Barrieren bei Großevents im Kreis Ludwigsburg Nach Amokfahrten: Höheres Sicherheitslevel bei Festen

Zur Neuauflage des 18.-Jahrhundert-Fests in Marbach werden wieder Tausende Besucher erwartet – die die Stadt mit Barrieren schützen möchte. Foto: Veranstalter)/ 

Marbach mietet für das 18.-Jahrhundert-Fest Fahrzeugsperren an. Die Stadt Göppingen nutzt sie schon. Ein Video zeigt, wie die Sperren funktionieren. In der Nachbarstadt Ludwigsburg will man nach den Attentaten ebenfalls nicht alles beim Alten lassen.

Alle Gremiumsmitglieder hätten das Thema gewiss liebend gerne ohne tagesaktuellen Bezug diskutiert. Doch ausgerechnet am Donnerstagabend setzte man sich im Marbacher Gemeinderat mit der Frage auseinander, ob zum Schutz von größeren Events Fahrzeugsperren angeschafft werden sollen. Also nur wenige Stunden, nachdem ein Mann in München mit einem Auto in eine Menschenmenge gerast war. Zusätzliche Brisanz erhielt die Angelegenheit dadurch, dass am 3. Mai das 18.-Jahrhundert-Fest auf dem Programm steht, bei dem Tausende Besucher kostümiert durch die Gassen der Altstadt flanieren dürften.

 

Damit ein Horrorszenario wie in München weitgehend ausgeschlossen ist, verständigte sich der Gemeinderat nach einer längeren Debatte darauf, zunächst nur gezielt für das anstehende Großereignis drei Fahrzeugsperren des Typs „Armis One“ der Schweizer Consel Group anzumieten. „Zum Zeitpunkt unserer Recherche war das das beste auf dem Markt erhältliche Produkt“, erklärte der Ordnungsamtsleiter Andreas Seiberling. „Wir können die Sperren in kürzester Zeit durch den Bauhof aufbauen lassen. Sie werden auf die Straße gelegt, das war’s“, sagte er. Außerdem ließen sich die Barrieren in Sekundenschnelle herunterklappen, damit beispielsweise Rettungsfahrzeuge die betreffenden Passagen überwinden könnten.

Sollte aber je ein Attentäter die Riegel in scharf gestelltem Zustand überwinden wollen, pralle das Fahrzeug gegen die Module, komme nach wenigen Metern zum Stehen – und es bleibe nicht viel von diesem übrig. Seiberling stellte auch klar, dass drei Sperren das Minimum seien. Es ließen sich damit zwar die Hauptzuwegungen zur Fußgängerzone schützen, aber nicht alle potenziellen Einfallstore. Man müsse also flankierend zusätzliche Barrikaden anbringen lassen. Auf Sicht wolle man die Nachbarkommunen ins Boot holen, um dann weitere Elemente bestellen zu können und so aus einem gemeinsamen, größeren Pool schöpfen zu können.

Die Rampen haben Zwischenräume, damit sie von Fußgängern und Radfahrern passiert werden können. Foto: Consel Group

Die angestrebte Zusammenarbeit mit den umliegenden Städten und Gemeinden wurde von den Stadträten begrüßt. Allerdings waren nicht alle in der Runde restlos von dem Konzept überzeugt. Vor allem aus den Reihen der Freien Wähler kamen Vorbehalte. Man könne ohnehin keinen hundertprozentigen Schutz in allen Bereichen der Stadt garantieren, meinte Fraktionschef Martin Mistele. Insofern seien die im Raum stehenden Anschaffungskosten von mehr als 40 000 Euro zu hoch.

Außerdem gebe es unter Umständen bald Gesetze, die bestimmte Modelle vorschrieben, sodass man unter Umständen nun aufs falsche Pferd setze. Andere Räte meinten zudem, dass man doch auch große Feuerwehrfahrzeuge als Hindernis an den Zufahrten platzieren könne.

Andreas Seiberling betonte jedoch, dass bei einer Vorbesprechung mit Einsatzkräften genau davon abgeraten worden sei, weil dies kein taugliches Mittel darstelle, die Wagen unter Umstände kurzfristig ausrücken müssten. Bürgermeister Jan Trotz warb ebenfalls dafür, den Empfehlungen der Fachleute zu folgen. Wenn man sehenden Auges die Handreichungen ignoriere und dann etwas passiere, müssten er und Seiberling den Kopf hinhalten. Dazu sei er nicht bereit. „Dann müsste man eigentlich in Konsequenz sagen: Es gibt kein 18.-Jahrhundert-Fest, weil das Risiko zu groß ist“, sagte Trost.

Gemeinderat einigt sich auf einen Kompromiss

Trost machte aber einen Kompromissvorschlag, auf den sich die Mehrheit verständigen konnte. Die drei Sperrelemente werden zunächst nicht gekauft, wie zunächst von der Verwaltung vorgeschlagen, sondern probehalber für das 18.-Jahrhundert-Fest gemietet. Vor einer Festanschaffung wird man mit den Nachbarkommunen ins Gespräch gehen, um im Verbund vielleicht auch größere Mengen bestellen und die Kosten auf mehrere Schultern verteilen zu können.

Die Rampen lassen sich umklappen, damit die Barrieren zum Beispiel von Rettungsfahrzeugen passiert werden können. Foto: Consel Group

Schon getestet hat die Fahrzeugsperre, über die in Marbach diskutiert wurde, die Stadt Göppingen. „Das System wurde nach einer öffentlichen Ausschreibung im Spätsommer 2024 angeschafft“, berichtet Pressesprecherin Andrea Rothfuß. „Die Erfahrungen aus den ersten Einsätzen sind positiv.“ Angesichts der aktuellen Entwicklungen würden die Sperrelemente auch häufig verwendet.

In Ludwigsburg wird an einem neuen Absperrkonzept gearbeitet

In Ludwigsburg hat man indes bislang auf so genannte Indutainer vertraut, also auf mit Wasser gefüllte Barrieren. „Nach der Amokfahrt auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt wurden zudem die Zugänge zum Ludwigsburger Weihnachtsmarkt mit Fahrzeugen der Feuerwehr zugestellt“, erklärt Pressesprecherin Meike Wätjen. Außerdem habe dieses schreckliche Ereignis die Stadtverwaltung dazu bewogen, ein neues Absperrkonzept für Veranstaltungen zu erarbeiten. „In der Arbeitsgruppe sind unter anderem der städtische Eigenbetrieb Tourismus & Events Ludwigsburg, der städtische Fachbereich Sicherheit und Ordnung, die Polizei und die Feuerwehr vertreten. Auch externe Gutachter werden einbezogen. Ergebnisse liegen aber zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht vor“, berichtet Wätjen.

Wie das System funktioniert

Das Prinzip
Die Stadt Marbach bestellt drei Fahrzeugsperren des Modells „Armis One“ von der Schweizer Consel Group. Dabei handelt es sich um umklappbare Rampen, die sich bei einem Amokangriff quasi in ein Fahrzeug hineinfräsen und selbst Lastwagen zum Stehen bringen sollen.

Einsatzorte
Im Einsatz ist das System nach Angaben des Herstellers unter anderem in Göppingen, Pforzheim und Reutlingen. Die Sperren könnten gemietet oder gekauft werden. Die Consel Group übernehme die Einweisung.

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