Bauarbeiten an der A 81 Ein Besuch im Schönbuchtunnel

Massen an Baumaterial und Massen an Fahrzeugen machen massenhaft Lärm. Foto: Martin Stollberg 7 Bilder
Massen an Baumaterial und Massen an Fahrzeugen machen massenhaft Lärm. Foto: Martin Stollberg

Die Röhren unter dem Schönbuch bei Herrenberg werden zu einem der modernsten Abschnitte der Autobahn 81. Wenn es gut läuft, merkt das kein Mensch. Ein Baustellenbesuch.

Region: Verena Mayer (ena)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Herrenberg - Den Kollegen ist es ganz schön wichtig, dass es Roger Fischinger gutgeht. Einen schützenden Unterstand aus Holz nur für ihn haben sie gezimmert. Die Fenster haben die Form von Herzen, und an der Fassade baumelt eine Lichterkette, die freundlich leuchtet. Roger Fischinger sitzt auf einem Stuhl, den man nicht sieht. Er ist verhüllt von einer Thermodecke, die er sich um den Körper bauchabwärts gewickelt hat. Deshalb sieht man auch den Heizlüfter nicht, der unter dem Stuhl warme Luft an seine Füße bläst. Nur kurz aufwärmen, dann muss Roger Fischinger weitermarschieren. Durch die Kälte. Immer hellwach und superaufmerksam. Falls sich an seinem Arbeitsplatz ein Unglück anbahnt, muss er, der Wächter, es kommen sehen. Und der sein, der Alarm schlägt und Hilfe holt.

Sein Arbeitsplatz ist der Schönbuchtunnel der A 81 bei Herrenberg. Seit zwei Jahren wird das fast 40 Jahre alte Bauwerk saniert und modernisiert. Ende März sollten die Arbeiten beendet sein. Aber nun dauern sie doch noch bis Ende Mai. Und zwei Millionen Euro mehr als geplant werden sie auch kosten. Wer sich auskennt mit öffentlichen Bauten, weiß, dass das fast nichts ist. Wie vieles von dem, was während der Bauarbeiten ungeplant geschah, fast nichts war. Die eigentliche Nachricht ist, dass nichts Bemerkenswerteres passiert ist. Also kein schlimmer Unfall in den Jahrzehnten vor den Arbeiten. Und – toi, toi, toi – keiner, während sie im Tunnel in vollem Gange sind. Aber wer durch einen Tunnel fährt, hat dafür natürlich keinen Blick. Hui rein, hui wieder raus, schnell, schnell ans Ziel. Nicht mal Roger Fischinger in seinem süßen Unterstand fällt beim Durchrauschen auf. Die Aufschrift an der Wand erst recht nicht: Roger’s Castle.

Auch mit einer extrem blühenden Fantasie ließe sich das Rauschen der brausenden Fahrzeuge nicht in das Rauschen einer tosenden Meeresbrandung umdeuten. Nirgends auf der Welt gibt es ein Meer, das scheppert, röhrt, quietscht oder hupt. An manchen Tagen donnern 65 000 Fahrzeuge durch die Röhre. Und dann noch das Klappern des Kippers, der heißen Teer von seiner Ladefläche schüttelt. Das Kratzen der Baggerschaufel, die die Fläche plan zieht. Und das Ächzen des Rüttlers, der die dampfende Masse zu einer glatten Bahn stampft. Und das Fauchen der Höchstdruckstrahler beim Abfressen der Betonwände. 95 Dezibel Krach hat die Berufsgenossenschaft in den Röhren gemessen. Da helfen selbst die für jedes Arbeiterohr geformten Ohrenschützer nur bedingt. „Das Arbeitsklima ist nicht so gut“, wortwitzelt Rolf Huber, der das Projekt leitet. Immerhin ist es mit dem Gestank nicht so schlimm. Er verzieht sich relativ flott. Mit demselben Luftzug allerdings, der an besonders kalten Tagen die Temperatur in der 626 Meter langen Röhre auf frostige Minusgrade drückt.

Eine Röhre, die beinahe einladend wirkt

Wenn die Bauarbeiter ihre Baustelle Ende Mai räumen, hinterlassen sie einen Tunnel, der beinahe einladend wirkt. Man kann das in der Weströhre sehen, die bereits voll­endet ist. In der Weströhre fahren die Autos gen Singen. Ihre Wände strahlen in hellstem Weiß, alle 25 Meter springt ein leuchtend grüner Quader hervor, der die kürzeste Fluchtroute weist, und aus dem nun fast ebenerdigen und damit behindertengerechten Pfad für alle Notfälle blinken wegweisende Leuchten. Die Fahrbahn ist mit einer neuen Asphaltschicht versehen worden. An der Decke hängen Ventilatoren, groß wie die Turbinen eines Airbus­ses 380. Sie sollen enorm schnell Rauch aus der Röhre drücken. Unter dem Boden verbirgt sich ein voluminöser Ablauf, der Öl- oder Benzinlachen daran hindern wird, sich auszubreiten. Und der Verbindungsstollen zwischen den beiden Röhren ist mit stabilen Türen versehen, damit sich ein Feuer nicht ausbreiten kann.

Bis zu 40 Mann sind an Großkampftagen auf der Baustelle im Einsatz. 200 Tonnen Spritzbeton und 30 Tonnen Feinspachtel werden sie am Ende verschafft haben, 7500 Tonnen Asphalt im Tunnel verlegt und fast doppelt so viel davor. Um nur ein paar Massen zu nennen. Von den Massen an Autos und Lastern neben ihnen trennt sie nur eine schmale Mauer. „Verrückt, echt verrückt“, sagt Rolf Huber. Das versteht man allerdings erst nach dem Verlassen der röhrenden Oströhre.

Rolf Huber, 53, ist Bauingenieur und arbeitet für das Stuttgarter Regierungspräsidium. Für die Behörde hat er schon ungezählte Kilometer Straßen und Brücken instand gesetzt, aufgemotzt oder neu gebaut. Zuletzt war er für den sechsspurigen Ausbau der Autobahn zwischen Böblingen-Hulb und Gärtringen zuständig. Ein Ponyhof, verglichen mit der Arbeit im Tunnel. Das muss man zumindest glauben, wenn man Rolf Huber von seinem aktuellen Projekt erzählen hört. Diese Technik. Diese Zusammenhänge. Diese Abhängigkeiten. „Unvorstellbar“, sagt Rolf Huber. Und so, wie er es sagt, klingt es, als wäre es manchmal auch zum Verzweifeln gewesen.

Unsere Empfehlung für Sie