Baubeginn am Stuttgarter Hauptbahnhof: seit Dienstag gibt es kein Zurück mehr. Und daran werden auch die Proteste nichts ändern.

Chefredaktion: Achim Wörner (wö)
Stuttgart - Wohl selten einmal ist einem einfachen Prellbock soviel öffentliche Aufmerksamkeit zuteil geworden wie gestern im Stuttgarter Hauptbahnhof jenem mit der Nummer 049. Hochmögende Politiker und der Bahnchef Rüdiger Grube haben den am Gleisende eingebauten Puffer aus der Schiene gehoben – und damit offiziell den Beginn markiert für eine der größten Baustellen in ganz Europa. Die Aktion am Prellbock 049 war mehr als nur ein symbolischer Akt. Denn seit die Projektpartner von Bund, Land, Stadt Stuttgart und Region sich im Dezember mit der Bauherrin BahnAG abschließend auf die Finanzierung verständigt haben, ist klar: laut den Verträgen gibt es kein Zurück mehr.

Mit großer Entschlossenheit macht sich der Verkehrskonzern nun an die Realisierung des gigantischen Vorhabens. Denn jeder Monat Zeitverzug treibt die Kosten womöglich weiter in die Höhe. Schon in diesem Jahr geht es deshalb Schlag auf Schlag, werden wohl im Herbst die Seitenflügel des bestehenden denkmalgeschützten Bonatzbahnhofs gekappt werden und im Schlossgarten Bäume für die Baugrube der Tiefstation fallen. Das muss all jene schmerzen, die eng mit der Schwabenmetropole verbunden sind.

Hadern hilft nicht mehr


Verständlich ist deshalb der Protest, den Woche für Woche 2000, 3000 Bürger bei Montagsdemonstrationen artikulieren. Die Resonanz ist an dieser Stelle hoch, weil selbst neutrale Beobachter ein Unbehagen beschleicht – trotz starker Argumente für Stuttgart21. Gewiss, einerseits ist der Ausbau gerade der umweltfreundlichen Schieneninfrastruktur wichtig, und besser die Milliarden werden in Stuttgart vergraben als anderswo. Zweifelsohne wird das Projekt die hiesige Wirtschaft befördern und vielleicht Arbeitsplätze bringen. Und ein Leuchturmprojekt mit sogar internationaler Ausstrahlung ist Stuttgart21 auch; das kann kein Schaden sein.

Andererseits aber sprengt der Plan in finanzieller Hinsicht jedes Vorstellungsvermögen, ist bei der Neubaustrecke nach Ulm schon jetzt die nächste Kostenexplosion absehbar und birgt Stuttgart21 selbst Unwägbarkeiten angesichts dessen, dass mancher Bauabschnitt noch gar nicht genehmigt ist. Und doch ist mit dem Baustart ein Punkt erreicht, wo der Blick zurück, wo das Hadern nicht mehr hilft. Gegner wie Befürworter müssen sich nun neu sortieren und neu orientieren. Fortan gilt es das Beste aus dem umstrittenen Vorhaben zu machen.

Die Grünen sind in der Verantwortung


Da braucht es alle demokratischen Kräfte. Denn zwar sind die Eckpfeiler nun gesetzt. Im Detail aber gibt es bei Stuttgart21 viele Punkte, an denen es aktuell der Einmischung von Stadt und Gemeinderat und Bürgern Bedarf. Das gilt etwa für die Gestaltung des von dem Stararchitekten Christoph Ingenhoven geplanten neuen Hauptbahnhofs und dessen Umfeld, das gilt für den gesamten Bereich der Baustellenlogistik, wo es darum geht, die befürchteten Verkehrsbehinderungen und Lärmbelastungen möglichst gering zu halten, das gilt für die Planung der auf dem Gleisfeld später entstehenden Stadtquartiere, wo es innovative Ansätze braucht.

Zurecht haben die Sozialdemokraten dieser Tage eine Bürgerbeteiligung angemahnt, bisher herrscht im Rathaus Schweigen zu dem Thema. Große Verantwortung kommt nun insbesondere den Grünen zu, die diesen so wichtigen Prozess der Stadtgestaltung kritisch-konstruktiv begleiten sollten – so wie es deren Ratsfraktion immerhin angedeutet hat, der das Risiko einer Verweigerungshaltung offenbar bewusst ist. Gefordert ist aber auch die Bahn mit ihren Partnern. In den vergangenen Wochen ist das Interesse an konkreten Informationen zur Baustelle, die ja nicht nur auf die Innenstadt beschränkt ist, enorm gestiegen, so dass das eigens eingerichtete Kommunikationsbüro mit seinen acht Mitarbeitern schon jetzt am Rande der Kapazitäten ist. Dabei muss es noch sehr viel mehr als bisher gelingen, Stuttgart21 transparent zu machen.

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