Bandenkrieg von Türken und Kurden Prozess: Osmanen-Sympathisant soll auf Shisha-Bar und den Betreiber geschossen haben

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Ein 24-jähriger Türke soll im Februar 2017 auf eine von Kurden betriebene Shisha-Bar in Asperg und auf den Inhaber geschossen haben. Deswegen steht er vor Gericht – und hat auch sonst viel auf dem Kerbholz.

Auf eine Shisha-Bar in der Asperger Bahnhofstraße ist im Februar 2017 geschossen worden, der Fall wird jetzt vor dem Stuttgarter Landgericht verhandelt. Foto: factum/Granville
Auf eine Shisha-Bar in der Asperger Bahnhofstraße ist im Februar 2017 geschossen worden, der Fall wird jetzt vor dem Stuttgarter Landgericht verhandelt. Foto: factum/Granville

Ludwigsburg/Asperg - Es war ein gemütlicher Familienabend am 25. Februar 2017 in der Shisha-Bar Medusa in Asperg (Kreis Ludwigsburg). Das weitgehend kurdische Publikum war unter sich, Familien und Freunde des 26-jährigen Inhabers saßen gegen 23 Uhr in den schwarzen Ledersesseln auf dem Kachelboden in Schwarz-Weiß-Optik. Doch plötzlich brach die ganze Wucht des seit Monaten tobenden Bandenkrieges zwischen Türken und Kurden in der Region über das beschauliche Lokal in der Bahnhofstraße nahe der S-Bahn-Station herein.

„Ich habe zwei Schüsse gehört und gesehen, wie die Scheibe zersplittert ist“, erzählt ein Besucher der Bar vor dem Landgericht Stuttgart. Schnell stellt sich heraus: Auf das Lokal ist mit einer halbautomatischen Kleinkaliberwaffe geschossen worden, nur das Doppelglas der Schaufensterscheibe verhindert, dass jemand verletzt oder getötet wird. Der Vorfall findet wenige Tage später eine Fortsetzung: Im Ludwigsburger Stadtteil Eglosheim halten am 1. März 2017 drei Türken das Auto des Asperger Shisha-Bar-Besitzers an. Es kommt zu einem Wortgefecht – plötzlich zieht ein 24-jähriger Kurde eine Schreckschusspistole und feuert – so die Anklageschrift – aus nächster Nähe auf den Beifahrer. Der kann nur noch den Arm hochreißen, hat tagelang Schmerzen und Rötungen im Auge. Auch er ist zuvor Gast bei den Schüssen auf die Bar gewesen und ist nun doppelt traumatisiert.

Racheaktion für eine Überfall in der Asperger Wohnung?

Die beiden Vorfälle gehören zu der Auseinandersetzungen des türkischen Rockerclubs Osmanen Germania und des kurdischen Netzwerkes Bahoz, die von Mitte 2016 bis Sommer 2017 in Ludwigsburg und Stuttgart getobt haben. Denn der 24-jährige Angeklagte war nur kurz zuvor selbst attackiert worden: Im Januar 2017 wurde er von 15 Anhängern der Osmanen in seiner Asperger Wohnung überfallen, brutal mit Messern attackiert und konnte nur mit Mühe entkommen.

Das Opfer soll nun selbst zum Täter geworden sein. „Es war eine Racheaktion“, erklärt der Staatsanwalt im Prozess am Stuttgarter Landgericht. Er habe Stärke demonstrieren und die Gegenseite einschüchtern wollen. Der 24-Jährige selbst bestreitet dies ebenso wie die kurdische Gegenseite. Nur auf mehrfaches Nachfragen räumt ein Zeuge überhaupt ein, dass es Konflikte zwischen Türken und Kurden in der Region gegeben habe. Der Inhaber der Shisha-Bar verneint, jemals mit kurdischen Organisationen wie der inzwischen verbotenen PKK-nahen Red Legion oder dem Netzwerk Bahoz zu tun gehabt zu haben. Und der Angeklagte erklärt lediglich, Mitglied der 2015 verbotenen, aus Holland stammenden Motorradgang Satudarah in Stuttgart gewesen zu sein.

Der Angeklagte hat einen verworrenen Lebenslauf

Doch die Ankläger sehen bei ihm eine Nähe zu den nationaltürkischen Osmanen Germania. Ohnehin scheint der 24-jährige gebürtige Ludwigsburger kaum etwas ausgelassen zu haben: Erst vor Kurzem wurde er vom Landgericht Hechingen zu fast sechs Jahren Gefängnis verurteilt, weil er sich mit anderen türkischen Rockern zu einem Mordversuch verabredet und Kriegswaffen beschafft hat. Sein Vorstrafenregister umfasst zudem eine brutale Gruppenvergewaltigung eines wehrlosen Mädchens. Vor Gericht legt der junge Mann seine gebrochene Biografie dar: Der Vater war Gabelstaplerfahrer und schwerer Alkoholiker. Er wird von der Mutter rausgeworfen, als der Angeklagte acht Jahre alt ist. Während seine vier Geschwister eine Ausbildung absolvieren und solide Berufe ergreifen, fliegt er mehrfach wegen Schlägereien von der Schule, trinkt mit zwölf Jahren Alkohol, konsumiert mit 15 Jahren regelmäßig Kokain und verprasst später Unsummen an Spielautomaten.

Um seine Sucht zu finanzieren, bricht er ein, etwa in Apotheken. Einmal will er 37 000 Euro bei einem Einbruch erbeutet haben. Er kommt ins Gefängnis, hat dort einen strukturierten und weitgehend drogenfreien Tagesablauf, macht eine Ausbildung – und stürzt nach der Entlassung wieder ab. Nach den Vorfällen in Asperg und Eglosheim setzt sich der 24-Jährige in die Türkei ab. „Ich wollte mich vor Angriffen der Kurden schützen“, sagt er. Doch diese hätten seine Cousine bedroht, daher kam er zurück – und wird im August 2017 verhaftet. Er räumt die Schüsse auf den Wagen in Eglosheim ein, beteuert aber: „Ich wollte sie nur erschrecken, nicht verletzen. Ich hatte Angst, dass sie auf mich losgehen.“

Hat der in die Türkei geflohene Freund geschossen?

Die Tat in Asperg bestreitet er hingegen: Nicht er habe geschossen, sondern ein Freund, der vorübergehend bei ihm gewohnt habe. „Ihm hat die Waffe gehört, ich wollte ihn sogar davon abbringen, auf die Shisha-Bar zu schießen“, erklärt der 24-Jährige. Inzwischen ist der Angeklagte Vater geworden und will sich von der Motorradgang Satudarah losgesagt haben. Sein Versprechen, eine Drogentherapie zu machen, hat er bisher nicht eingehalten, wie der psychiatrische Gutachter vor Gericht darlegt. Der Prozess soll bis Mitte Oktober dauern und wird am 22. August fortgesetzt.