Barrierefreiheit im Realitätscheck Stuttgarter Mutter: „Plötzlich steckte ich zwischen Zug und Bahnsteig fest“

Seit sie Mutter geworden ist, ist der Alltag für Julia Bosch zum Hindernislauf geworden. Foto: privat

Aufzüge, Rampen, breite Gehwege: Bevor sie Mutter wurde, spielte das für unsere Autorin keine Rolle. Seitdem sie mit Kinderwagen unterwegs ist, nimmt sie die Welt ganz anders wahr.

Klima und Nachhaltigkeit: Julia Bosch (jub)

Aufzüge an Bahn-Haltestellen: Ist es wirklich so tragisch, wenn die mal defekt sind? Ein Auto, das halb auf dem Gehweg parkt: So schlimm ist das doch nicht, oder? Und wozu dienen eigentlich diese seltsamen Knöpfe in Bussen, auf denen ein Kinderwagen abgebildet ist? Bevor ich Mutter wurde, stieg ich auf mein Fahrrad, radelte los – und stellte es an irgendeinem Laternenmast ab. Ich war einfach mobil, ohne darüber nachdenken zu müssen.

 

Heute weiß ich, was man bei Google Maps einstellen muss, um Treppenstufen zu vermeiden. Ich kann aus dem Stegreif aufzählen, an welcher Haltestelle in Stuttgart gerade Aufzüge nicht funktionieren. Und ich kenne die Züge, die mit Kinderwagen der Endgegner sind.

Ein riesiger Spalt verschluckt den halben Kinderwagen

Jahrelang habe ich mich heimlich darüber amüsiert, dass man überall auf die Lücke zwischen Zug und Bahnsteig hingewiesen wird. Und plötzlich steckte ich selbst in der Schönbuchbahn mit den Rädern meines Kinderwagens in der Lücke zwischen Zug und Bahnsteig. Allerdings nicht, weil ich vor mich hin geträumt hatte, sondern weil die Lücke dort wirklich riesig ist. Ich war allein unterwegs, niemand half mir aus der misslichen Lage. Ich wurde panisch, fing an zu schwitzen, bis ich schließlich mit Zerren und viel Kraft irgendwie die Räder wieder aus der Lücke hieven konnte. So schnell will ich nicht mehr Schönbuchbahn fahren.

In der S-Bahn meist machbar, in anderen Zügen teils kaum überwindbar: Der Spalt zwischen Waggon und Bahnsteig Foto: privat

Abenteuerlich können auch Busfahrten sein. Dort ist der Platz für Menschen mit Kinderwagen, Rollstuhl und großen Gepäckstücken sehr begrenzt. Dazu kommt, dass beim Ein- und Aussteigen teils große Höhenunterschiede in kurzer Zeit zu bewältigen sind. Hier hilft übrigens der besagte Kinderwagenknopf: Drückt man diese Taste, senkt sich der Bus nach dem Anhalten ab. Dann kann bei Bedarf auch eine Rampe ausgeklappt werden.

Manche Orte sind unmöglich zu erreichen

Auch in die Stadt- und S-Bahnen komme ich in der Regel ganz gut – wenn ich es mal an den Bahnsteig geschafft habe. Denn die Aufzüge muss man mitunter suchen, und dann hoffen, dass sie funktionieren. Es gibt auch Haltestellen, die ich ohne fremde Hilfe unmöglich erreichen kann mit Kinderwagen – etwa Vaihingen-Viadukt.

Die Art, wie ich auf die Welt schaue, hat sich verändert, seitdem ich mit Baby und Kinderwagen unterwegs bin. Mein Respekt vor Rollstuhlfahrern ist immens gewachsen. Meine Wut auf schlecht parkende Autofahrer ist noch größer geworden. Und ich habe gelernt, über meinen Schatten zu springen und Fremde an Treppen um Hilfe zu bitten, damit sie Anpacken beim Kinderwagentragen. Gerade jugendliche Männer sind zunächst überfordert, wenn man sie um Hilfe fragt, danach wirken sie aber oft stolz.

Ich selbst habe mir vorgenommen, nicht mehr mein Fahrrad an einem Laternenmast auf einem Gehweg abzustellen. Künftig laufe ich lieber zwei Minuten länger und nutze einen Fahrradständer. So kann ich zumindest eine klitzekleine Erleichterung für Rollstuhlfahrer und Menschen mit Kinderwagen oder Rollator bewirken.

Die Autorin

Julia Bosch
(33) ist Redakteurin unserer Zeitung und wurde Anfang 2025 Mutter. Während ihrer Elternzeit wird sie in mehreren Artikeln erzählen, wie ihre Vorstellungen übers Muttersein mit der Realität zusammenprallen. Sie lebt mit Freund und Sohn in Stuttgart.

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