Barbarossa in Göppingen Der Rotbart taugt bis heute zur Kultfigur

Das Ausstellungsplakat der Schau im Göppinger Museum Storchen zitiert eine alte Werbelinie der Stadt Göppingen, die an den Nationalmythos um Barbarossa anknüpft. Aber nicht nur die Kultfigur Barbarossa wird in der Ausstellung thematisiert, es geht auch um Kaiser Friedrich Barbarossas Stammbaum, seine Feinde, Freunde und um sein klägliches Ende. Foto: Städtisches Museum
Das Ausstellungsplakat der Schau im Göppinger Museum Storchen zitiert eine alte Werbelinie der Stadt Göppingen, die an den Nationalmythos um Barbarossa anknüpft. Aber nicht nur die Kultfigur Barbarossa wird in der Ausstellung thematisiert, es geht auch um Kaiser Friedrich Barbarossas Stammbaum, seine Feinde, Freunde und um sein klägliches Ende. Foto: Städtisches Museum

Der sagenumwobene Kaiser Friedrich Barbarossa ist vor 825 Jahren gestorben. Welche Freunde und Feinde er hatte, präsentiert eine Ausstellung im Göppinger Museum Storchen – und auch Barbarossas klägliches Ende samt seinem Mythos.

Region: Corinna Meinke (com)
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Göppingen - Wie sah Barbarossa eigentlich aus, konnte er lesen und warum existiert von einem der bedeutendsten Kaiser des deutschen Mittelalters kein Grab? Lauter Fragen, die derzeit im Göppinger Storchen beantwortet werden in Erinnerung an den vor 825 Jahren verstorbenen Herrscher. „Barbarossa – bewundert, gefürchtet und benutzt“, titelt die von Studierenden der Universitäten München und Freiburg erarbeitete Schau, die Barbarossas Herkunft erklärt, sein König- und Kaisertum beleuchtet und den Bogen schlägt bis zu dessen politischen Konflikten. Schließlich geht es auch um die Mythenbildung, die seit dem Tod des Rotbarts in allen Zeitaltern Konjunktur hatte von der Kyffhäusersage bis zu Hitlers „Unternehmen Barbarossa“, dem Decknamen der Nazis für den verheerenden Angriff auf die Sowjetunion 1941.

Barbarossa, der Werbeträger

Tatsächlich ist Barbarossa der Staufer bis heute in Göppingen am Fuße seiner längst zerstörten Stammburg auf dem Hohenstaufen noch immer in aller Munde. So hat sich die Göppinger Bäder- und Saunalandschaft längst klangvoll zu den Barbarossathermen gemausert, bei sportlichen Zeitgenossen steht der Barbarossa-Berglauf im Kalender, und Anhänger von Ökostrom können beim örtlichen Energieversorger Barbarossastrom ordern. Alles Vereinnahmungen, die Tradition haben, nutzte doch eine Werbelinie der Stadt Göppingen bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein vermeintliches Konterfei Friedrich Barbarossas über einer zeitgenössischen Stadtansicht (siehe nebenstehendes Bild) für ihre Zwecke, wie Karl Heinz Rueß, der Leiter des Archivs und der Museen der Stadt Göppingen und damit Gastgeber und Mitinitiator der Ausstellung, erklärt.

Von Lilienzepter und Reichsapfel

Doch wie der Herrscher eigentlich aussah, der im Jahr 1152 zum römisch-deutschen König gewählt und wenige Jahre später in Rom zum Kaiser gekrönt wurde, ist bis heute ungewiss. Zu seinen Lebzeiten gab es noch keine Porträtmalerei, und die wenigen Abbildungen, die beispielsweise auf dem kaiserlichen Siegel, der Goldbulle, existieren, zeigen lediglich schematisch Friedrich als Herrscher mit Bügelkrone, Lilienzepter und Reichsapfel, eben den Insignien seiner Macht.

Leider nur ein kleines Budget

Die wertvollen Originale dieser Reichsinsignien sind im Göppinger Storchen nicht zu sehen. Der Not eines kleinen Budgets gehorchend, sind die Schätze in den Vitrinen der großen Museen in Wien, München und Paris geblieben, und Rueß rückt zu hohe Erwartungen an die Barbarossaschau mit den Hinweis zurecht, die vier frisch renovierten Göppinger Räume seien ja auch viel zu klein für eine breite Dokumentation über den Kaiser, dem die großen Stauferausstellungen in Stuttgart 1977 und in Mannheim 2010 ausführlich Respekt gezollt hätten.

Fruchtbare Zusammenarbeit mit zwei Universitäten

Stattdessen habe man den Studierenden aus München und Freiburg die seltene Gelegenheit geboten, ihr Wissen in Form einer kompakten Ausstellung samt Begleitschrift wissenschaftlich fundiert populär zu vermitteln. Die Schau, die auch von der Gesellschaft für staufische Geschichte gefördert wird, dokumentiert die langjährige enge Zusammenarbeit zwischen dem Stadtmuseum und dem Verfasser der, nach Rueß’ Worten, wichtigsten Barbarossa-Biografie, Knut Görich von der Ludwig-Maximilians-Universität München, sowie mit Heinz Krieg von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

Der Wunsch nach neuer nationaler Größe

Während Barbarossa also bis in die Gegenwart zum Werbeträger „benutzt“ wird, wie es der Titel der Schau vorsichtig formuliert und nicht von missbrauchen spricht, zeigen die Ausarbeitungen der Studierenden auch, für welche weiter gehenden Projektionen die historische Gestalt herhalten musste. Von den Aufständischen des ausgehenden Mittelalters bis zu den deutsch-nationalen Kräften der Befreiungskriege gegen Napoleon und noch bis ins zweite deutsche Kaiserreich hinein wird Barbarossa zur Kultfigur stilisiert, was dem Wunsch nach einer wieder erstarkenden nationalen Größe und Einheit entspringt, wie Rueß erklärt. War doch Kaiser Friedrich Barbarossa der letzte deutsche Herrscher eines großen einheitlichen Reiches vor dem Zerfall in viele Kleinstaaten.

Die Sage vom Kaiser im Kyffhäusergebirge

Die mythologische Verklärung erhielt wohl auch Nahrung, weil seit des Kaisers Tod im Orient beim dritten Kreuzzug im Juni 1190 kein Grab Barbarossas bekannt ist. Damit begann auch „die fragwürdige Karriere Barbarossas als deutscher Nationalmythos“, wie es Rueß formuliert und auf die Kyffhäusersage verweist, nach der der im Kyffhäusergebirge im Harz verborgene Kaiser auf seine Rückkehr warte.




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