Battle Toys aus Plochingen „Breaking ist ein Lifestyle“
Die Breakdance-Gruppe Battle Toys aus Plochingen hat sich in Schwäbisch Gmünd den deutschen Meistertitel gesichert. Doch auf die sportlichen Auszeichnungen allein, kommt es ihnen nicht an.
Die Breakdance-Gruppe Battle Toys aus Plochingen hat sich in Schwäbisch Gmünd den deutschen Meistertitel gesichert. Doch auf die sportlichen Auszeichnungen allein, kommt es ihnen nicht an.
Plochingen - Die Kulisse stimmt. Durch das Jugendzentrum Plochingen wummert der Bass von Hip-Hop-Beats. Im Hintergrund prangt ein Graffiti an der Wand. Einige Jugendliche schauen kurz zur Tür herein, um zu sehen, was hier so vor sich geht.
Am Werk sind die Breakdancer der international erfolgreichen Gruppe Battle Toys. Sie zeigen auf dem nackten, steinharten PVC-Boden des Raumes, was sie auf dem Kasten haben. Sie drehen sich im Kopfstand um die eigene Achse, machen dabei artistische Fußbewegungen, alles ist sehr schnell, sehr waghalsig, spektakulär. Man meint fast, man befinde sich am Set eines amerikanischen Hip-Hop-Films.
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Die Breaker, so nennt man die Tänzer im Fachjargon, sind Plochinger Urgesteine. 1997 entstand die Gruppe. Sie trat immer wieder bei verschiedenen Veranstaltungen weltweit auf und machte die Stadt im Neckartal damit zu einer Art Breakdance-Hochburg. Drei Mal wurde die Formation bereits Weltmeister, mehrere Male Deutscher Meister, hinzu kamen Teilnahmen bei berühmten Szene-Wettbewerben wie dem „Battle of the Year“, bei dem sich die besten Breaker aus der ganzen Welt „battlen“, also gegenseitig übertrumpfen wollen. Vor wenigen Tagen kam nun eine Trophäe hinzu: Die „Battle Toys“ sind in Schwäbisch Gmünd ein weiteres mal Deutsche Meister geworden.
Dieser Erfolg tut der Gruppe gut. Denn die Corona-Pandemie hat die gesamte Szene in Schieflage gebracht: „Viele Leute sind weggefallen“, sagt Thomas Stark, einer der Gründer. Stark ist zudem der Bundesbeauftragte für Breaking beim Deutschen Tanzsportverband (DTV) und dadurch bundesweit sehr gut vernetzt. „Manchen Vereinen ist die komplette Jugend weggebrochen“, berichtet der 40-Jährige.
Bevor die Breaker mit dem Training beginnen, machen sie sich ausgiebig warm. Denn bei den waghalsigen „Moves“ ist die Verletzungsgefahr groß. Typisch sind Kreuzbandrisse, sagt Thomas Stark. Das Crew-Mitglied Marco sitzt auf einer großen Matte, er lehnt sich leicht nach hinten und streckt die Beine wie bei der Kräftigungsübung „Klappmesser“ von sich. Dann macht er kreisförmige Bewegungen mit den Beinen, vermutlich um Hüfte und Rumpf einzustimmen.
Neben Marco feilen an diesem Abend auch Ray, wie Stark ein Tänzer der ersten Generation, Antonio, Dimi und Starks Sohn Liam an ihren Moves. Die sportlichen Wettbewerbe setzen sich meist aus einer Vorrunde und den Battles zusammen. Zuerst müssen die Crews also eine Show mit festen Choreografien auf die Beine stellen, und in der zweiten Runde messen sie sich im direkten Duell mit der Konkurrenz.
Wie der Name vermuten lässt, sind die Battle Toys im Letzteren ziemlich stark. Beim jüngsten Erfolg in Schwäbisch Gmünd waren die Plochinger klare Favoriten, und sie wurden den Erwartungen gerecht: Die Jury entschied sich im Finale der Deutschen Meisterschaften gegen die Lokalmatadoren der Crew Battle Invasion und ziemlich eindeutig für die Toys. „Der Name ist übrigens ein Wortspiel“, sagt Stark. Das „Battle“ im Namen ist klar, „und das Toys kommt aus dem Hip Hop, wo Toys so etwas wie Anfänger sind.“ Das sind die Breaker auf jeden Fall nicht. Die Crew habe viel Routine, der Sieg bei den nationalen Meisterschaften sei im Grunde Pflichtprogramm gewesen, so Stark.
Doch es geht ihm und seiner Crew nicht nur um die sportlichen Erfolge. „Es ist die Ideologie, die hier zählt“, sagt er. Breaking sei viel mehr als nur eine Tanzsportart: „Das ist Lifestyle.“ Dazu gehört das gemeinsame Trainieren, das gemeinsame Auftreten, Synchronität, aber auch, zusammen in der Freizeit abzuhängen. „Wir sind alle Freunde“, so Stark.
Was Battlen genau bedeutet, zeigt sich im Training. Die treibende Musik wird so laut aufgedreht, dass man auch als Unbeteiligter fast gar nicht anders kann, als mitzunicken. Dann stellen sich die sechs Breaker nebeneinander auf und legen einer nach dem anderen einen wahren Wirbelsturm auf das Parkett aus PVC. Der eine ist auf „Freezes“ spezialisiert, also das Erstarren in akrobatischen Körperhaltungen, wie auf einem Arm stehend die Beine verschränken. Der andere ist stark in den sogenannten „Foot works“ – das sind schnelle, lässige Schrittfolgen. Und es gibt die, die „Powermoves“ beherrschen.
Antonio Martino ist einer von ihnen. Im Handstand dreht sich der 21-Jährige um die eigene Achse und wirbelt seine gestreckten, gespreizten Beine wie ein Kreisel um sich. Seit zwölf Jahren ist er schon ein Teil der Battle Toys. „Breaking macht wirklich viel für das Selbstbewusstsein“, antwortet er auf die Frage, was ihm so sehr an diesem Sport gefällt. Ihm gefielen aber auch die Leute, die Musik und „dass man als Gruppe zusammen auftritt“. Stark freut sich, dass Breaking in den vergangenen Jahren einen großen Schub bekommen hat. „Jetzt ist es sogar olympisch“, sagt der DTV-Beauftragte. Bessere Zeiten sind im Anmarsch.