Hollywood, dieser Ort der Ambivalenzen, zwischen Träumereien und Kommerz, Utopien und banalem Alltag, hat es wieder geschafft. Durch eine geschickte Mischung aus Marketing, wirkmächtigen Namen und einer überraschenden Regiewahl rollt eine bonbonfarbene Welle übers Land. Sie spült eine Figur ins Bewusstsein, um die es ruhig geworden war: Barbie, zuletzt nur noch in den Schlagzeilen, wenn sie zeitgeistkonform in einer Trisomie-21-Version auf den Markt kam, ist wieder da. Und mit ihr das polarisierende Kraftfeld, das diese Puppe seit gut 60 Jahren umgibt.
Dass das Spielzeug im Film von Greta Gerwig zur Heldin einer Geschichte über Frauen und Männer wird, ist folgerichtig. Das Püppchen war immer Projektionsfläche für vieles. Obwohl sie in den späten 50er Jahren Mädchen vom Spiel als (Puppen-)Mütter befreien, ihnen eine (Spielzeug-)Welt schaffen sollte, in der Frauen auf hohen Hacken über die Rolle der Baby-Umsorgerin hinauswachsen konnten, war Barbie auch Anti-Figur. Wenn Kapitalismus und Patriarchat ins Bett steigen, dann zeugen sie ein blondes Überfräulein, das Mädchen auf ein Leben als aufreizendes Beiwerk in ausbremsenden Stöckelschuhen vorbereitet, sie aushöhlt mit dem Verweis auf einen defizitären Körper. So muss man sich feministische Albträume der 70er und 80er Jahre vorstellen.
Im Vergleich zu den Influencerinnen wirkt Barbie harmlos
In den vergangenen Jahren aber machten erst Privatfernsehen, dann Internet ein sexualisiertes Frauenbild omnipräsent. Im Vergleich dazu nahm sich Barbie harmlos aus, kam wie die Großmutter jener Schönheitsinfluencerinnen daher, die über Social Media immer früher in die Mädchenkinderzimmer drängen. Diese Frauen verkaufen das Zu-Markte-Tragen ihrer Körper teils als emanzipatorischen Akt – und argumentieren damit ähnlich wie junge Vorkämpferinnen für Frauen, die keinen Widerspruch zwischen Feminismus und Tussi-Sein sehen.
Mit all diesen Ambivalenzen, Zerrbildern, Brüchen und Umkehrungen vermag eine Regisseurin wie Greta Gerwig zu spielen. Ihr „Barbieland“, in dem Frauen regieren und sich das Dasein ihres Partners Ken im Barbie-Anhimmeln erschöpft, präsentiert sich wie die Vollendung von 150 Jahren Frauenbewegung, ist dabei aber so blut-schweiß-tränen- und glücksleer, dass es unerträglich scheint. Aber auch die reale Welt, in die Barbie sich aufmacht, ist als Schauplatz des Gender-Kampfes kein Sehnsuchtsort. Und wenn die Heldin die High Heels gegen Birkenstock tauscht, dann ist das wohl ein Verweis auf die Lieblingsschuhe junger Frauen, die sich frei fühlen, aber in ihren uniformen Schlappen auch wieder einem Modediktat unterwerfen.
Es geht nicht mehr um die Frage: High Heel oder Birkenstock?
Frauenleben heute, Feminismus gar, erschöpfen sich eben längst nicht mehr in der Entscheidung zwischen Barbie oder Birkenstock, hübsch oder schlau, Mutter oder erfolgreich sein. Es gleicht eher einem Vexierbild, einem Suchbild, in dem diese Widersprüche aufscheinen, sich neu zusammensetzen – ohne schon ein stimmiger Entwurf zu sein. Diese vielen Möglichkeiten, sich ständig neu zu entdecken, machen es ja so schön und schwer zugleich, heute Frau zu sein. Und darum taugt Barbie wohl auch nicht mehr als eindeutiges Feindbild.
Was und wer eine Barbie ist, bestimmten ja schon immer jene, die mit ihr spielten. Die ihr die Haare abschnitten, das Gesicht clownsmäßig bemalten, in deren Fantasie sie mal Mofafahrerin, mal alleinerziehende Mutter, mal Schriftstellerin sein konnte. Das kindliche Spiel ist ja nie eindimensional, seine Heldinnen und Helden immer dialektisch. Es hat die Kraft, über die Intentionen der Industrie, alle Befürchtungen der Eltern und die Grenzen seiner Zeit hinauszuwachsen.