jährige zudem wegen illegalen Waffenbesitzes. Das heute 34-jährige Opfer ist nach den Schüssen querschnittsgelähmt. Der Prozess erlebt seinen eigenen Eklat: Weil ein Schöffe am fünften Verhandlungstag mit seinem Handy hantiert, wird er wegen Befangenheit ausgeschlossen. Der Prozess ist mit insgesamt vier Schöffen am 7. Januar 2025 neu gestartet. Das Urteil erfolgt schließlich am 1. September 2025: Der Älteste soll für siebeneinhalb Jahre wegen versuchten Mordes hinter Gitter. Die anderen kommen mit einem Jahr acht Monaten Jugendstrafe beziehungsweise Freispruch davon.
Einer der ersten Schüsse der Serie, Ende Juli 2022 abgefeuert, beschäftigt seit 20. November 2024 die 19. Strafkammer des Landgerichts. Ein 24-Jähriger soll mit einem unbekannten Komplizen in Zuffenhausen auf zwei Gegner der Esslingen/Ludwigsburg-Gruppe gefeuert haben, die sich ins feindliche Revier gewagt haben sollen. Verletzt wurde niemand. Die Welt ist klein: Einer, auf den da geschossen worden sein soll, saß parallel bei der 14. Strafkammer auf der Anklagebank – wegen der Schüsse auf einen mutmaßlichen Bandenchef im März 2023 in Zuffenhausen. Die ersten Schüsse im Juli 2022 in Zuffenhausen bleiben indes ungeklärt: Der 24-Jährige wird am 6. Oktober 2025 von den Vorwürfen freigesprochen.
Der dreiste Drogenschmuggel ins Stammheimer Gefängnis wird von der 5. Strafkammer vom 22. April bis 23. Mai 2025 verhandelt. Sieben Angeklagten im Alter zwischen 23 und 32 Jahren wird vorgeworfen, in der Justizvollzugsanstalt einen Handel mit drogengetränktem Papier betrieben zu haben. Ein 27-jähriger Insasse soll dabei seine beiden Brüder und deren Kontakte eingespannt haben. Das künstliche Cannabis kam mit gefälschter Anwaltspost ins Gefängnis. Der zwei Jahre ältere Bruder soll sich mit dem Lieferservice einen Aufstieg in der Hierarchie der Zuffenhausen/Göppingen-Gruppe erhofft haben. Ermittler ordnen ihm den illegalen Besitz einer halb automatischen Schusswaffe vom Typ Crvena Zastava M67, Kaliber 7,65 mm Browning, zu. Geladen, schussbereit, eingepackt in eine Mülltüte, bei einer Bekannten in Eislingen (Kreis Göppingen) aufbewahrt. Das Urteil: Der 27-jährige Dealer im Knast wird zu einer Haftstrafe von siebeneinhalb Jahren verurteilt, sein 29-jähriger Bruder zu fünfeinhalb Jahren.
Die 19. Strafkammer startet am 30. Mai 2025 den Prozess gegen einen 26-jährigen Niederländer kurdischer Herkunft wegen versuchten Totschlags. Er soll am 2. Oktober 2023 einen zur Tatzeit 31-jährigen Shisha-Bar-Besitzer in Stuttgart-Vaihingen mit seinem Mercedes-Cabrio überfahren haben. Das Opfer liegt seither im Wachkoma. Der Vaihinger mit Verbindungen zur Esslingen-Gruppe soll an diesem Abend von einer Fraktion der verfeindeten Zuffenhausen-Fasanenhof-Allianz überfallen worden sein. Nach Geständnis und Verständigungsgesprächen lautet das Urteil am 17. September 2025: Neun Jahre und sechs Monate Haft, außerdem Zahlung eines Schmerzensgeldes von 500.000 Euro.
Erstmals am 2. September 2025 sitzt einer der Chefs der Göppinger Clique zusammen mit einem weiteren Mitglied auf der Anklagebank – die 25 und 31 Jahre alten Kurden aus dem Irak müssen sich vor der 18. Strafkammer wegen räuberischer Erpressung, illegalem Waffenbesitz und Drogendelikten verantworten. Das Besondere dabei: Der Ältere soll in Stuttgart eine illegale Schusswaffe verkauft haben – allerdings geriet er dabei an einen verdeckten Ermittler der Polizei. Der 25-jährige soll das eigentliche Ziel des Maschinenpistolen-Attentats in einer Göppinger Bar im Oktober 2024 gewesen sein. Er wird zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt, sein 31-jähriger Landsmann zu zweieinhalb Jahren.
Nach dem Attentat mit Maschinenpistole in einer Bar in Göppingen, bei dem drei Brüder im Alter von 20, 24 und 29 Jahre niedergeschossen wurden, beginnt am 10. September 2025 der Prozess wegen Mordes gegen einen Jugendlichen. Ein 17-Jähriger, der Gruppe Esslingen/Ludwigsburg zugerechnet, soll am 2. Oktober 2024 ein Opfer getötet und zwei schwer verletzt haben. Weil er die Brüder offenbar mit Göppinger Feinden verwechselte. Der Prozess bei der 2. Jugendstrafkammer wird wegen des Jugendschutzes nicht öffentlich geführt. Der Angeklagte wird am 11. November 2025 zu acht Jahren und neun Monaten Haft verurteilt.
Vor der 1. Strafkammer beginnt am 2. Oktober 2025 der Prozess gegen einen inzwischen 26-Jährigen, einen Deutschen türkischer Herkunft, wegen versuchten Mordes. Er soll Ende Januar 2025 in einem Imbiss in Möhringen auf ein Mitglied der verfeindeten Zuffenhausen/Fasanenhof-Gruppierung geschossen haben. Die Kugel traf das zur Tatzeit 27 Jahre alte Opfer, einen Deutschen afghanischer Abstammung, in Unterarm und Oberbauch, schlug in Leber und Magen ein. Die Beteiligten sind hinlänglich polizeibekannt. Der Prozess geht im Februar 2026 langsam auf die Zielgerade.