Stuttgart - Man kann bis heute viele solcher Aufnahmen in deutschen Fotoalben finden: die Familie beim Urlaub in Rimini. Vati, Mutti und Kinder einträchtig auf dem Sofa. Doch diese Deutschen, die Gerhard Richter von Fotografien abmalte, sind so fröhlich, dass man ins Grübeln kommen kann. Die Frauen im Motorboot, die Schwimmerinnen, die artig in die Kamera lachen – sie alle erzählen von einer Nation, die der Welt offenbar beweisen will, wie adrett, aufgeräumt und brav sie ist. So rein die Hemdkragen, so weiß die Weste.
Während Gerhard Richter zu Beginn der sechziger Jahre anfing, Fotografien abzumalen, nahm sich Georg Baselitz selbst ins Visier und malte derangierte Alter Egos mit offenem Hosenladen. In der Staatsgalerie Stuttgart begrüßt eine Auswahl dieser Selbstbefragungen die Besucher der neuen Ausstellung „Die jungen Jahre der Alten Meister“, die das Frühwerk von vier Malern zusammenschnürt: Richter und Baselitz, Sigmar Polke und Anselm Kiefer. Vier Künstler, die einen besseren Einblick geben würden „in ein spannungsreiches Jahrzehnt als jede Dokumentation“, wie die Direktorin Christiane Lange meint.
Die Künstler sind nicht politisch – und wollen es auch nicht sein
Wie dieses Jahrzehnt war, daran erinnern im Foyer der Staatsgalerie Litfaßsäulen mit Plakaten der Zeit. Daran erinnern im Foyer aber auch ausführliche Chroniken der sechziger Jahre, die vom Paragrafen 218 und von Martin Luther King erzählen, vom Blitzkrieg in Israel und dem Attentat auf John F. Kennedy. Doch kaum betritt man die Stirling-Halle, scheint die reale Welt verschwunden zu sein. Denn das Erste, was in dieser Zusammenstellung auffällt, ist die Tatsache, wie erstaunlich unpolitisch Baselitz, Polke und Richter in diesen rebellischen Zeiten im Grunde waren. Nur Anselm Kiefer reiste durch die Welt und malte und fotografierte sich immer wieder beim Hitlergruß. Was als Provokation gedeutet wurde, war für ihn der Versuch, sich in die politische Haltung der Elterngeneration einzufühlen, die „Führer“-Verehrung als körperlichen Akt nachzuerleben.
Für die drei anderen aber geht es weniger um gesellschaftliche, als um malerische Fragen. Wie kann deutsche Malerei aussehen, fragen diese Bilder – und Sigmar Polke weiß zumindest, wie sie nicht mehr ausschauen soll. Er gefällt sich als Spielverderber, der sich über die Kollegen und den Kunstbetrieb lustig macht: „Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen“, hat er auf ein Bild geschrieben. Er parodiert Minimal Art und Informel – und entdeckt für sich Pixel als Stilmittel. Wenn er zwei kesse, eitle „Freundinnen“ (1965/66) malt, so rastert er das Motiv wie bei einem schlechten Zeitungsdruck, während das Motiv letztlich nebensächlich ist. Und auch wenn Gerhard Richter 1964 „Bomber“ am Himmel malt, fehlt der Darstellung die Schärfe, um als Plädoyer gegen den Krieg gelesen zu werden. Das Motiv ist nicht bedeutsamer als der „Rokokotisch“ (1965) oder die „Familie Schmidt“ auf dem Sofa.
Die Unsicherheit ist groß, was die Malerei eigentlich will
Letztlich verbindet die vier Maler in dieser Zeit die Suche nach einer neuen Malerei. Der Kurator Götz Adriani hat die Experimente von Georg Baselitz so gehängt, dass sich gut ablesen lässt, wie die Malerei hier selbst zum Thema wird. Zunächst unterteilt Baselitz die Motive und setzt die Teile versetzt zusammen. Erst sind es zwei, dann drei Bildpartien, in einem nächsten Schritt scheint die Figur gar wie zerrissen und wieder zusammengeflickt. Am Ende dieser Entwicklung steht das, was heute als das Markenzeichen von Georg Baselitz gilt. Er malt die Motive auf dem Kopf, um das Dargestellte, das Inhaltliche verschwinden zu lassen. Er hatte gehofft, dass andere Künstler seinem Vorbild folgen würden, musste aber leider feststellen, dass das Kopfüber eine Personalmethode blieb.
Baselitz, Richter und Kiefer sollen zunächst wenig begeistert gewesen sein, gemeinsam in einer Schau präsentiert zu werden. Wohl deshalb hat Götz Adriani vier separate, eigenständige Ausstellungen eingerichtet, in denen die Bestände der Staatsgalerie durch viele Leihgaben erweitert wurden. Leider fehlen in der Präsentation jegliche Erläuterungen, sondern es werden in altem Stil Bilder aneinandergereiht. Bei einigen Abmalungen von Richter wurden zwar Kopien jener Zeitungsseiten ergänzt, die ihm als Vorlage dienten, allerdings sind sie zu klein, um sie lesen zu können, grad so, als solle verhindert werden, dass die Kunst in einen direkten Bezug zur Wirklichkeit gesetzt wird. Wohl deshalb wurde die Zeitchronik auch ins Foyer verbannt.
Hauptsache, sich nicht angreifbar machen
Auch wenn die Künstler also nur bedingt auf die aktuellen Debatten der sechziger Jahren reagieren, sind ihre Werke dem damaligen Lebensgefühl der Deutschen näher, als ihnen vielleicht lieb ist. Denn die Flucht in rein malerische Fragen spricht auch für eine Furcht, sich festzulegen, neue Positionen oder gar Ideologien zu postulieren, mit denen man sich angreifbar machen könnte. Alle vier Maler bleiben auf ihre Weise im Vagen. Baselitz entmachtet die Motive durch den Kopfstand. Polke zieht sich auf einen ironischen Gestus zurück. Und Richter verunklart das Dargestellte wie auf unscharfen Fotografien, was einen spannenden Raum für Assoziationen öffnet, aber auch als Ausweichen gedeutet werden kann.
Auch Anselm Kiefer schafft eher Denkräume, als dass er eindeutige, verifizierbare Lesarten lieferte. Er kommt in der Schau leider etwas zu kurz, weil er der Jüngste der vier ist und – kleine Unschärfe im Konzept – seine künstlerische Karriere eigentlich erst richtig in den siebziger Jahren beginnt.
Bis 11. August, geöffnet Dienstag bis Sonntag 10–17 Uhr, Donnerstag 10–20 Uhr. Der Katalog, der unter anderem Interviews mit den Künstlern enthält, kostet 34,90 Euro.