Bandenkrieg von Türken und Kurden „Weltpräsident“ der Osmanen verhaftet

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Es ist ein großer Coup: Bei der Verhaftung wichtiger Funktionäre des türkischen Boxclubs Osmanen Germania wurde der oberste Anführer erwischt. Die Spur führt in die Region Stuttgart.

Der jetzt verhaftete Weltpräsident Mehmet B. (rechts)  war der Gründervater der Osmanen Germania. Er soll auch in der Region Stuttgart seine Hände im Spiel haben. Foto:  
Der jetzt verhaftete Weltpräsident Mehmet B. (rechts) war der Gründervater der Osmanen Germania. Er soll auch in der Region Stuttgart seine Hände im Spiel haben. Foto:  

Ludwigsburg/Darmstadt - Offiziell bestätigt wird es nicht, doch in den sozialen Netzwerken war es am Freitag kein Geheimnis mehr: Bei der Verhaftung von führenden Mitgliedern des Boxclubs Osmanen Germania ist den Ermittlern der selbst ernannte „Weltpräsident“ der türkischen Vereinigung ins Netz gegangen. Der 46-Jährige Mehmet B. steht an der Spitze der streng hierarchischen Organisation, die bundesweit noch gut 400 Mitglieder hat und in der Region Stuttgart in einen blutigen Bandenkrieg mit den kurdischen Bahoz verwickelt ist.

Damit sind die wichtigsten Funktionäre der „Osmanen“ in Haft. Wie es dazu gekommen ist, bedarf eines Blickes auf die Vorgeschichte und die Strukturen dieses Boxclubs. Gegründet wurde er 2015 von Mehmet B. und Selcuk S., die damit die Idee eines abtrünnigen Hells-Angels-Anhängers in Frankfurt aufnahmen, einen „türkischen“ Club ins Leben zu rufen.

Strafen für Abtrünnige und interner Zwist

Bis Ende 2016 wuchs dieser von Frankfurt aus rasant, bundesweit entstanden bis zu 20 Chapter, wie die Ortsgruppierungen heißen. Mehmet B. sprach von 2500 Mitgliedern. Bei den Treffen der örtlichen Chapter-Präsidenten werden regelmäßig Strafen für Abtrünnige festgelegt oder interne Streitigkeiten geklärt.

Um eine solchen Konflikt innerhalb der Osmanen-Vereinigung ging es auch nun, und dieser spielte sich im Großraum Stuttgart ab. „Mehr können wir dazu nicht sagen“, sagt Ulrich Heffner, der Sprecher des Landeskriminalamtes. Nur so viel, dass es um ein versuchtes Tötungsdelikt ging. Anders formuliert: Bei diesem Fall standen sich nicht Türken und Kurden gegenüber, sondern Osmanen schlugen sich gegenseitig.

Der Zwist endete wie so häufig in Gewalt, bei dem ein Osmanen-Anhänger lebensgefährlich verletzt wurde. Dieser Fall war letztlich für das LKA der Anlass, am 27. Juni eine Razzia in drei Bundesländern zu starten. 20 Wohnungen wurden durchsucht und dabei zahlreiche Waffen gefunden. Auch Selcuk S., der Vizepräsident, ist damals verhaftet worden. Mit den Erkenntnissen und Aussagen der ersten Verhaftungswelle konnten die Ermittler das Puzzle weiter zusammen setzen, und dabei in den inneren Führungszirkel des Osmanen Germania Boxclubs vorzudringen.

„Es ist immer schwierig, den Führungsfiguren etwas nachzuweisen“, räumt Ulrich Heffner ein. Weil sich diese selten selbst die Hände schmutzig machen. Doch nun konnte man gemeinsam mit den hessischen Kollegen dem Weltpräsidenten ein Delikt zuweisen: Er soll in eben jenem internen Konflikt Zeugen und Beschuldigte beeinflusst haben, damit diese eine falsche oder gar keine Aussage gegenüber den Behörden treffen. Das Ziel war auch, bereits inhaftierte Osmanen-Anhänger zu entlasten, die dadurch aus der Untersuchungshaft hätten freikommen können.

Der „Weltpräsident“ soll Zeugen beeinflusst haben

Nun sitzen die beiden Gründungsfiguren Mehmet B. und Selcuk S. im Gefängnis. Auch in der Region sind die Strukturen zerschlagen: Das Chapter Stuttgart ist aufgelöst und nennt sich „Nomads“, was in der Rockerszene für Heimatlose ohne eigene Ortsgruppierung steht. Aktiv sind noch die Clubs in Pforzheim, Heilbronn und Nagold, wobei auch hier die Aktivitäten in den Netzwerken nachlassen. Zahlreiche Facebook-Seiten sind gelöscht – selbst die der Zentrale in Frankfurt.

Strukturen in der Region sind zerschlagen

Die Stuttgarter Gruppierung, die noch im Herbst 2016 mit Videos und Fotos auf Youtube und Facebook erklärt hatte, man wolle Stuttgart und Ludwigsburg erobern, ist im Netz nicht mehr aufzufinden – derzeit sitzen insgesamt 29 Anhänger der Osmanen und des kurdischen Bahoz im Land in Haft, über 80 Verfahren laufen.

Selbst der jetzt verhaftete Mehmet B. soll bereits offiziell seine Kutte niedergelegt und seinen Austritt erklärt haben, wie in Rockerblogs zu lesen ist. In Ermittlerkreisen hält man dies aber für ein taktisches Manöver, um im Hintergrund die Fäden ziehen zu können. Ulrich Heffner stellt klar: Auch wenn die Osmanen dezimiert seien, schwele der Konflikt weiter.

Aktuell zeigt dies eine Messerstecherei in Bietigheim-Bissingen zwischen Anhängern von Osmanen und Bahoz vor eine Shisha-Bar. Die Ermittlungen dazu laufen.