Barmer Pflegereport 2020 Hohe Ausfallzahlen belasten Altenpflege

Viele Pflegekräfte halten nicht bis zur Altersrente durch. Foto: dpa/Tom Weller

Die seit einigen Jahren prekäre Situation der Altenpflege verbessert sich nur sehr langsam. Laut dem Barmer Pflegereport 2020 gäbe es 26 000 mehr Kräfte, wenn die Arbeitsbedingungen die Beschäftigten weniger krank machen würden.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Stuttgart - Die Pandemie hat die Belastung der gut eine Million Beschäftigten in der Altenpflege – somit der wahren Alltagshelden – noch einmal drastisch verstärkt. Nach einer internen Auswertung der Krankenkasse Barmer waren Anfang November etwa fünf Prozent des krankgeschriebenen Pflegepersonals allein aufgrund von Corona arbeitsunfähig.

 

In der ersten Welle hatten einzelne Pflegeheime nach einer Umfrage des Forschungszentrums Socium an der Universität Bremen Ausfälle von bis zu 30 Prozent des Personals zu verkraften. Bei den meisten der 800 befragten Einrichtungen seien es bis zu zehn Prozent gewesen, sagt der Forschungsleiter Heinz Rothgang. Zudem hätten Angehörige und Ehrenamtliche nicht wie gewohnt helfen können, weil sie die Häuser nicht betreten durften. Dies habe jedem Mitarbeiter einen Mehraufwand von etwa einer Stunde pro Schicht gebracht. Das Personal sei „mit erheblicher Belastung aus dem Frühjahr in die zweite Welle gegangen“, sagt der renommierte Gesundheitsökonom. Bei einer dritten Welle, fürchtet er, kann das „System an die Grenzen geraten“.

Vor allem Rückenschmerzen und psychische Probleme schlagen durch

Rothgang hat für die Barmer den Pflegereport 2020 erstellt, der die bereits prekäre Lage vor Corona aufzeigt. Demnach waren zwischen 2016 und 2018 im Schnitt 7,2 Prozent der Pflegefachkräfte und 8,7 Prozent der Hilfskräfte krankgeschrieben. Jeder Ausfall währte rechnerisch 18,6 (Fachkräfte) und 20,2 (Hilfskräfte) Tage. Anhand aller untersuchten Daten (wie Arbeitsunfähigkeiten, ambulante Diagnosen oder Krankenhaustage) zeigt sich in allen Altersklassen ein schlechterer Gesundheitszustand von Altenpflegekräften verglichen mit den sonstigen Berufen, die einen Krankenstand von 5,0 Prozent bei 13,3 Fehltagen aufweisen.

Vor allem psychische Belastungen und Muskel-Skelett-Erkrankungen schlagen zu Buche. Rückenschmerzen führen bei Pflegekräften um bis zu 180 Prozent mehr Fehltagen als in sonstigen Berufen. Überproportional viele Angestellte halten daher nicht bis zur Altersrente durch. Von 1000 Altenpflegefachkräften gehen pro Jahr durchschnittlich 3,9 in die Erwerbsminderungsrente – in sonstigen Berufen sind es nur 3,0 Beschäftigte. Daraus ergibt sich ein Teufelskreis: Die vielen Erkrankungen verstärken den Arbeitsdruck auf die Kollegen, was neue Ausfälle auslöst.

Der Aufwuchs an Stellen geht zu langsam voran

In der Summe ergibt sich im Vergleich mit den anderen Berufszweigen ein zusätzlicher Ausfall von 10 349 Fachkräften und 15 655 Hilfskräften. Daraus schlussfolgert Barmer-Chef Christoph Straub: „Deutschland hätte auf einen Schlag 26 000 Pflegekräfte mehr, wenn die Arbeitsbedingungen und damit auch die Gesundheit der Pflegerinnen und Pfleger besser wären.“ Anders gerechnet: Wenn das Personal nicht überdurchschnittlich häufig krank wäre oder frühverrentet werden müsste, könnten 50 000 Pflegebedürftige zusätzlich versorgt werden.

Zwar arbeiten immer mehr Menschen in der Pflege, doch tun sich weiterhin große Lücken auf. Die „Konzertierte Aktion“ der Bundesregierung will von Januar 2021 an 20 000 zusätzliche Stellen für Hilfskräfte schaffen. Dem Bremer Wissenschaftler geht der Aufwuchs nicht schnell genug. Auf Vollzeitstellen umgerechnet, seien derzeit 320 000 Beschäftigte bundesweit für eine dreiviertel Million pflegebedürftige Heimbewohner zuständig. „Wir müssten die Personalzahl um ein gutes Drittel oder knapp 120 000 zusätzliche Stellen steigern, um eine fachgerechte Pflege zu organisieren“, sagt Rothgang. Dazu müssten Fachkräfte stärker in die Leitung gehen und Aufgaben in der Pflege an die Hilfskräften delegieren. Die Politik wiederum sollte einen verbindlichen Plan für mehr Stellen vorlegen. Damit würden sich die Arbeitsbedingungen verbessern, und mehr Menschen würden sich für diesen Beruf interessieren – allein eine Imagekampagne reiche nicht aus.

Einhaltung von Tariflöhnen hat Priorität

Um dessen Attraktivität zu verbessern, mahnt Barmer-Chef Straub die Durchsetzung von Tariflöhnen als vorrangig an. „Die Löhne sind nicht schlecht, aber sie müssen auch bezahlt werden“, betont er. Zudem müssten die Länder ihren Investitionsverpflichtungen in der Pflege nachkommen. Und drittens müssten die Träger in ihren Einrichtungen ein gezieltes betriebliches Gesundheitsmanagement umsetzen, um das Personal fit zu halten – ein Problemfeld, auf dem sich etwa auch die AOK Baden-Württemberg in gezielten Projekten betätigt.

Die Pläne von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), die Eigenanteile der Heimbewohner auf 700 Euro pro Monat zu begrenzen, lobt Rothgang als „großen Schritt“. Zwar führe der relativ hohe Deckel nur zu begrenzten Entlastungen des Einzelnen; er verhindere aber auch, dass die Belastungen in der Zukunft explodieren. Wenn der Bewohner einen festen Sockel zahlt und die Qualitätssteigerungen von der Pflegeversicherung finanziert werden, sei dies eine „goldrichtige“ Umkehrung der bisherigen Logik. Sie ermögliche es, mehr Pflegekräfte einzustellen.

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