Kaum erkennbar zieht sich an dieser Stelle der Bahnhofstraße die Blindenleitlinie am Boden zwischen den Füßen der Teilnehmer hindurch. Foto: /Anke Kumbier
Bei einem Spaziergang durch Böblingen zeigt sich, was fehlende Signaltöne und der Schlossberg gemein haben – und dass oft vermeintliche Kleinigkeiten große Auswirkungen haben können.
Es sind oft vermeintliche Kleinigkeiten, die Menschen mit Behinderung den Weg durch die Stadt überhaupt erst ermöglichen. Fehlen sie, schränkt das die Bewegungsfreiheit vieler Menschen ein. Deutlich wird das zum Beispiel an der Ampel, die über die Konrad-Zuse-Straße zwischen dem Flugfeld und dem Bahnhof in Böblingen führt. Dort erklingt kein Pilotton, ein dauerhaftes Geräusch, das Blinden bereits an einigen Stellen in Böblingen signalisiert, wo eine Ampel steht.
Das Fehlen des Tons merkt Martin Stürner auf einem barrierefreien Rundgang an, zu dem Oberbürgermeister Stefan Belz (Grüne) geladen hat. Stürner ist blind, Bezirksgruppenleiter des Blinden- und Sehbehindertenverbands Württemberg in Böblingen und einer von knapp 15 Teilnehmern.
Einige von sitzen im Rollstuhl, andere sind wie Stürner blind und wieder andere sind aus „Neugierde“ da. „Man wird ja älter, nicht jünger“, meint eine Teilnehmerin. „Ich bin vielleicht auch irgendwann darauf angewiesen.“ Die Gruppe legt mit Zwischenstopps die Strecke vom Flugfeld über die Bahnhofsstraße und den Elbenplatz bis ins Neue Rathaus zurück.
Längere Grünphasen per Knopfdruck
An der Ampel über die Konrad-Zuse-Straße erklingt zwar kein Pilotton, dafür gibt es unter der Armatur, mit der man Grün anfordert, einen Knopf. „Wird er gedrückt, dauert die Ampelphase länger“, erklärt OB Belz. Eine Erleichterung für Menschen, die nicht so gut und vor allem so schnell zu Fuß sind. Außerdem ertönt dann ein Signal, das den Wechsel von Rot zu Grün anzeigt.
Martin Stürner (zweiter von links) begutachtet die Hinweisstele an der Alba-Brücke. Ihm fällt auf: der QR-Code ist nicht hervorgehoben und bleibt für Blinde damit unsichtbar. /Anke Kumbier
Immer wieder kommentieren die Teilnehmer Dinge, die ihnen auffallen, oder stellen Fragen. Etwa ob Böblingen für seinen ZOB ein ähnliches Ansagesystem plant wie Sindelfingen. Dort sollen Passagiere auf Knopfdruck angesagt bekommen, wann der nächste Bus fährt. Auf Anhieb sei ihm dazu nichts bekannt, meint Belz. „Aber das ist eine wichtige Sache, die nehme ich auf.“
Als nicht ideal gelöst bezeichnet Stürner den Verlauf der Blindenleitlinie auf dem Bahnhofsvorplatz – eine weitere nur vermeintliche Kleinigkeit. Die Leitlinie endet mitten an der Treppe und nicht am Rand, wo das Geländer ist. Doch als zentrale Herausforderung nennt Stürner einen anderen Bereich. „Die Bahnhofstraße ist die größte Hürde“, sagt der Bezirksgruppenleiter des Blindenverbands. Denn dort gibt es keine durchgängige Blindenleitlinie und der Weg an den Fassaden entlang, die ersatzweise eine Orientierung bieten könnten, führt an Gebäuden vorbei, die nicht alle in einer Flucht stehen, sondern ungleichmäßig in die Fußgängerzone herein ragen. Dazwischen befinden sich möglicherweise noch Stühle, Tische oder Aufsteller. Stürner würde eine durchgängige Leitlinie in der Mitte der Straße präferieren.
Trotz seiner Kritik stellt er Böblingen aber insgesamt ein gutes Zeugnis aus. „Viele Sachen sind hier gut gelöst“, sagt er und lobt beispielsweise das Team, das ehrenamtlich Zeitungsartikel einliest.
Am Ende der Bahnhofstraße an der Kreuzung zum Elbenplatz angekommen zeigt sich, dass Barrierefreiheit nicht immer gleich Barrierefreiheit ist. Während für Blinde und Menschen mit Sehbeeinträchtigung ein leicht erhöhter Bordstein den Übergang von Gehweg zu Straße signalisiert, kann er für Rollstuhlfahrer – wenn er zu hoch ist – ein unüberwindbares Hindernis darstellen. Er muss also genau die richtige Höhe haben.
Schlossberg noch nicht barrierefrei
Rollstuhlfahrer stoßen teils wieder auf andere Hürden als Blinde, darunter holprige Strecken, auf denen sie jeden Stoß spüren oder den steile Schlossberg. Mit einer Steigung von mehr als sechs Prozent gelte er nicht als barrierefrei, erklärt Belz. Die Masterplanung Schlossbergring sieht deshalb auch einen barrierefreien Zugang auf den Schlossberg vor. „Es gibt mehrere Ideen, aber noch keine davon ist spruchreif“, sagt OB Belz.
An dieser Stelle (Ecke Poststraße/Markstraße) müssen Rollstuhlfahrer auf die Straße ausweichen. /Anke Kumbier
Der bisher wohl vielversprechendste Ansatz sieht einen Aufzug vom Parkplatz am ehemaligen Fruchtkasten auf den Schlossberg vor. Der Gipfel ist deshalb auch nicht Ziel des Rundgangs, dafür aber das Neue Rathaus. Aber dieser Weg wartet ebenfalls mit Herausforderungen auf. Erst müssen die Rollstuhlfahrer beim Abbiegen von der Post- in die Marktstraße auf die Fahrbahn ausweichen, weil auf dem Gehweg nicht genug Platz ist, nur um wenig später ins Parkhaus Marktplatz einzurollen, wo sie eine hohe Stufe hinuntermüssen. Von dort geht es ohne weitere Hindernisse ins Neue Rathaus, wo ein Treppenlift dabei helfen soll, in das Gebäude zu kommen. Aufzüge stehen für die Fahrt in die oberen Stockwerke bereit. Allerdings sind sie schmaler, als die Norm es vorsieht.
Das sei baulichen Gründen geschuldet, erklärt Bürgerreferentin Ruth Holl, die den Spaziergang begleitet. Die Rollstühle, die dabei sind, passen zwar alle hinein. Was aber tun, wenn das mal nicht der Fall sein sollte? Nach kurzem Nachdenken ist die Bürgerreferentin nicht um Antwort verlegen: „Dann kommen die Ämter nach unten.“
Eine besondere Toilette und eine Rollstuhlkarte
Toilette für Alle im Rathaus Im Neuen Rathaus in Böblingen gibt es eine sogenannte „Toilette für Alle“. Sie soll Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen dienen und geht in ihrer Ausstattung über gewöhnliche Behindertentoiletten hinaus. Sie ist geräumig und hat beispielsweise eine Liege, eine Dusche und einen Lifter, um auch Erwachsene sauber machen und wickeln zu können.
Rollstuhlkarte Auf einer Rollstuhlkarte, der sogenannten „Wheelmap“, werden Orte nach Rollstuhlgerechtigkeit bewertet. Nutzer können selbst Orte markieren und anmerken, ob sie voll, teilweise oder nicht rollstuhlgerecht sind. Zu finden ist die Karte unter https://wheelmap.org/