Bauarbeiten im Stuttgarter S-Bahn-Netz Zu Besuch auf der Stammstrecke unter der Stadt

Arbeiter verlegen an der Haltestelle Universität Kabel, die für die Umrüstung auf die digitale Technik gebraucht werden. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Seit dem 30. Juli ist die S-Bahn-Stammstrecke zwischen Hauptbahnhof und Vaihingen gesperrt. Pünktlich zum Ferienende sollen am 12. September die Züge wie gewohnt fahren. Doch weitere Sperrungen stehen an.

Es ist die Haltestelle Feuersee, aber irgendwie ist sie es auch wieder nicht. Die Stufen und Rolltreppen führen wie immer nach unten zum Bahnsteig, die dicken runden Säulen, um die in regelmäßigen Abständen Sitzbänke angeordnet sind, sind da, die Wände sind im vertrauten Feuersee-Blau gestaltet. Erst auf den zweiten Blick fällt auf: Hier hat sich doch einiges verändert. Die alte Wandverkleidung ist einem wellenartigen Retro-Muster gewichen, das kleinteilige Mosaik an den Säulen, das stets Hallenbad-Charme versprüht hatte, wurde durch einen dunklen Anstrich ersetzt. Erhellt werden einige der Säulen durch neue LED-Lichtkränze am oberen Ende. Effektbeleuchtung nennt Björn Barthel die Lampen. Er arbeitet in der Technischen Projektleitung bei der DB Station & Service AG, jenem Bereich der Deutschen Bahn, der für die Bahnhöfe zuständig ist – und der aktuell den Umbau mehrerer S-Bahn-Stationen im Stuttgarter Stadtgebiet verantwortet.

 

Seit dem 30. Juli ist die S-Bahn-Stammstrecke zwischen dem Hauptbahnhof und Vaihingen gesperrt. Auf der Strecke laufen umfangreiche Bauarbeiten. Die Bahn investiert laut einer Sprecherin in die runderneuerte Gleisinfrastruktur auf dem Abschnitt rund 40 Millionen Euro. Diese Summe bezieht sich auf die Modernisierung der Stationen und die Arbeiten an der Strecke im vergangenen und in diesem Jahr. Für die ÖPNV-Kundschaft bringt das alles allerdings zunächst einmal erhebliche Erschwernisse. Sie muss die Strecke, die sonst in wenigen Minuten durch den Tunnel aus dem Kessel auf die Filderebene führt, seither mit Bussen oder U-Bahnen überwinden.

Stuttgart soll zum digitalen Schienenknoten werden

Immerhin: Während der Sperrung wird gemacht, was geht. Mehrere Arbeiten und Gewerke wurden gebündelt, um die Zeit möglichst gut auszunutzen, erklärt Torsten Brand aus dem Technischen Projektmanagement beim DB-Projekt Stuttgart–Ulm. Er steht an der Haltestelle Universität vor einer Bewetterungsanlage, einer überdimensionalen Windmaschine, die Luft durch den Bahnhof und in den Tunnel drückt. Das braucht’s, denn hier unten wird mit dieselbetriebenen Fahrzeugen gearbeitet. Geräte, die einige Arbeiter bei sich tragen, messen zusätzlich die Kohlenmonoxid-Konzentration, während ein Gleiskraftwagen und ein Zweiwegebagger auf der Schiene vorbeituckern. Am Tunneleingang stehen Arbeiter, um von einer riesigen Trommel ein dickes schwarzes Kabel händisch abzurollen und damit im Dunklen zu verschwinden.

„Die Kabel sind für die Umrüstung auf digitale Technik nötig“, sagt Torsten Brand. 100 Kilometer sollen in diesem Sommer in Trögen in den Tunneln und in Hohlräumen unter den Bahnsteigen, die Kriechkellern gleichen, verlegt werden. Stuttgart soll bahntechnisch mit dem Projekt Stuttgart 21 zu einem digitalen Schienenknoten werden. Die neue Technik soll die Fahrpläne stabiler machen, auch soll sie den Zügen ermöglichen, in einem dichteren Takt zu fahren.

Im Sommer 2023 gehen die Arbeiten weiter

Handwerker hocken derweil am Stopp Universität am staubigen Boden und verlegen Platten. Auch das gehört zu den Dingen auf der Agenda. Sämtliche Bahnsteige werden mit geriffelten Elementen versehen, damit sehbehinderte Menschen sich daran orientieren können. „Es war schon lange der Wunsch der Interessenvertreter für Blinde und Sehbehinderte der Stadt Stuttgart, dass die Nutzbarkeit der Bahnsteige durch den Einbau taktiler Leitsysteme erhöht beziehungsweise ermöglicht wird“, sagt Björn Barthel. Zudem wurde an Fahrstühlen und Rolltreppen gearbeitet. In der Stadtmitte wurde der Schrägaufzug durch einen senkrecht fahrenden, störungsfreieren Lift ersetzt.

Die Arbeiten laufen nach Plan, wird versichert. „Wir liegen gut in der Zeit. Die Wiederinbetriebnahme ist nicht gefährdet“, sagt Björn Barthel. Am Mittwoch in der kommenden Woche soll begonnen werden, nach und nach sämtliche Gerätschaften wieder abzutransportieren, erklärt auch Torsten Brand. Die S-Bahn wird demnach nach den Sommerferien, ab dem 12. September, wie gewohnt verkehren. Kleinere Nacharbeiten würden im laufenden Betrieb erledigt.

Die schlechte Nachricht: Es wird nicht die letzte Sperrung gewesen sein. Noch bis 2025 müssen die S-Bahn-Nutzer jeweils in den großen Ferien mit Ausfällen rechnen. Es gibt noch viel zu tun. 2023 sollen die Tunnel-Sicherheitsbeleuchtung und der Brandschutz dran sein. 2024 sollen Weichen ausgetauscht werden. An der Digitalisierung muss ebenfalls weitergearbeitet werden. 400 Kilometer Kabel sollen am Ende verlegt sein. Wenn alles fertig ist, läuft die Technik am Standort Waiblingen in einem Serverraum zusammen. Und danach, in der letzten Sperrpause, wird man noch die Alttechnik zurückbauen müssen.

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