Bau des Eiffelturms Teurer Triumph
Paris ohne Eiffelturm? Heute undenkbar. Doch ganz am Anfang stand die Idee auf der Kippe – nicht einmal Gustave Eiffel wollte ihn. Erst als das kühne Werk vollendet war, brachte es die Dichter zum Schwärmen.
Paris ohne Eiffelturm? Heute undenkbar. Doch ganz am Anfang stand die Idee auf der Kippe – nicht einmal Gustave Eiffel wollte ihn. Erst als das kühne Werk vollendet war, brachte es die Dichter zum Schwärmen.
„Wie er sich mit einem einzigen Satz und in vierfachem Aufflug von der Erde schwingt, um in den Himmel zu stechen“, gerät der Dichter Paul Claudel angesichts des Bauwerks ins Schwärmen. Und 32 Millionen Besucher der Pariser Weltausstellung von 1889 schwärmen mit. Aber erst jetzt, nachdem er steht.
Geht man von seinen geistigen Vätern aus, müsste das stählerne Maskottchen von Paris eigentlich „Nouguier-Koechlin-Eiffel-Turm“ heißen. Die Herren Émile Nouguier (1840–1897) und Maurice Koechlin (1856–1946) waren nämlich leitende Angestellte der Metallbaufirma G. Eiffel et Cie in Levallois-Perret, einem aufstrebenden Industrieort an der Pariser Peripherie. Die Firma hatte sich auf Brücken und Industrieanlagen spezialisiert, kam aber auch mit Ungewöhnlichem zurecht: So stammte die Stützkonstruktion im Inneren der Freiheitsstatue von New York von Eiffel.
Die Weltausstellung, das war freilich noch einmal ein ganz anderes Kaliber. Seit den 1850er Jahren hatten sich die internationalen Leistungsschauen zu spektakulären Großveranstaltungen entwickelt, zu Keimzellen der globalisierten Konsumgesellschaft. London hatte 1851 mit dem aufsehenerregenden „Crystal Palace“ als Ausstellungsgebäude vorgelegt, und seitdem waren es vor allem Bauten, die die Weltausstellungen prägten. Alles musste größer, teurer, aufwendiger sein als beim vorigen Mal.
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Wie Koechlin später lapidar schrieb, fesselte ihn und Nouguier bei ihren Überlegungen im Mai 1884 „die Idee eines sehr hohen Turmes“. Ein Triumph der Technik sollte es sein, ein Wahrzeichen der Industrialisierung – ohne Funktion, reiner Selbstzweck. Am 6. Juni 1884 fertigte Koechlin eine erste Skizze an: ein riesiger Pylon aus Gitterträgern, der auf vier Pfeilern stand, sich nach oben verjüngte und an der Spitze zusammenlief.
Damit war die Grundstruktur geschaffen. Als Koechlin die Skizze Gustave Eiffel vorlegte, gab der den beiden einen gehörigen Dämpfer, denn – er lehnte ab. An einem solchen Projekt habe er kein Interesse, da nirgendwo eine praktische Nutzanwendung auszumachen sei.
Doch die Ingenieure ließen nicht locker. Ihre Geheimwaffe hieß Stephen Sauvestre (1847-1919). Der Architekt, der öfter mit der Firma Eiffel zusammenarbeitete, brachte die Unterteilung in drei Etagen ein, ebenso wie die monumentalen Bögen, die sich zwischen den vier Beinen unterhalb der ersten Etage spannen. Als Eiffel diese Entwürfe sah, war er wie verwandelt. „Eine aufsehenerregende Kundgebung der industriellen Macht unseres Landes“ sah er nun plötzlich in dem Plan.
Gustave Eiffel (1832–1923), dessen Familienname auf einen Vorfahren aus der Eifel zurückgeht, legte Anfang 1886 den Organisatoren der Ausstellung die Idee vor. Allerdings: Seine Firma war nicht die einzige, die Paris zur Weltausstellung mit einem Riesen beglücken wollte.
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Jules Bourdais (1835–1915) hatte sich schon 1885 mit einem ähnlichen Konzept beim Generalkommissar der Ausstellung, Handelsminister Édouard Lockroy (1838–1913), vorgestellt. Der Bourdais-Turm sollte „mit einer elektrischen Anlage zur Erleuchtung von Paris“ bekrönt sein. Ein 66 Meter hoher Sockel würde eine Granitsäule tragen mit einem 50 Meter hohen Leuchtturm aus Metall darauf. Gesamthöhe: rund 300 Meter.
Die Folge: Von nun an lieferten sich Bourdais und Eiffel einen Krieg um die Meinungsführerschaft. Jeder versuchte, dem anderen Fehler nachzuweisen. Am Ende hatte Eiffel die besseren Karten, weil seine Pläne ausgereifter waren. Bei Bourdais blieben wichtige Details wie die Fundamente im Ungefähren. Am 12. Juni 1886 gab schließlich eine Kommission dem Eiffelturm den Zuschlag.
Übrigens hatte das Bauwerk den Namen schon, bevor der erste Spatenstich gesetzt war. Denn darüber geredet wurde mehr als genug, und zwar kontrovers. Während der Bauzeit protestierten in der Zeitung „Le Temps“ „leidenschaftliche Liebhaber der Schönheit“ gegen die Errichtung eines „nutzlosen und ungeheuerlichen Turms von schwindelerregender Lächerlichkeit“. Namhafte französische Künstler erhoben ihre Stimme gegen die „widerwärtige Säule aus verschraubtem Blech“, die mit ihrer „barbarischen Masse“ die Stadt überrage wie ein „riesiger Fabrikschornstein“.
Befürworter des Turms ließ das nicht ruhen, und so tauchten auch sie, zum Ruhme Eiffels, die Feder in die Tinte. Kurz und gut, es begab sich im Für und Wider das, was man heute ein Medienereignis nennen würde. Eiffel ließ sich von alledem nicht anfechten. Ihm schien nach seiner anfänglichen Skepsis klar zu sein, was er da erschuf – und er hatte Zuspruch von niemand Geringerem als seinem Ingenieurskollegen Thomas Edison erhalten. Und dessen Urteil war ihm wichtiger als die Meinungen aller selbst ernannten Kunstrichter zusammen.
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Als schließlich am 28. Januar 1887 mit dem Bau begonnen wurde, entspann sich vor den Augen der Pariser ein eindrucksvolles Schauspiel von Organisation und Präzision. Im Juni 1887 waren die Fundamente fertiggestellt, die Montage der Pfeiler begann am 1. Juli. Eiffel baute den Turm nicht im herkömmlichen Sinn, er setzte ihn zusammen – und nahm so das Baukastenprinzip moderner Massenproduktion vorweg.
In Levallois-Perret fertigten 150 Arbeiter 12 000 Einzelteile. Fehlerhafte Elemente wurden postwendend an die Fabrik zurückgeschickt, sodass auf der Baustelle nur millimetergenaue Werkstücke zum Einsatz kamen. 2,5 Millionen Eisennieten hielten den Turm zusammen. Zwischen 150 und 300 Arbeiter waren täglich von früh bis spät mit der Montage beschäftigt. 26 Monate dauerte der Bau, am 31. März 1889 war das Werk vollendet.
Alles wurde teurer als geplant: 3,15 Millionen Francs hatte man veranschlagt, 7,45 Millionen verschlang das Monstrum. Eiffel übernahm die Mehrkosten größtenteils selbst, ließ sich dafür aber die Nutzungsrechte bis 1910 einräumen, obwohl der Turm nur bis 1909 stehen sollte.
Eiffel pokerte hoch – und gewann: Er nahm über die Eintrittsgelder so viel ein, dass die Baukosten schon im ersten Jahr wieder hereingespielt waren. Außerdem wurde die Genehmigung, den Turm stehen zu lassen, 1909 auf unbestimmte Zeit verlängert. Nicht aus ästhetischen Gründen, sondern weil er am Ende doch noch einen Nutzen hatte: Das Zeitalter der Radiowellen hatte begonnen. Der Eiffelturm wurde zum Funkturm und ist es bis heute geblieben – wahrscheinlich immer noch einer der schönsten der Welt.
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