„Baselitz-Richter-Polke-Kiefer“ in der Staatsgalerie Stuttgart Helden? Künstler!

Anselm Kiefer, Heroisches Sinnbild VII, 1970 Foto: Sammlung Würth, Courtesy Anselm Kiefer

Kritisch und provokativ zeigen sich die Künstler Georg Baselitz, Gerhard Richter, Sigmar Polke und Anselm Kiefer in den 1960er Jahren. Die Staatsgalerie Stuttgart zeigt den Antritt der weltbekannten Maler. Am 12. April beginnt die Schau „Baselitz-Richter-Polke-Kiefer“.

Stuttgart - Gerade als Jochen Poetter, damaliger Direktor der Kunsthalle Baden-Baden, am 10. Februar 1990 bei der Vorbesichtigung der Schau „Sigmar Polke – Fotografie“ betont, das Motiv spiele für die fotografische Arbeit des Kölner Künstlers nicht die entscheidende Rolle, hat Polke seinen Auftritt. Kurz steht er im Durchgang am anderen Ende des Hauptsaales, drückt, schon halb in einem Nebenraum verschwunden, auf den Auslöser – die Kamera in Hüfthöhe, gerade so, als wolle er die ganze Kritikerschar auf einmal erledigen. Er entschwindet, um irgendwo wieder aufzutauchen.

 

Für Polke ist alles Gesehene Material

Polkes Auftritt ist ein Signal: Alles Gesehene ist Material, das Jetzt ist Material, ja, auch die Kunst – und gerade die eigene – ist Material. Und alles Material will genutzt, kombiniert, verwandelt werden. Und dies von Beginn an.

1966, Polke ist noch Studierender an der Düsseldorfer Akademie, erreicht ihn eine verblüffende Nachricht: „Ich stand vor der Leinwand und wollte einen Blumenstrauß malen“, notiert er, „da erhielt ich von höheren Wesen den Befehl: keinen Blumenstrauß! Flamingos malen! Erst wollte ich weitermalen, doch dann wusste ich, dass sie es ernst meinten.“ Und wie – 1969 entsteht ein Werk, das zur Ikone internationaler Gegenwartskunst wird: „Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!“ Was wir sehen, ist exakt, was wir lesen.

Neubestimmung der deutschen Kunst

Taugen diese Überhöhungen und sofortigen ironischen Brechungen als Ansatzpunkte, mit frühen Arbeiten von Sigmar Polke über die Neubestimmung der deutschen Kunst in den 1960er und frühen 1970er Jahren nachzudenken?

Ein Satz von Anselm Kiefer kann vielleicht weiterhelfen: „Das Deutsche ist für mich ein Thema wie für Cézanne die Äpfel. Die Mythen waren schon immer da, werden nur immer verdrängt. Deshalb nehme ich sie in meine Arbeit auf.“ Denn, so Kiefer, „man muss sie sichtbar machen, wenn man die Wiederholung eines Missbrauchs verhindern will“.

Kiefer sagt es im September 1990 vor Eröffnung der von Götz Adrianierarbeiteten Ausstellung „Anselm Kiefer. Bücher 1969–1990“ in der Kunsthalle Tübingen. Und er warnt seinerzeit vor schnellen Gleichungen: „James Joyce“, sagt er, „war Ire, aber deshalb ist sein Roman ,Ulysses‘ noch keine irische Kunst.“

Zweifellos aber hat „Ulysses“ die Wahrnehmung irischer Literatur verändert. Und ebendies gilt mit Blick auf die deutsche Kunst für das Werk von Sigmar Polke und Anselm Kiefer. Zwei weitere Künstler sind hier zu nennen: Gerhard Richter und Georg Baselitz.

Wegebereiter internationaler Anerkennung deutscher Gegenwartskunst

Dieses Quartett ebnet die Wege, auf denen in der Folge Konzeptkünstlerinnen wie Rosemarie Trockel oder die Riege der Fotokünstler um Thomas Ruff und Andreas Gursky international mit offenen Armen empfangen werden.

Warum aber löst gerade das Schaffen von Georg Baselitz, Gerhard Richter, Sigmar Polke und Anselm Kiefer das entscheidende Echo aus? Dieser Frage geht die Ausstellung „Die frühen Jahre der Alten Meister“ nach – von Götz Adriani konzipiert und vom 12. April an in der Staatsgalerie Stuttgart sowie vom 12. September an in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen.

Kalkulierte Skandale

Frühe Jahre sind oft spektakuläre Jahre. Georg Baselitz überschreitet 1962 mit dem Bild „Große Nacht im Eimer“ bewusst geltende Regeln. Zu sehen ist eine abgehalftert wirkende männliche Figur, die mit unförmiger Hand ihr übergroßes Glied hält. Ja, der Skandal ist kalkuliert. Pornografie aber liegt Baselitz fern. Er macht die Szene zur bildnerischen Reihe, zum fortlaufenden Sinnbild nicht etwa männlicher Macht, sondern männlicher Ohnmacht.

Gegen die malerische Wucht von Baselitz wirken Gerhard Richters Werke fast zart. Richter taucht die Welt in das eigentümliche Grau-Blau des Schwarz-Weiß-Fernsehens. Nur so, scheint es, kann er sich dem von Hitlerdeutschland verantworteten Grauen industrieller Menschenvernichtung nähern, nur so auch dem Leid der Opfer und der Willkür der Täter in der eigenen Familie – in den Bildern „Tante Marianne“ beziehungsweise „Onkel Rudi“ von 1965.

Was bedeutet der Abgrund Faschismus?

Anselm Kiefer hat all dies buchstäblich vor sich, als er mit Anfang zwanzig seine Wege zur Kunst, in die Kunst und durch die Kunst sucht. „Besetzungen“ heißt 1969 seine erste Ausstellung. Fotos zeigen ihn in Reithose, Reitstiefeln und Militärmantel, die sein Vater im Zweiten Weltkrieg getragen hatte. Kiefer steht an ausgewählten Orten Europas und führt den Hitlergruß aus. Eine Provokation. Und doch: Kiefer zeigt den erhobenen rechten Arm nicht, er setzt sich, in seiner Erscheinung sichtbar verletzlich, dieser Geste aus. „Ich wollte hinter dem Erscheinungsphänomen Faschismus erkennen, was der Abgrund Faschismus für mich selbst bedeutet“, sagt Kiefer über die „Heroischen Sinnbilder“.

In Buchen im Odenwald findet Kiefer nach dem Studium in Karlsruhe und Düsseldorf zunächst Ruhe. Er malt, was buchstäblich vor seinen Füßen liegt. Sein Atelier („Dachbodenbilder“), die Äcker, die Feldwege. Immer betont Kiefer dabei eine Horizontlinie, die nicht abschließt, sondern neue, noch undefinierte Räume erahnen lässt. Schriftzüge wie „Glaube, Hoffnung, Liebe“, „Die Hermanns-Schlacht“ oder „Unternehmen Seelöwe“ wecken einerseits Erinnerungen an „verschüttete, aber doch allgegenwärtige Mythen“ (Kiefer) und provozieren andererseits durch die Verbindung mit den Folgen der nationalsozialistischen Ideologie.

Wirtschaftliche Erfolge verdecken die offenen Wunden

Die Bundesrepublik Deutschland in einem wirtschaftlichen Höhenrausch, der die offenen Wunden der Zerstörung ebenso verdeckt wie das Schweigen der deutschen Täter – das bleibt der Widerspruch der 1960er Jahre und wird zur Sollbruchstelle der Gesellschaft.

Ein Jahr nach dem Ende der in ihrer Bedeutung erst in jüngster Zeit wieder gewürdigten „Auschwitz-Prozesse“ in Frankfurt, ein Jahr auch nach Gerhard Richters abgründig bitterem „Onkel Rudi“, malt Sigmar Polke das Sinnbild des gültigen Selbstverständnisses. Sein „Urlaubsbild“ versammelt 1966 Abziehbilder nun wieder erreichbarer Sehnsuchtsorte. Der schwarz-weiße Vorhang lässt sich offenbar mit leichter Hand beiseiteziehen. Im gleichen Jahr lässt Polke es „Würstchen“ regnen und kleidet seine Ironie formal in betonte Distanz.

Gerade auch solche Werke hat Christiane Lange, Direktorin der Staatsgalerie Stuttgart, im Blick, wenn sie sagt, wesentlich Polke, Baselitz, Richter und Kiefer sei es zu verdanken, dass in den Jahrzehnten nach 1960 die Kunst wesentlich die Glaubwürdigkeit der Bundesrepublik Deutschland mitprägt, als Gesellschaft Teil der Völkergemeinschaft zu sein.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eröffnet die Ausstellung

Gerade auch deshalb hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Schirmherrschaft für die Ausstellung „Baselitz-Richter-Polke-Kiefer. Die jungen Jahre der Alten Meister“ übernommen. Steinmeier wird die Schau am 11. April mit eröffnen – fast 30 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer.

Deutsche Geschichte – das ist in den Arbeiten von Sigmar Polke, Georg Baselitz, Gerhard Richter und Anselm Kiefer keine Heldensaga. Und auch sie selbst spüren in den späten 1980er und in den 1990er Jahren sehr genau, dass der Weltruhm den eigenen Kurs gehörig ins Schlingern bringen kann. Die Reaktion? Anselm Kiefer zieht sich nach Südfrankreich zurück, Sigmar Polke, der 2010 stirbt, betont das materialübergreifende Experiment. Und Georg Baselitz? Er beginnt 1969 mit „Der Wald auf dem Kopf“ kopfüber zu malen und nimmt seinen Motiven damit schon früh alle Heroik.

Lange Schatten deutscher Vergangenheit

Die Schatten deutscher Vergangenheit und Gegenwart aber sind lang. Versteckt geht diese Ausstellung in vielen Museen der Welt weiter. Georg Baselitz spürt in seinen „Remix“-Bildern den Szenarien der 1960er noch einmal nach und stellt sich in der Überhöhung seiner Figuren zugleich der Diskussion über deren Weg durch die Jahrhunderte bis 1960.

Am vielleicht eindringlichsten kehrt Gerhard Richter, dessen Farblandschaften noch im kleinsten Format zu absurden Preisen gehandelt werden, in den deutschen Widerstreit zurück. 1988 wirft er mit seinem Zyklus „Stammheim“ (heute im Museum of Modern Art in New York) mit der Erinnerung an den Terror der Rote-Armee-Fraktion zugleich die Frage nach den Möglichkeiten auf, wie man inmitten der Gewalt Demokratie verteidigt. Und 2014 macht Richter mit seinem Zyklus „Auschwitz“ deutlich, dass die Frage nach dem Verlust aller Menschlichkeit immer neu zu stellen ist.

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