„Es ist weniger gebaut worden, als ich vor ein paar Jahren gedacht habe,“ sagt Geschäftsführer Andreas Hofer, wenn man ihn fragt, was die Internationale Bauausstellung 2027 (IBA’27) im Ausstellungsjahr eigentlich präsentieren kann. Manches geplante Vorzeigeprojekt in Stadt und Region wird nicht rechtzeitig fertig. „Dass wir unsere ursprünglichen Ziele nicht erreichen, ist schmerzhaft – aber vielleicht eine Lehre, die viele nachträglich gefeierte IBAs auch machen mussten“, sagt er.
In den Strudel der Baukrise geraten
Die Ausstellung in der Region Stuttgart, die vor acht Jahren im Blick auf das 100-Jahr-Jubiläum der Stuttgarter Weißenhofsiedlung, einem Meilenstein der Moderne, terminiert wurde, ist in den Strudel der Baukrise geraten. Und der Schweizer Hofer musste auf frustrierende Weise lernen, dass in Deutschland sich manches nicht so pragmatisch lösen lässt wie in seinem Heimatland.
Doch aus der Not will die IBA nun eine Tugend machen. So war die jüngste Jahresbilanz von der Frage geprägt, wie man seine Botschaft vielleicht auch anders vermitteln kann. Etwa an Ausstellungsorten im Herzen von Stuttgart – am Hauptbahnhof oder im ehemaligen Kaufhaus Galeria Kaufhof an der Eberhardstraße.
Die nach dem gesundheitsbedingten Rückzug der bisherigen Geschäftsführerin Karin Lang im März antretende Nachfolgerin Gabriele König ist keine Architektin wie ihre Vorgängerin, sondern eine Kulturwissenschaftlerin, die Erfahrung mit Ausstellungen und Events mitbringt.
Gesellschaftliche Gräben überwinden
Zwei Botschaften will die IBA transportieren. Die eine ist, dass es einen großen Konsens gebe, wie man künftig wohnen wird: nahe beieinander, in verdichteten Gebäuden, viel im Bestand. Das sei schlicht vernünftig, sagt Hofer: „Sie müssen in Zeiten des Wohnungsmangels ökonomisch denken. Und das ist auch ökologisch.“ In einer alternden Gesellschaft sei es zudem für viele schwierig, weiter allein zu wohnen: „Viele Menschen wollen aus ihren bisherigen Wohnverhältnissen heraus und können das nicht.“
Die Gesellschaft sei an diesem Punkt nicht gespalten. „Ich glaube, dass es einen Kulturkampf ums Eigenheim nicht gibt“, sagt Hofer: „Viele Gemeinderatsentscheidungen rund um IBA-Projekte sind einmütig oder einstimmig gefallen – das war manchmal fast ein bisschen unheimlich.“
Beispiele für Konsens in der Region
Er nennt Beispiele: So gab es Ende November 2024 bei der Entscheidung über die Hangweide im Kernen im Gemeinderat nur zwei Enthaltungen. Auf dem Gelände, wo bisher die Diakonie Stetten Wohnheime für Behinderte betrieb, soll laut IBA ein „dichtes, gemeinwohlorientiertes“ Quartier entstehen.
Auch das Tobias-Mayer-Quartier in Esslingen ist Mitte November einstimmig beschlossen worden. Konsens gab es beim Salacher Quartier Mühlkanal, der Neckarspinnerei in Wendlingen und auch beim ehemaligen Industrieareal Backnang West.
Wohnen und Gewerbe zusammen denken
Eine weitere Botschaft ist die Vision, dass Wohnen und Gewerbe wieder zueinanderfinden. „Wir fangen an, die Stadt von früher wiederherzustellen“, sagt Hofer. Seit 2017 können Kommunen „urbane Gebiete“ definieren, in denen Gewerbe und Wohnungen im Gegensatz zum bisher üblichen Mischgebiet enger verwoben werden können. Wohnungssuchende zögen gern dorthin – etwa weil der Weg zum Arbeitsplatz kurz ist, sagt Hofer: „Aber es ist immer noch schwer, Gewerbetreibende zu überzeugen.“
Die hätten Angst, dass sie die neuen Paragrafen nicht vor Klagen schützten, zum Beispiel wegen Lärms. „Bisher endet man häufig bei der Ansiedlung von Physiotherapeuten oder Zahnärzten“, sagt der IBA-Geschäftsführer. Doch auch die Industrie werde mehr solche Standorte brauchen: „Hochqualifizierte Arbeitskräfte wollen nicht in ein schäbiges Gewerbegebiet.“
Wie das alles dem Publikum näherbringen?
Doch wie will man das vermitteln? Es seien Themenrouten mit Ausstellungen als Startpunkt geplant, sagt der IBA-Geschäftsführer: „An einigen Stellen wird es noch einiges an Vorstellungskraft brauchen, der wir gemeinsam mit den Projektträgern inszenatorisch auf die Sprünge helfen müssen.“ Wenn die IBA stärker ein Event als eine Gebäudepräsentation wird, schaffe das auch Spielräume: „Für die Ausstellung im Jahr 2027 setzen wir den Rahmen und haben dabei große Gestaltungsfreiheit, die wir auch ausschöpfen wollen“, sagt er.
Abwartend ist Hofer bei der Frage einer Umgestaltung der aktuellen Gleishalle am Hauptbahnhof zum zentralen Ausstellungsort: „Ob diese 2027 tatsächlich zur Verfügung stehen wird – und ob es technisch und rechtlich möglich ist, sie für eine Ausstellung zu nutzen, ist aktuell noch fraglich“, sagt er. Man werde mit Alternativen planen. Den prinzipiellen Abstand zu Stuttgart 21 will Hofer jedenfalls beibehalten: „Die Entscheidungen für dieses Projekt fielen lange vor der IBA und eine ,Adelung‘ während der konfliktreichen Bauzeit wäre von beiden Seiten missbraucht worden.“