Längst gibt es in der Altstadt mehr coole Bars als Bordelle, denen die Stadt den Kampf ansagt. An der Jakobstraße startet am Freitag ein neuer Hotspot für Weinliebhaber – mit einer neuen Art des Ausschenkens. Die jungen Wirte wollen das Rotlicht nicht vertreiben.
Ist es Zauberei? Der Korken bleibt in der Flasche, wenn Barchef Leone Paul im Leonhardsviertel den Wein, den seine Gäste aus über 140 Sorten auswählen, ins Glas gießt. Ein neues System macht Schätze von Winzern länger haltbar – dank einer feinen Nadel, die der Sommelier wie eine Injektion tief und schnell setzt. Tut gar nicht weh!
Wer etwas Besonderes probieren will in der Wein- und Champagnerbar Easy Street an der Jakobstraße, die gleich neben der Jakobstube die Eröffnungsparty feiert, muss keine ganze Flasche bestellen, sondern bekommt schon ein kleines Glas gefüllt. Alle 140 Weine sind quasi „offen“.
Früher war dies nicht möglich. Denn der Sauerstoff, der sich nach dem Öffnen der Flasche mit dem Wein verbindet, lässt vor allem Rotwein schnell oxidieren. Und meist ist er dann nach nur wenigen Tagen ungenießbar.
Das neue System, das Coravin heißt, besteht aus einer dünnen Hohlnadel, die aus der Medizin stammt. Sie wird durch den Korken gestochen, der in der Flasche bleibt. Gleichzeitig wird das Edelgas Argon hineingepresst, das schwerer als Luft ist. Der Druck, der entsteht, treibt den Wein durch die Nadel ins Glas, ohne dass er mit Sauerstoff in Berührung kommt. Anschließend wird die Nadel entfernt. Der Korken verschließt das winzige Loch von selbst, weil er elastisch ist.
Easy Street – der Name ist Programm
Sommelier Leone Paul verblüfft beim Soft Opening mit dieser Methode seine Gäste – die meisten von ihnen haben davon noch nie was gehört. Es macht ihm Spaß, ihnen zu erklären, wie das System funktioniert.
Easy Street – der Name ist Programm. Im vergangenen Juni hat der Geschäftsmann Ingo Hampf in der Altstadt eine kleine, feine Cocktailbar als Liebhaberprojekt mit dem Namen Easy Street eröffnet. „Easy Street“ ist ein Lied von Doris Day. Die Weberstraße sollte zur „leichten und unbeschwerten Straße“ werden. Von Monat zu Monat lief es immer besser, sodass Hampf zuschlug, als er hörte, dass die Weinbar G.Punkt (in diesem Fall hat der G.Punkt nichts mit Sex von Frauen zu tun, der Buchstabe G steht für Genuss) gleich um die Ecke nach nur zwei Monaten geschlossen hat. Mit Leone Paul, mit dem er einen Weinhandel betreibt, übernimmt er nun das leer stehende Lokal.
Die neue Bar befindet sich in einem denkmalgeschützten Gebäude. Früher befand sich hier ein Antiquitätengeschäft. Nach aufwendiger Sanierung des privaten Besitzers mit viel Liebe fürs Detail trifft hier industrieller Metall- auf rustikalen Holzlook. Die Gäste nehmen auf Hockern Platz, die aussehen wie überdimensionale Korken. Ein Highlight ist die Fensterfront. In der frühen Garage des Hauses befindet sich das Separee, auch draußen gibt es Plätze. Die üppige Weinkarte enthält regionale Entdeckungen, aber auch internationale Topweine. Das Glas kostet zwischen 5 und 60 Euro.
Der Wirt sagt: Die Altstadt lebt von einer bunten Vielfalt
Der zweite Standort des Easy-Street-Teams in der Altstadt wertet das Quartier weiter auf und lockt eine Klientel an, die als „Szenepublikum“ oder begütert gilt. Vertreiben aber will Inhaber Ingo Hampf die Laufhäuser keineswegs. Eine Stadt lebe von ihrer bunten Vielfalt, sagt er, dies wünsche er sich auch für das Leonhardsviertel, das gewachsen sei und im Miteinander aufblühe.
Der Streit über die Altstadt wird mit Beschimpfungen geführt. Die einen warnen vor der Gentrifizierung, vor der „Yuppisierung“. Sollten Spekulanten immer mehr Häuser aufkaufen und teuer sanieren, so ihre Befürchtung, würden Mieterinnen und Mieter mit niedrigem Einkommen verdrängt. Emotional argumentieren auch die, die fordern, der Sexverkauf müsse hier verboten werden.
Die Anwohner rechnen freilich damit, dass die Prostitution noch bis zu 15 Jahre in diesem Quartier bleibt, auch wenn die Stadt den Bebauungsplan ändert und Laufhäuser nicht mehr erlaubt sind. Denn es dauere, so hört man bei den Wirten, bis Gerichte über die Klagen der Bordellbetreiber entscheiden.
Dass sich die Leute von der Easy Street mit einem neuen, deutlich größeren Standort erheblich ausdehnen, wird von den Barkollegen der Altstadt als mutig empfunden. Die Geschäfte, so hört man allenthalben, liefen zuletzt nicht mehr so gut. „Die Leute haben weniger Geld“, sagt etwa Patrick Witz von der Fou Fou Bar. War dies mit ein Grund, warum die Bar G.Punkt bereits nach zwei Monaten geschlossen hat?
Beim Holzmaler setzt man nun auf Korn
Jörg Kappler vom Holzmaler will mit neuen Ideen dafür sorgen, dass es weiter aufwärtsgeht. Sein Team hat die neuen Chancen des Korns entdeckt, lässt ihn mit höherem Alkoholgehalt nach dem Reinheitsgebot brennen. Fern vom verstaubten Herrengedeck-Image dient der Traditionsschnaps aus dem Getreideanbau nun wie Wodka kreativen Cocktails. Am 17. Oktober feiert die Bar mit einer Pink Night den fünften Geburtstag. Die neuen Kornflaschen sind pinkfarben – und so lautet auch der Dresscode.
Stilvoll Trinken – die Altstadt wird immer mehr zum Ausgehviertel, in dem man von einer Bar in die nächste fällt. Auch wenn das Rotlicht schwächer wird, stellen sich die meisten Wirte nicht gegen die Laufhäuser.