MHP Riesen Ludwigsburg Warum sich das Personalkarussell so schnell dreht

Rawle Alkins hat sich bei den Riesen durchgetankt. Foto: Baumann/Hansjürgen Britsch

Im Basketball sind Spielerwechsel gang und gäbe – besonders bei den MHP Riesen. Das liegt nicht immer nur am Verein, wie das Beispiel Rawle Alkins zeigt.

Sport: Joachim Klumpp (ump)

Ludwigsburg - Als Rawle Alkins Anfang November Geburtstag hatte, wollte er ganz genau wissen, was er für die Mannschaftskollegen denn arrangieren muss. Schließlich kannte er sich mit den Gepflogenheiten bei den MHP Riesen Ludwigsburg noch nicht so aus. Er hatte was von Kuchen und Bäcker gehört, aber um auf Nummer sicher zu gehen, fragte er bei Pressechefin Anna Andre nach. Andere Länder, andere Sitten. Und in der Welt herumgekommen ist der Basketballprofi schon etwas mit seinen inzwischen gerade mal 24 Jahren.

 

In den vergangenen gut anderthalb Jahren brachte er gleich fünf Stationen hinter sich: Das wirft ein bezeichnendes Licht auf die Situation der meisten Basketballprofis in der Bundesliga. Die Haltbarkeitszeit ist überschaubar im Allgemeinen – und bei Ludwigsburg im Besonderen. Trainer John Patrick ist kein Mann für halbe Sachen: lieber ein Schrecken mit Ende, als ein Ende ohne Schrecken. So kommt es, dass die Riesen in dieser Saison bereits elf Ausländer auf der Gehaltsliste hatten, obwohl pro Spiel nur sechs eingesetzt werden dürfen.

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Jeder Fall liegt etwas anders, Alkins steht also stellvertretend. Er war im Februar 2020 beim FC Porto, bis Corona die Saison nach nur zwei Spielen abrupt beendete. Danach in Quarantäne zurück in den USA. Dann spielte er Anfang dieses Jahres kurzzeitig für die Raptors 905 in der G-League, dem Farmteam des NBA Clubs Toronto. Diesen Sommer besaß er einen Probevertrag in der Ukraine über einen Monat, doch während seines Engagements bei BK Dnipro zeigten auch die Gießen 46ers Interesse. Alkins überlegte kurz und zog das Angebot vor. Warum? „Die BBL ist die bessere Liga“, sagt der Spieler im Gespräch, „und mein Ziel ist es eben, immer auf dem höchsten Level zu spielen.“ Wobei er klarstellt: „Die letzte Entscheidung treffe ich“ – nicht der Agent.

Aber selbst BBL ist eben nicht gleich BBL. Bei den Hessen absolvierte er gerade mal zwei Pflichtspiele, dann folgte das Angebot der MHP Riesen Ludwigsburg. Und die spielen – im Gegensatz zu Gießen – auch international in der Champions League. Also fasste Alkins den Entschluss zum nächsten Wechsel. „Es tut immer weh, einen Verein zu verlassen“, gibt er zu – aber so ist eben das Profigeschäft. Heute hier, morgen da. Klar sei das nicht einfach, „man sucht immer auch nach einer gewissen Stabilität in seiner Karriere“. Denn die bringt wiederum Sicherheit auf dem Feld und somit in der Regel mehr Erfolg. Doch es läuft eben nicht immer alles nach Plan, speziell im Basketball, wo die Fluktuation doch deutlich höher ist als etwa im Handball. So mussten bereits zwei US-Amerikaner den Verein noch vor Saisonbeginn verlassen: Quinton Hooker und Scottie James jr., obwohl sie die Liga schon kannten. Dennoch passte es nicht. Sei es aus Fitnessgründen oder weil sie sich dem Konkurrenzkampf nicht stellen wollten. Also fanden sie eine neue Herausforderung – beide in Israel.

Die Regularien der BBL forcieren solche Wechsel. Denn haben die Spieler erst einmal für ihren neuen Club ein Punktspiel absolviert, sind der Hire-und-fire-Mentalität gewisse Grenzen gesetzt. Während der Saison dürfen bis Ende März pro Bundesligist lediglich noch vier Akteure verpflichtet werden. Die MHP Riesen haben Alkins (und Justin Simon) schon dazugeholt, doch das letzte Wort dürfte nicht gesprochen sein. Auch wenn aus der Verpflichtung des in der Champions League bereits geführten Justin Smith wohl doch nichts wird. Von den ursprünglich eingeplanten Legionären ist somit nur noch der lange verletzte James Woodard, der vergangenen Sonntag sein Comeback feierte, übrig geblieben – das Scouting war schon mal besser. „Wenn’s nicht funktioniert, tut man beiden Seiten keinen Gefallen“, sagt der für die Integration mit zuständige Co-Trainer David McCray. „Dann muss man eine Entscheidung treffen, auch wenn das nicht immer einfach ist.“

Jaleen Smith: aus der zweiten Liga zum MVP

Wobei es durchaus Spieler gibt, die sich unter Patrick perfekt weiterentwickeln. Bestes Beispiel war Jaleen Smith, der von Zweitligist Heidelberg bei den Riesen zum MVP aufstieg, und dessen potenzieller Nachfolger Jonah Radebaugh, der sich vor nicht mal einem Jahr aus Schweden kommend auf eigene Kosten bei den Riesen anbot.

So eine Basketballkarriere nimmt manchmal einen eigenartigen Verlauf, der globale Markt für die Spieler von Australien bis Zypern macht’s möglich. Erleichtert wird das Wechselspiel, wenn jemand ungebunden ist und ohne Kinder – wie Alkins. Dennoch sagt der gebürtige New Yorker: „Ich vermisse meine Familie, besonders meine Mutter.“ In der Weihnachtszeit bietet es sich nun an, dass sie den Besuch in Angriff nimmt. Und der Sohn kann sie dann schon mal vorwarnen, was ihm als Erstes auffiel. „Es ist alles sehr teuer in Deutschland. In der Ukraine gab es Lobster oder Steak für fünf Dollar.“ Andere Länder, andere Preise.

Die Riesen und ihre Ausländer

Abgänge
Die für diese Saison verpflichteten Quinton Hooker und Scottie James jr. haben die Riesen noch vor dem Saisonstart ohne Pflichtspiel wieder verlassen – beide nach Israel. Auch der kurz vor der Saison geholte Jaylen Hands bestritt nur zwei Spiele und wechselte dann nach Antwerpen/Belgien. Zuletzt erfolgte die Trennung von David Walker (kam aus Bayreuth), der noch keinen neuen Verein hat.

Ausländer
Die Ausländerpositionen besetzen aktuell Jordan Hulls (seit Sommer 2020 bei den Riesen), Tremmell Darden (seit Oktober 2020), Jonah Radebaugh (seit Dezember 2020), Justin Simon (kam im Oktober aus Ulm), Rawle Alkins (kam im Oktober aus Gießen). Pausieren mussten zuletzt die verletzten US-Profis James Woodard (seit 2021 im Team) sowie Yoeli Childs (seit September im Kader).

Sonderfall
In der Bundesliga gilt Yorman Polas Bartolo seit seiner Heirat als „Deutscher“. International nicht. Deshalb wurde der 36-Jährige nach längerer Pause wieder für sein Geburtsland Kuba ins Nationalteam berufen für die WM-Qualifikation (u. a. gegen die USA). ump

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