Barrierefreiheit in Stuttgart-Vaihingen Zehn Sekunden reichen bis zur Straßenmitte

Nach zehn Sekunden schaltet die Ampel an der Schwabengalerie wieder auf Rot. Zu  wenig Zeit, um mit einem Rollator auf die andere Straßenseite zu gelangen. Foto: Sandra Hintermayr
Nach zehn Sekunden schaltet die Ampel an der Schwabengalerie wieder auf Rot. Zu wenig Zeit, um mit einem Rollator auf die andere Straßenseite zu gelangen. Foto: Sandra Hintermayr

Bewohner des PMGZ und Mitglieder der Arbeitsgruppe Barrierefreies Vaihingen sowie des Vereins Bürger-Rikscha testen die Grünphasen der Fußgängerampeln rund um den Vaihinger Markt. Das Ergebnis ist erschreckend. Keiner der PMGZ-Bewohner schafft es über die Straße, bevor es wieder Rot wird.

Filderzeitung: Sandra Hintermayr (shi)
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Vaihingen - Die Rollatoren an der Bordsteinkante positioniert, warten die Senioren auf Grün. Sobald die Ampel umspringt, läuft die Zeit. Zehn Sekunden – so lange dauert die Grünphase der Fußgängerampel an der Hauptstraße vor dem Paritätischen Mehrgenerationenzentrum (PMGZ). In diesen zehn Sekunden haben es zwei der Senioren mit ihren Rollatoren bis zur Mitte der Straße geschafft, zwei weitere haben vielleicht ein Drittel der Strecke hinter sich gebracht. „Das ist viel zu knapp“, sagt die PMGZ-Bewohnerin Hedwig Schmitt, als sie die andere Straßenseite erreicht. Die Ampel zeigt da längst Rot. Zwar dauert die Abräumphase, also die Zeit, ab der die Fußgängerampel auf Rot springt und bis die Autofahrer wieder Grün bekommen, noch einmal zehn Sekunden. Doch selbst das reicht nicht allen, um zum gegenüberliegenden Gehweg zu gelangen.

„Die Ampelphasen sind so bemessen, dass man mit einer Schrittgeschwindigkeit von 1,2 Metern pro Sekunde die Straße überqueren muss. Das reicht bei normalem Gehen gerade so“, sagt Eyüp Ölcer von der Arbeitsgruppe Barrierefreies Vaihingen. Für Menschen mit Einschränkungen reicht die Zeit dagegen nicht aus. Ivo Josipovic, der Behindertenbeauftragte für Vaihingen, manövriert seinen Rollstuhl mühelos in der kurzen Zeit über die Straße. Dennoch sieht auch er die kurzen Grünphasen kritisch. Der junge Mann unterstützt die Arbeitsgruppe, denn er sieht Missstände, die für nicht-behinderte Menschen oft nicht ersichtlich sind. Die Ampelschaltunen sind einer dieser Missstände in Vaihingen. „Es muss Normen geben, die für alle ausreichend sind“, sagt Josipovic.

Die Ampelschaltung ist auf die Autos ausgelegt

Die kleine Gruppe hat inzwischen die nächste Ampel angesteuert. Sie führt ebenfalls über die Hauptstraße zum süd-östlichen Eingang der Schwabengalerie. Auch hier zeigt die Ampel nur zehn Sekunden lang Grün. „In einer Gruppe ist es noch schwieriger, die Straße in der kurzen Zeit zu überqueren. Es können nicht alle gleichzeitig loslaufen, wenn die Ampel schaltet“, sagt Ölcer. Den Nachzüglern bleibt noch weniger Zeit, auf die andere Straßenseite zu gelangen. „Die Schaltung ist optimiert für den Fahrzeugverkehr“, sagt Evelin Bleibler vom Verein Bürger-Rikscha. „Langsamere Fußgänger schaffen es nicht, den Weg in der kurzen Zeit zurückzulegen.“

Bei der nächsten Ampel am Vaihinger Markt, die von der Schwabengalerie zum Rathaus führt, dauert die Grünphase auch nicht länger. Hedwig Schmitt geht diesen Weg regelmäßig, wenn sie auf den Markt will. „Besonders hier würde ich mir wünschen, dass die Ampel länger Grün bleibt“, so Schmitt.

Grünphasen bei Bedarf verlängern

Gabriele Leitz, Robin Garcia Victoria und Eyüp Ölcer von der Arbeitsgruppe Barrierefreies Vaihingen begleiten den Grünphasentest. Die Arbeitsgruppe möchte einen Antrag an die Stadt stellen, die Ampelphasen im Vaihinger Zentrum zu prüfen und zu schauen, wie man sie verbessern kann. „Wir wollen den Autoverkehr nicht behindern, aber es muss Möglichkeiten geben, in bestimmten Situationen die Grünphasen für die Fußgänger zu verlängern“, erläutert Ölcer. So seien die Knöpfe, die an den Unterseiten der Ampelsignalgeber angebracht sind, ohne Funktion. Man könne sie so programmieren, dass sie bei Betätigung die Ampel länger Grün halten, schlägt die Arbeitsgruppe vor. „Gerade in den Bereichen, in denen viele Senioren unterwegs sind, würde sich das anbieten, wie etwa rund um das PMGZ“, sagt Ölcer.




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