Bauboom in Kornwestheim Eine graue Maus putzt sich heraus

Von Werner Waldner 

Vor ein paar Jahren drohte Kornwestheim zu veröden. Heute herrscht in der 30 000-Einwohner-Stadt eine Aufbruchstimmung. Wie kam es zu dem Wandel?

Bürgermeister Dietmar Allgaier vor dem Salamander-Areal Foto: Achim Zweygarth
Bürgermeister Dietmar Allgaier vor dem Salamander-Areal Foto: Achim Zweygarth

Kornwestheim - Stellen wir uns vor, Lurchi kehrt für ein paar Tage nach Kornwestheim zurück – in jene Stadt, die ihm über Jahrzehnte Heimat war und die er 2008 mit dem Unternehmen Salamander verlassen hat. Da steht er nun mit seinem Köfferle am Bahnhof – linker Hand das große Werk, von dem Lurchi jede Mauerritze kennt, rechter Hand die Innenstadt und in der Ferne der Rathausturm, alles wie immer.

Keine Veränderung? Dieser Eindruck mag entstehen, wenn man in Kornwestheim aus der S-Bahn steigt. Der Bahnhof, viel zu groß für die zwei S-Bahn-Linien, die dort halten, ist so wenig einladend wie ehedem. Ein langer, dunkler Schlauch, an dessen Enden auf der einen Seite der das Stadtbild prägende, dunkle Salamanderbau steht. Auf der anderen Seite Imbissbuden, Telefonläden und Restaurants, die die Besucher empfangen. Das ist nicht unbedingt eine Reise wert. Der Wandel, den Kornwestheim durchläuft, ist am Bahnhof noch nicht so recht angekommen.

Dass sich in der gut 30 000 Einwohner zählenden Kommune – eingeklemmt zwischen Ludwigsburg und Stuttgart – etwas tut, belegen allerdings die Zahlen. Zum zweiten Mal hintereinander steht Kornwestheim in der Statistik „Gesamtinvestitionen pro Einwohner“, herausgegeben von der Industrie- und Handelskammer Region Stuttgart, ganz oben. Im Jahr 2011 investierte Kornwestheim 902 Euro pro Einwohner in seine Infrastruktur. Zum Vergleich: Stuttgart kam auf 717 Euro. Und auch 2012 steckte die Stadt wie keine andere ihr Geld in den Bau von Straßen und Häusern: 891 Euro pro Einwohner. Fellbach folgt in dieser Statistik mit 820 Euro, Stuttgart kommt auf kümmerliche 363 Euro. Was diese Zahlen noch unheimlicher macht: In der Statistik „Schuldzinsen pro Einwohner“ bildet Kornwestheim das Schlusslicht. Wobei man eher vom Spitzenreiter sprechen sollte. Mit sechs Cent zahlt Kornwestheim so wenig wie keine andere Kommune.

Asbestfasern im Kulturhaus

Um zu erahnen, was Kornwestheim mit seinen Millionen so treibt, müsste sich Lurchi auf den Weg zum Rathaus machen. Vis-à-vis des mächtigen, aus den 1930er Jahren stammenden Turmes, der zugleich als Wasserspeicher dient, wächst das Vorzeigeprojekt in die Höhe – ein Kulturzentrum mit Theater und Stadtbücherei. Sein Name kurz und knapp: Das K.

Ende des Jahres 2006 traten bei Sanierungsarbeiten im Vorgängerbau Asbestfasern aus, und das Kulturhaus musste von jetzt auf gleich geschlossen werden. Von einem Glücksfall mag Oberbürgermeisterin Ursula Keck nicht reden, ein großer Verlust war es für die Stadt allerdings auch nicht. Die Auslastung lag ohnehin nur noch bei zehn Prozent, der Theatersaal strahlte den Charme der 1970er Jahre aus. „Irgendwann“, sagt Ursula Keck, „hätte sich ohnehin die Frage gestellt, was man mit dem Haus tut.“ Aber so sah sich Kornwestheim gezwungen, sich schon eher Gedanken über die Zukunft des Gebäudes zu machen – und nicht nur darüber.

Als Keck im Jahre 2007 als Oberbürgermeisterin kandidierte, da spürte sie die „Sehnsucht nach einem Aufbruch“. Kornwestheim wirkte wie gelähmt. Reihenweise schlossen die Läden in der Innenstadt, das große Salamanderwerk lag mehr oder weniger brach, das Kulturhaus war geschlossen. Und zwischen Gemeinderat und Stadtspitze herrschte Eiszeit. Der Erste Bürgermeister Dietmar Allgaier sieht darin den eigentlichen Grund für den Stillstand. Er kennt die Stadt so gut wie kaum ein anderer. Allgaier ist in Kornwestheim aufgewachsen. Er engagierte sich in Vereinen, wurde 1998 in den Gemeinderat gewählt, war Vorsitzender der CDU-Fraktion und ist seit 2008 Bürgermeister. „Die Politik“, sagt er, „war vor 2007 nicht mehr in der Lage, Entscheidungen zu treffen.“ Und die Stadtverwaltung habe kaum Vorschläge unterbreitet, wie sie Kornwestheim voranbringen wolle. Das hat sich mit der Wahl der parteilosen Ursula Keck, die gleich im ersten Anlauf mehr als 70 Prozent der Stimmen auf sich vereinigte, gründlich geändert.