Bastienne Leuthe, für Christie’s aktiv, zählt zu den wichtigen Persönlichkeiten im internationalen Kunsthandel Foto: Christie’s
Bastienne Leuthe ist ein Star im internationalen Auktionshandel. Seit Ende 2025 verantwortet sie für Marktführer Christie’s den deutschen Markt. Mit welchen Erwartungen?
Nikolai B. Forstbauer
16.03.2026 - 11:55 Uhr
Viele Jahre im Bereich zeitgenössischer Kunst für das Auktionshaus Sotheby‘s aktiv, ist Bastienne Leuthe nun in neuer Rolle für den Marktführer Christie’s unterwegs. Sie ist verantwortlich für den Bereich der Einlieferungen deutscher zeitgenössischer Kunst weltweit sowie für die Betreuung deutscher Sammlungen und Kunden.
Frau Leuthe, Kunstmessen werden abgesagt, Galerien stehen, wieder einmal, vor ihrer Schließung – was ist los mit dem Kunstmarkt?
Wir haben eine Phase der Neujustierung erlebt. Nach sehr dynamischen Jahren haben die politische Instabilität und die damit zusammenhängende wirtschaftliche Zurückhaltung zu einer gewissen Marktbereinigung geführt. Das hatte eine stärkere Selektion zum Ergebnis. Entscheidend sind heute Qualität, Provenienz und realistische Preiserwartungen. Außergewöhnliche Werke treffen weiterhin auf eine große internationale Nachfrage. Der Markt ist nicht schwach, sondern er ist differenzierter und anspruchsvoller geworden.
Inwiefern?
Manche Galerien schließen, aber dafür vergrößern sich einige und andere werden neu gegründet. Messen werden abgesagt, aber Neue entstehen wie die Art Basel/Qatar), Andere vergrößern sich wie die Indian Art Fair und neue kleinere Formate entstehen wie etwa das Projekt „House of Galleries“ in Frankfurt. Der Kunstmarkt ist also noch sehr aktiv. Der Auktionsmarkt 2025 zeigte sich im ersten Halbjahr sehr robust, in der zweiten Hälfte kam die Dynamik zurück in den Markt, und vollbrachte bei Christie’s eine jährliche Verkaufsquote von 88 Prozent – das sind zwei Prozent mehr gegenüber 2024.
Bastienne Leuthe ist gerne mittendrin im Auktions-Geschehen Foto: Sotheby’s
Belastet bleibt der Kunstmarkt dennoch. Und in diese Situation hinein übernehmen Sie Verantwortung. Warum jetzt?
Gerade in solchen Phasen ist es wichtig Verantwortung zu übernehmen, um einen gesunden und aktiven Kunstmarkt mitzugestalten. Es geht darum Orientierung zu geben, Vertrauen zu stärken und langfristig zu denken. Erfahrung, Marktkenntnis und ein gutes internationales Netzwerk sind jetzt entscheidende Faktoren. Ich möchte meinen Kunden eine fundierte und transparente Beratung bieten.
Vertrauen und Qualität, sie haben es gesagt, sind zentrale Anker für den Kunstmarkt. Wackelt aktuell beides?
Nein, ich würde sagen, dass beides mehr geprüft wird. Vertrauen entsteht durch Transparenz, durch nachvollziehbare Bewertungen und durch eine klare Kommunikation. Qualität wiederum definiert sich heute stärker über die kunsthistorische Bedeutung der Werke, den Erhaltungszustand und die Provenienz. Es ist langfristig gesund, dass der Markt intensiver hinterfragt wird. Ich rede auch Sammlern Käufe aus, wenn ich der Meinung bin, dass die Qualität oder der Zustand nicht gut genug ist. Man steht in der Verantwortung den Kunden, und damit auch deren Sammlungen, den bestmöglichen Rat zu geben.
Auffällig finde ich dabei, dass Auktionshäuser möglichen Verkäufern auf lokaler Ebene ein immer breiteres Expertenwissen anbieten. Das ist zum einen ein offener Antritt gegen den Galerie gestützten Kunsthandel, andererseits aber auch Signal für den in einer Schwemme von Rückläufen dringend notwendigen Filter. Versuchen die Auktionshäuser hier eilig jene Qualität zu sichern, die es letztlich in den Wiederverkaufsmarkt schafft?
Dies ist eine Professionalisierung des Marktes und kann nicht als Gegenbewegung zum Galeriehandel gesehen werden. In einer Zeit, in der viele Werke auf dem Markt kommen, ist eine sorgfältige Prüfung, Einordnung und Bewertung wichtig.
Bei Christie’s kommen 81 Prozent aller Gebote online
Wie läuft das in Ihrem Haus?
Bei Christie’s gibt es circa 70 verschiedene Abteilungen, die Kunst bewerten, von Silber, über Schmuck, zur Kunst des 14. bis hin zum 21. Jahrhundert. Durch unsere internationale Vergleichbarkeit, unsere Datenbasis und unsere erfahrenen Expertenteams können wir sehr präzise Markteinschätzungen vornehmen. In diesem Sinne haben Auktionshäuser doch eine gewisse Filterfunktion.
Meist laufen realen Auktionsterminen digitale Sichtungen von bis zu drei Wochen voraus. Wird in diesem Zeitraum aus Ihrer Sicht tatsächlich gesteigert oder ist das mehr als eine Art Online-Ausstellung zu sehen?
Früher gab es zu jeder Auktion einen gedruckten Katalog, heute gibt es diese meist nur in digitaler Form. Eine Entwicklung, die uns hilft, unsere klimaneutrale Richtlinie von null Prozent im Jahr 2050 zu erreichen. Während der digitalen Phase vor der Auktion werden Werke analysiert, begutachtet, eingeschätzt und Kunden können die Zustandsberichte online abrufen. Es werden in dieser Zeit viele Entscheidungen getroffen. Will ich das Werk im Original sehen, muss ich einen Restaurator hinzuziehen, will ich bei der Auktion zugegen sein, oder lieber online oder telefonisch bieten – und vieles mehr. Heute werden bei Christie’s 81 Prozent aller Gebote online abgegeben, egal ob in den 140 live oder den 115 Online-Auktionen, die wir 2025 abgehalten haben.
Das Christie’s-Gebäude in Paris ist ein herausragender Ort des internationalen Kunsthandels Foto: Christie’s
Und wozu braucht es dann den realen Auktionstermin?
Der reale Auktionstermin bündelt Energie, Wettbewerb und Transparenz. Eine klare Marktpreisfindung findet in Echtzeit statt. Diese Dynamik erzeugt eine ganz besondere Spannung und Verbindlichkeit. An einem bestimmten Tag muss sich der Sammler entscheiden und dieser Druck ist wichtig.
Und das fasziniert Sie weiterhin auch ganz persönlich?
Auf jeden Fall. Der Moment, in dem der Hammer fällt, verbindet kunsthistorische Relevanz mit wirtschaftlicher Realität. Die richtigen Kunstwerke der passenden Sammlung zuzuführen ist wunderbar.
Ihr Haus ist mit europäischer Kunst seit den 1950er Jahren – etwa mit der Sammlung Reuter – an den Standort Paris gegangen. Sind Berlin, Düsseldorf oder München aktuell keine international relevanten Bühnen für diese Kunst?
Deutschland verfügt über eine außergewöhnlich bedeutende Sammlertradition, insbesondere im Bereich der Nachkriegs- und Gegenwartskunst. In keinem anderen Land gibt es so viele Kunstvereine, Museen und Kunsthallen wie in Deutschland. Städte wie Berlin, Düsseldorf und München sind kulturell sehr relevant. Christie’s hat allerdings in seiner 260jährigen Geschichte noch nie einen Auktionsraum in Deutschland unterhalten, ist aber seit über 50 Jahren im Land aktiv vertreten und in Stuttgart mit einem eigenen Büro seit den 1990er Jahren.
Und warum dann Paris?
Paris hat sich schon sehr früh als Kunstmetropole etabliert und seit 2001 können dort, nach einer Gesetzesänderung, auch internationale Auktionen abgehalten werden. Paris hat ohne Frage vom Brexit profitiert und auch von der Etablierung der Art Basel Paris.
Sie ahnen den Zusatz: Wie sehen Sie aktuell den deutschen Kunstmarkt?
Der deutsche Markt ist qualitativ sehr stark und steht auf stabilen Füßen, ist aber aktuell etwas zurückhaltend. Das entspricht dem Naturell der Deutschen. Es gibt eine große Anzahl an bedeutenden Sammlungen zu entdecken, wie jener von Erika und Klaus Hegewisch, die seit den 1950er Jahre Druckgrafiken und Zeichnungen von der Renaissance bis in die 1960er Jahre, mit sicherem Gespür für die Qualität der Blätter sammelten und wohl einer der größten Sammlungen europäischer Drucke und Zeichnungen in privater Hand zusammenstellten. Am 7. März haben wir in London Teil 2 der Sammlung Hegewisch erfolgreich versteigert.
Deutsche Nachkriegskunst bleibt also relevant?
Absolut. International besteht großes Interesse an deutscher Nachkriegskunst. Dabei helfen natürlich auch große Ausstellungen, wie die jüngst zu Ende gegangene Ausstellung zu Gerhard Richter in der Fondation Louis Vuitton.
In Ihrer neuen Aufgabe sollen Sie dem deutschen Markt mehr Gewicht geben. Wie gehen Sie vor?
Wir möchten internationale Sichtbarkeit mit lokaler Nähe verbinden. Bedeutende Werk versuchen wir frühzeitig für unsere Auktionen oder für unsere Private Sale Plattform zu identifizieren und Sammler begleiten wir langfristig. Deutsche Positionen versuchen wir stark im internationalen Kontext zu platzieren. Der deutsche Markt verfügt über eine enorme Qualität, die wir strategisch, transparent und mit globaler Reichweite positionieren möchten. wirtschaftliche Zurückhaltung zu einer gewissen Marktbereinigung geführt. Das hatte eine stärkere Selektion zum Ergebnis. Entscheidend sind heute Qualität, Provenienz und realistische Preiserwartungen. Außergewöhnliche Werke treffen weiterhin auf eine große internationale Nachfrage. Der Markt ist nicht schwach, sondern er ist differenzierter und anspruchsvoller geworden.
Das ist Bastienne Leuthe
Ihr Aufstieg Nach dem Abschluss ihres Studiums der Kunstwissenschaften und Betriebswirtschaftslehre an den Universitäten in Lüneburg, Hamburg und Pavia (Italien), begann Bastienne Leuthes Karriere. Zunächst im Auktionshaus Sotheby’s im Februar 2005 als Graduate Trainee in der Abteilung Zeitgenössische Kunst in Paris. 2008 betreute sie den Verkauf der Sammlung Lauffs in London sowie in New York. Zu einem der Meilensteine ihrer beruflichen Laufbahn zählt die Auktion der Lenz-Schönberg Sammlung in London im Februar 2010. Damals wurden insgesamt 36,4 Millionen US-Dollar erzielt.
Bei Christie’s Ende des Jahres 2025 startete Bastienne Leuthe viel beachtet mit neuer Energie und in neuer Funktion für den Marktführer Christie’s. Sie verantwortet die Einlieferungen deutscher zeitgenössischer Kunstwerke für internationale Auktionen von Christie’s und betreut zugleich Sammlungen und Kunden in Deutschland. Bastienne Leuthe lebt mit ihrer Familie in Stuttgart.