Basel: Yayoi Kusama Gegen den Selbstmord anmalen

Yayoi Kusama als Teil ihres Punkteuniversums Foto: Yayoi Kusama, Courtesy of Ota Fine Arts, Victoria Miro, David Zwirner

Die Künstlerin Yayoi Kusama ist mit ihren Punkten weltberühmt geworden. Aber hinter den fröhlichen „Polka Dots“ tun sich Abgründe auf, wie die Schau in der Fondation Beyeler zeigt.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Sie sind witzig, fröhlich, bunt und inzwischen weltberühmt: Die japanische Künstlerin Yayoi Kusama hat die Kunstwelt mit Punkten erobert, gepunkteten Riesenkürbissen, Bilder mit zahllosen Punkten und Pünktchenkleidung. Eine Zeit lang hat sie sogar auf der Straße nackte Menschen vom Scheitel bis zur Sohle mit Punkten bemalt. Heute pilgern die Massen vor allem in ihre gepunkteten und verspiegelten Räume, die ein besonderes immersives Erlebnis vermitteln. Die Punkte von Yayoi Kusama sind so populär, dass man sogar bei Temu Einkaufstaschen mit ihren Motiven kaufen kann, das Stück für 4,90 Euro.

 

Der Hype ist ungebrochen

Inzwischen ist die japanische Künstlerin, die stets eine signalrote Perücke trägt, 95 Jahre alt – und doch scheint der Hype um sie ungebrochen zu sein. Zu ihrer letzten Retrospektive in Melbourne kamen mehr als eine halbe Million Besucher. Und auch in der Fondation Beyeler in Riehen/ Basel herrscht derzeit Hochbetrieb – sogar Kinder wollen eintauchen in die gepunkteten Räume. Im Untergeschoss kann man durch gelb-schwarze, aufgeblasene Tentakel streifen und sich von Punkten und Spiegeln die Sinne verwirren lassen.

Die Punkte sind gar nicht so spaßig

Trotzdem wird die umfassende Werkschau in Basel manchen überraschen, denn sie vermittelt ein völlig anderes Bild, als viele es von Yayoi Kusama haben, die laut britischem „Guardian“ sogar als beliebteste Künstlerin der Welt gilt. Denn ihre Punkte sind keineswegs so spaßig, wie es die Socken oder Kleider vermuten lassen, die auch von Kunstfernen getragen werden. Die Ausstellung führt im Gegenteil in tiefste Abgründe der Künstlerin, die sich in die Kunst flüchtete, um Angstzuständen und Schmerzen zu trotzen. Das Malen, hat sie immer wieder gesagt, habe ihr geholfen, „Todesgedanken fernzuhalten.“

Installationsansicht: „Infinity Mirrored Room – The Hope of the Polka Dots Buried in Infinity Will Eternally Cover the Universe, 2025© YAYOI KUSAMA Foto: Yayoi Kusama/Mark Niedermann

Die Ursprünge dieser Seelennöte liegen in der Kindheit von Yayoi Kusama. Geboren wurde sie 1929 im japanischen Matsumoto. Der Vater war ein notorischer Fremdgeher, die gewalttätige Mutter ließ ihre Frustration an der sensiblen Tochter aus. Schon als Kind entwickelt Kusama eine Zwangsstörung und hatte Halluzinationen. Sie glaubte, dass Tiere und Pflanzen mit ihr sprechen würden; dann wieder schienen zahllose Punkte in ihrer Umgebung verstreut zu sein. Der Krieg und die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki verstärkten ihre Angstzustände.

Foto: Yayoi Kusama

Glücklich war diese Kindheit und Jugend sicher nicht. Mit 19 Jahren durfte Yayoi Kusama für ein Jahr in Kyoto Kunst studieren, musste den Eltern aber zusagen, im Gegenzug Unterricht in Etikette und gutem Benehmen zu nehmen. Schon damals rettete sie sich mit extremer Produktivität. Als sie 1952 im Gemeindezentrum von Matsumoto ausstellte, präsentierte sie bereits 200 Arbeiten, sehr viel für eine junge Künstlerin.

Bis heute malt Yayoi Kusama alle zwei, drei Tage ein Bild, und welche Massen an Werken in diesen mehr als siebzig Jahren zusammengekommen sind, kann man nur erahnen in der Baseler Ausstellung. Es ist eine kleine Auswahl aus der Serie „My Eternal Soul“ zu sehen, die aus fast 900 Gemälden besteht, bunten Bildern mit Punkten und Ornamenten, Gesichtern oder organisch anmutenden Formen, die mitunter an die Kunst der Aborigines erinnern.

Auch wenn Yayoi Kusama zweifellos als die Frau mit den Punkten in die Geschichte eingehen wird, so ist das nur eine Seite ihres Werkes, das erstaunlich uneinheitlich ist und mit ganz unterschiedlichen Stilen und Techniken aufwartet. In den Anfängen entstanden Landschaften, Grafisches, aber auch abstrakte Schöpfungen mit Formen, die an Zellstrukturen, Blutkörperchen oder organische Materie erinnern.

Mit Ende zwanzig zog sie nach New York. Wie besessen malte sie gegen die Halluzinationen und Panikattacken an und brachte in einer Art meditativem Akt „Infinity Nets“ auf die Fläche, Netze, zahllose Punkte oder winzige Bögen. Als sie diese in einer Galerie ausstellte, bekam sie begeisterte Kritiken. Es war der Anfang einer steilen Karriere.

Möbel, an denen Stoff-Phalli hängen

In den 1960ern war Yayoi Kusama in der Hippieszene aktiv – und Videos in der Ausstellung erinnern daran, wie sie bei ihren Performances mit Kimono und blumengeschmücktem Sonnenschirm durch New York lief oder in Sonnenblumenfeldern umherstreifte. Es gibt aber auch eine große Auswahl ihrer Objekte, die sie mit Makkaroni beklebte, um ihre Probleme mit dem Essen zu überwinden. Dann wieder fertigte sie „Soft Sculptures“, Objekte und Möbel, an denen zahllose Stoff-Phalli hängen. „Viele Leute glaubten, ich sei verrückt nach Sex, weil ich so viele Sexobjekte herstellte“, sagte sie einmal. „Aber ich habe begonnen, Penisse zu gestalten, um mich von meiner Aversion und Furcht zu heilen.“

1972 kehrte Kusama zurück nach Japan, wo sie sich nach mehreren Selbstmordversuchen schließlich selbst in eine psychiatrische Klinik in Tokio einwies, in der sie bis heute lebt und malt.

Der eigenen dunklen Seele entfliehen

Die riesigen gepunkteten Kürbisse oder die „Infinity Mirror Rooms“ scheinen den unmittelbaren Dialog mit dem Publikum zu suchen. Viele Arbeiten von Yayoi Kusama sind dagegen eher selbstbezüglich und machen den Zugang schwer, weil sie in erster Linie gemacht wurden, um mit der eigenen fragilen Psyche fertig zu werden. Oder wie sie es sagt: um der eigenen dunklen Seele in die Weite des Universums zu entfliehen.

So hängt auch über den vielen bunten Punkten in der Fondation Beyeler letztlich bleischwere Traurigkeit. Und man sieht es der Künstlerin nach, dass ihre Botschaft etwas einfach klingt: Sie wolle Liebe, Frieden und Hoffnung teilen und der jungen Generation „Love forever“ hinterlassen. Das klingt naiv, ist bei Yayoi Kusama aber durchaus existenziell gemeint.

Punkte als Schreie der Seele

Halluzinationen
Bereits als Grundschulkind litt Kusama unter Halluzinationen: „Ich wachte eines Morgens auf und sah, dass das Fenster mit einem Netz überzogen war. Ich ging zum Fenster und berührte es. Da sprang das Netz auf mich über und bedeckte meinen ganzen Körper. Ich schrie um Hilfe, dann verlor ich mein Bewusstsein.“

Information
„Yayoi Kusama“. Fondation Beyeler, Riehen/Basel. Bis 25. Januar, geöffnet Mo bis Fr 9 bis 18 Uhr, Mi bis 20 Uhr, Sa, So 10 bis 18 Uhr.

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