Die Inklusionsvermittler Rolf Klein und Thomas Dingel haben Oberbürgermeister Nico Reith mit dem Rollstuhl durch Herrenberg geführt. Foto: Stefanie Schlecht
Herrenbergs Oberbürgermeister Nico Reith erlebt bei einem Selbstversuch die Tücken der Innenstadt im Rollstuhl. Schwierig und sogar gefährlich kann dabei ein Toilettengang werden.
Ein zu hoher Bordstein? Unebener Boden? Holpriger Straßenbelag? Für Rollstuhlfahrer, Eltern mit Kinderwagen oder ältere Menschen mit Rollator ist der Alltag oft mit unglaublich vielen Hürden gespickt. Es kann schwierig und gefährlich werden.
„Da kann man Rennen fahren.“
Thomas Dingel, Inklusionsvermittler, über den Belag beim Seeländer-Areal
Die beiden kommunalen Inklusionsvermittler, Thomas Dingel und Rolf Klein, haben auf dieser ganz speziellen Tour leibhaftig gezeigt, was Hürden im Alltag bei der Fortbewegung wirklich bedeuten. Auch Oberbürgermeister Nico Reith setzte sich bei der Gelegenheit in einen Rollstuhl und rollte am Mittwochvormittag durch die – teils ganz schön holprige – Herrenberger Innenstadt.
Gleich zu Beginn der Veranstaltung durften sich die Teilnehmenden in die Rollstühle setzen und einen kleinen Parkour fahren. Zuletzt drehte auch Thomas Dingel mit seinem elektrischen Rollstuhl eine Runde – ganz lässig mit Zigarette in der Hand. Seit Geburt ist Dingel contergangeschädigt und sitzt im Rollstuhl. Seine Verbindung zur Herrenberger Stadtverwaltung besteht schon seit vielen Jahren: Von 1983 bis 2004 war er selbst Mitarbeiter und saß fünf Jahre lang im Gemeinderat. Seit 2021 ist er gemeinsam mit Rolf Klein ehrenamtlich Inklusionsvermittler. Die beiden stehen der Verwaltung beratend an der Seite, wenn es darum geht, Teilhabe für Menschen mit Behinderung zu ermöglichen.
Tür öffnen im Rollstuhl? Nicht ganz einfach, spürt der OB. Foto: Stefanie Schlecht
Dass Dinge, wie Türen öffnen, auf die Toilette gehen oder eine Straße überqueren, ganz schön kompliziert sein können, bekamen die Teilnehmenden auf der Tour am eigenen Leib zu spüren. Erster Stopp war nämlich die Toilette in der Alten Turnhalle. Ohne Assistenz die Tür zum Gebäude zu öffnen, bekam kein einziger hin. Der Weg zur Toilette ist beengt und direkt neben der Toilettentür führt eine Treppe in den unteren Stock. Gefährlich für Rollstuhlfahrer, wenn von vornherein wenig Platz zum Rangieren ist. Wer mit einem Rad abrutscht, kann sich nicht mehr halten.
Die Stuttgarter Straße ist für Rollstuhlfahrer eine Holperpartie
Von der Alten Turnhalle ging es weiter über die Stuttgarter Straße in Richtung Marktplatz. Nachdem die Teilnehmenden die Steigung bewältigt und kurz verschnauft hatten, ging es direkt weiter. „Das Problem hier ist, dass die Straße in Richtung Marktplatz in alle Richtungen schräg ist“, machte Thomas Dingel aufmerksam. Tatsache: Die Stuttgarter Straße ist nicht einfach nur schräg, sondern wellt sich geradezu in Richtung Marktplatz. Für Rollstuhlfahrer eine echte Holperpartie, die gefährlich werden kann. Denn, wenn ein Rollstuhl mal kippe, könnten sich die Fahrenden nicht mehr verfangen, weiß Thomas Dingel.
Für solche zentralen Strecken hatten die Inklusionsvermittler einen Vorschlag parat: Anstatt die gesamte Straße zu sanieren, würde auch eine geebnete Fahrspur von 1,50 Meter Breite genügen. Angekommen am Rathaus gab es dann Lob: „Aufgrund des Brandschutzes ist das Rathaus jetzt teilweise barrierefrei“, sagte Thomas Dingel. Auch eine behindertengerechte Toilette gebe es nun – nach rund 15 Jahren. Die Stadt Herrenberg sei zwar willig, doch an der Umsetzung hapere es manchmal, bemängelte Dingel. Alles brauche eben sehr viel Zeit. Als er noch bei der Stadt Herrenberg in den 80er und 90er-Jahren gearbeitet habe, hätten ihn seine Kollegen zu Sitzungen in den ersten Stock hochtragen müssen, erzählte er.
Getan hat sich seither also schon einiges – doch laut Dingel noch lange nicht genug. Was deutlich wurde: Für Menschen mit Beeinträchtigung werden oft kleine Dinge zu unüberwindbaren Hindernissen – keine Toiletten, eine Stufe, enge und steile Straßen oder zu niedrige Sitzbänke, von denen man nicht mehr hochkommt.
Am Herrenberger Fruchtkasten soll eine „Toilette für alle“ entstehen, die auch eine Liegevorrichtung beinhaltet. Erst eine einzige von dieser Sorte gebe es im Landkreis Böblingen – und zwar in Böblingen, wusste Rolf Klein. Hier hakte sich auch Oberbürgermeister Nico Reith ein: „Bei allen Neubauprojekten denken wir Inklusion mit.“
Neben Kritikpunkten gab es aber auch Lob: der Belag beim Seeländer-Areal bezeichnete selbst Thomas Dingel als vorbildlich: „Da kann man Rennen fahren“, sagte der Inklusionsvermittler humorvoll. Bei der Tour ging es vor allem um eines: Einen Perspektivwechsel. Da stimmte auch der OB zu: „Es gibt nichts Besseres, als etwas selbst zu erfahren“, sagte er.
Teilhabe für alle
Inklusionsvermittler Herrenberg ist nicht die einzige Stadt im Landkreis Böblingen, die mit kommunalen Inklusionsvermittlern zusammenarbeitet. Insgesamt zehn Kommunen beteiligen sich. Herrenberg, Jettingen, Aidlingen, Leonberg, Ehningen, Holzgerlingen, Rutesheim, Sindelfingen, Weil der Stadt und Gärtringen.
Projekt Das Projekt kommunale Inklusionsvermittler wird getragen von der Akademie Himmelreich und der Beratungsgesellschaft 1a Zugang aus Gärtringen.