Plochingen/Nürtingen - Seit vielen Wochen wird vor dem Landgericht Stuttgart eine Art Bandenkrieg verhandelt. Es laufen drei Prozesse parallel, deren Ende nicht abzusehen ist. Am 8. Februar wird in Nürtingen ein 19-Jähriger von mutmaßlich drei Angreifern durch Messerstiche lebensgefährlich verletzt. Wenige Tage später, am 13. Februar, kommt es in Plochingen (Foto) zu einer Attacke, bei der auf zwei Männer im Alter von 21 und 29 Jahren eingestochen wird, einer wird zudem am Bein von einer Pistolenkugel getroffen. Die Polizei konnte einen Zusammenhang zwischen den Taten herstellen. Offenbar geht es um Revierstreitigkeiten innerhalb einer Gruppierung, die sich Team Red nennt, in Anlehnung an die verbotene Straßengang Red Legion, der sie nahestehen soll.
Tödliche Messerstecherei in Esslingen 2012
Red Legion – der Name lässt in der Region noch immer aufhorchen. Im Dezember 2012 kam es in Esslingen zu einer tödlichen Messerstecherei zwischen Black Jackets und Mitgliedern der Red Legion. Der Fall hatte für viel Aufruhr und Verunsicherung im Raum Stuttgart gesorgt. „Red Legion hat die Szene ordentlich aufgewirbelt“, sagt auch ein Bandenexperte des Landeskriminalamts (LKA) in Stuttgart, der nicht namentlich genannt werden darf. Zu den laufenden Gerichtsverfahren kann und will er sich nicht äußern. Er geht aber davon aus, dass man es hier nicht mit einer Nachfolgeorganisation der kurdisch geprägten Red Legion zu tun hat. „Es gab zwar immer wieder Zusammenschlüsse und auch personelle Überschneidungen. Aber mit dem Verbot 2013 ist auch die feste Struktur der Red Legion zerschlagen worden“, fasst er die Erkenntnisse der Polizei zusammen.
Gleichzeitig warnt der Ermittler aber: „Man darf nicht den Fehler machen und glauben, dass die Personen automatisch weg oder geläutert sind, nur weil die Bande verboten wurde.“ Es gebe nach wie vor gewaltbereite Kurden, die die Polizei im Auge hat, eine feste Organisation wie etwa bei Red Legion liege dabei derzeit aber nicht vor. Es gebe oft einen ethnischen Kern, man kenne sich und man lehne nationaltürkische Gruppierungen ab. Dennoch stehe die politische Dimension meist nicht im Vordergrund. „Das Kurdische ist nicht das Primäre. Es geht vielmehr um Geld und Gebiete“, ergänzt Jürgen Glodek, Leiter der Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit beim LKA.
Brutalität hat zugenommen
Auch untereinander ist man nicht zimperlich. „Reibereien innerhalb der Gruppe gab es schon immer“, sagt der Spezialist für Bandenkriminalität, oft eskalierten Nichtigkeiten. Die Brutalität, mit der in Nürtingen und Plochingen vorgegangen wurde, hat ihn dennoch überrascht. „In dieser Intensität habe ich das vorher so noch nicht festgestellt.“ Den Namen Team Red kennt er von Polizeikollegen, in der Szene selbst ist er ihm noch nicht begegnet. Dass in beiden Fällen Messer im Spiel waren, passt zu einem Trend, den die Polizei beobachtet. „Es ist in bestimmten Kreisen üblich geworden, dass man immer ein Messer dabei hat“, sagt Jürgen Glodek, man sei auch schneller bereit, diese einzusetzen. „Die Fäuste allein reichen nicht mehr“. Insgesamt habe die Brutalität zugenommen. Selbst wenn der Gegner wehrlos am Boden liege, sei das für viele kein Grund mehr, von ihm abzulassen.
In der Region hat es immer wieder heftige Auseinandersetzungen zwischen den „Legionisten“ und verfeindeten Banden gegeben. Dass in der Öffentlichkeit, wann immer es irgendwie passt, schnell Bezüge zum Namen Red Legion hergestellt werden, ist deshalb nachvollziehbar. Glodek würde sich aber wünschen, dass man das Interesse an der verbotenen Gruppierung zurückschraubt. „Man gibt den Personen so oft mehr Raum, als ihnen eigentlich noch zusteht“, sagt der Polizeisprecher.
Verbindung zu Red Legion erwünscht
Er vermutet, dass es Gangs oft sogar bewusst darauf anlegten, dass man sie mit Red Legion in Verbindung bringt. „Man hat dann etwas im Rücken, was in der Szene für Stärke und Überlegenheit steht“, so Glodek. Auch wenn er davor warnt, Täter in Schubladen zu stecken, die es so gar nicht mehr gibt, bleibt man bei der Polizei auf der Hut und versucht, Verbindungen herzustellen. „Es ist unser Bestreben, eine Person möglichst früh aus der Anonymität zu holen“, sagt der Bandenexperte, dessen Stelle im Bereich organisierte Kriminalität angesiedelt ist.
Dass in Bandenprozessen häufig Angeklagte, Zeugen und teils auch die Opfer nicht aussagen, überrascht ihn nicht: „Es ist ja genauso unüblich, dass man mit der Polizei spricht. In diesen Kreisen ist der Staat einfach nicht der Adressat für so etwas. Wenn man ein Problem hat, klärt man es lieber selbst.“ Möglich, dass das auch in Nürtingen und Plochingen so war.