Nach dem Handgranatenanschlag droht auch politisch ein Scherbenhaufen. Nächste Woche soll es Aufklärung im Innenausschuss des Landtags geben. Foto: 7aktuell/Kevin Lermer
Nach dem Handgranaten-Anschlag auf dem Altbacher Friedhof wird es laut Ermittlern nicht bei vier Festnahmen bleiben. Doch was verbindet die multiethnischen Gruppierungen – und was macht sie zu massiv gewaltbereiten Feinden?
Spätestens seit Herbst 2022 stellt sich im Großraum Stuttgart die alarmierende Frage: Wird die Region etwa zum Wilden Westen? Gewaltbereite, multiethnische Gruppierungen scheuen sich nicht davor, ihre Auseinandersetzungen mit Schusswaffen auszutragen – und der Handgranatenanschlag von Altbach am 9. Juni wird nun auch politisch zum Zündstoff. Wie gefährdet sind angesichts des rücksichtslosen Vorgehens unbeteiligte Bürger? Wie sicher lebt es sich noch in der Region? Macht die Polizei bei ihren Ermittlungen etwa Fehler? Der Innenausschuss des Landtags hat viele Fragen an Innenminister Thomas Strobl (CDU) bei einer nicht öffentlichen Sondersitzung am Mittwoch. Unser Überblick.
Wie alles begann
Es ist der 20. Juli 2022, 20.45 Uhr, als sich ein größerer weißer BMW einem Geschäftsgebäude mit diversen Lokalitäten an der Ecke Burgunder- und Unterländer Straße in Zuffenhausen nähert und der Beifahrer eine Pistole auf eine Personengruppe vor der Ladenzeile richtet. Ein Schuss fällt. Die Kugel trifft die Glasscheibe einer Eingangstür. Der BMW rast davon, ein schwarzer Mercedes rast ihm hinterher. Am Ende sind beide spurlos verschwunden. Die Polizei tappt im Dunkeln, und niemand weiß etwas. Dabei gab es im Januar 2020 an dieser Stelle schon einmal einen ähnlichen Fall. Und es wird nicht der letzte bleiben.
Während Tage später in Zuffenhausen Schüsse nur gehört werden, geht es am 5. September 2022 in Esslingen-Mettingen richtig zur Sache. Zwei Gruppen feuern 19-mal aufeinander, getroffen wird wie durch ein Wunder niemand. Ermittelt werden auf der einen Seite vier 20- bis 21-Jährige mit familiären Wurzeln in Bosnien, Serbien, Nigeria, auf der anderen Seite ein 32-Jähriger mit kurdischer Herkunft. In der Folgezeit knallt es immer öfter. Mal „nur“ mit Schreckschusswaffen, mal mit scharfen. 6. Oktober 2022 in Mettingen. 4. Dezember Zuffenhausen. 18. Dezember Kornwestheim. 1. Februar 2023 Zuffenhausen. 15. Februar Ostfildern-Parksiedlung. Und dann der Ernstfall: Am 24. Februar wird in Eislingen (Kreis Göppingen) einer 21-Jährigen ins Bein geschossen, kurz darauf wird in Donzdorf ein Schuss gehört. Unsere Zeitung stellt die Frage: Wird die Region zum Wilden Westen?
Die Sokos und die Fälle
Doch das ist erst der Auftakt. Im Kreis Esslingen wird in Reichenbach am 25. Februar in ein Schaufenster eines Barbershops geschossen. In Plochingen trifft es einen 66-jährigen Gastwirt noch schlimmer. Als er mit Bekannten zwei Maskierte zur Rede stellen will, die auf einen benachbarten Barbershop geschossen haben, trifft ihn ein Schuss und verletzt ihn schwer.
Die Tatorte in der Region Stuttgart
Bisher hatten die Polizeipräsidien ihre Fälle selbst zu ermitteln versucht. Nun erkennt das Landeskriminalamt den Ernst der Lage und wird zu einer Koordinierungsstelle für die Ermittler. In Eislingen gibt es die Soko „Phoenix“, benannt nach dem Lokal am Tatort. Das Polizeipräsidium Reutlingen hat die Ermittlungsgruppe „Focus“, die noch weitere Schüsse am 2. April in Plochingen aufzuklären hat. Dort wird frühmorgens auf die Shisha-Bar eines Wirts irakischer Herkunft geschossen. Tapfer öffnet er seinen Laden tags darauf wieder und erklärt – entgegen den Angaben der Polizei – überhaupt nicht getroffen oder verletzt worden zu sein. Die Stuttgarter Kripo musste zuvor, am 17. März, wieder mal nach Zuffenhausen. Diesmal wurde ein 32-Jähriger angeschossen und schwer verletzt. Die Soko „Runaway“ ermittelt einen 20-Jährigen. Er wird in Plochingen festgenommen – reiner Zufall?
Der erste Tote
Schusswaffengebrauch auch am 8. April in Asperg (Kreis Ludwigsburg). Ein 18-Jähriger stirbt, ein Gleichaltriger wird schwer verletzt. Die 40-köpfige Soko „Goethe“ kommt zum Schluss, dass es sich wohl um einen anderen, lokalen Konflikt gehandelt haben muss. Fünf Verdächtige, 17 bis 27 Jahre alt, mit kurdischen und serbischen Wurzeln oder einer ungeklärten Herkunft, werden festgenommen. Drei sind bis heute in Untersuchungshaft.
Ein 23-Jähriger mit iranischer Herkunft sitzt in U-Haft, nachdem er auf dem Friedhof bei der Beisetzung eines 20-jährigen mit kenianischen Wurzeln eine Handgranate auf die Trauergemeinde geworfen haben soll. Der Anschlag soll der anderen Gruppierung gegolten haben, unter ihnen drei 19-, 20- und 21-Jährige aus Ludwigsburg – mit deutschem, türkischen und georgischen Pass. Ludwigsburg gegen Plochingen? Wer gegen wen? Was haben Ludwigsburger im Feindesland zu suchen?
„Das ist nicht an irgendwelchen Ethnien festzumachen“, sagt David Fritsch, Sprecher des Landeskriminalamts, „mehr sogenannte Multikulti geht da gar nicht.“ Auch die Wohnorte der Gruppierungen seien nicht das verbindende Element. Könnte man ja denken – Stuttgart/Ludwigsburg gegen Plochingen/Reichenbach. Die Polizei spricht intern bei den einen von sogenannten Altkurden, aber auch das ist wohl eher nur ein unzureichendes Label. Eine Ideologie der Gruppen ist nicht erkennbar.
Gibt es Ermittlungserfolge?
Im Fall von Esslingen-Mettingen, der offiziell nicht zur LKA-Kooperation gehört, stehen derzeit vier Angeklagte vor der 3. Jugendkammer des Stuttgarter Landgerichts. Das Tötungsdelikt von Asperg ist für die Ermittler mit den drei Inhaftierten und zwei auf freiem Fuß befindlichen Verdächtigen ebenfalls weitgehend abgeschlossen. Statt der 40-köpfigen Soko „Goethe“ sind nur noch zwei Sachbearbeiter mit dem Fall beschäftigt. Auch die Stuttgarter Soko „Runaway“ hat mit zwei Festnahmen offenbar vieles klären können. Erschütternder Beifang ist dabei ein 21-Jähriger gewesen, bei dem man nach einer späteren präventiven Kontrollaktion in der Innenstadt eine Maschinenpistole sicherstellte. Insgesamt werden 19 Festnahmen verzeichnet. Eine mehr übrigens, als Innenminister Strobl jüngst verkündete. „Es wird im Fall Altbach aber noch weitere Festnahmen und Identifizierungen von Beschuldigten geben“, sagt LKA-Sprecher David Fritsch. Darunter zählten auch jene Trauergäste, die den Rettungsdienst massiv attackiert hatten. „Auch die“, so Fritsch, „werden zur Rechenschaft gezogen.“