Bauen in Gerlingen Abwasser könnte Baugebiet mit Wärme versorgen

Die Stadt Gerlingen erwägt die Nutzung von Abwasser als regenerativen Energieträger Foto: /Werner Kuhnle

Die Stadt könnte im Gerlinger Neubaugebiet Bruhweg II auf eine ungewöhnliche Energiequelle setzen.

Das rund 13 Hektar große Neubaugebiet Bruhweg II in Gerlingen soll nach den Plänen der Stadt zu 100 Prozent mit regenerativer Energie versorgt werden. Wie das einerseits effektiv und andererseits möglichst wirtschaftlich gelingen könnte, ist Inhalt einer Machbarkeitsstudie zum Aufbau eines Wärmenetzes für das 700 Wohneinheiten große Bauprojekt, das in den kommenden Jahren am Nordrand von Gerlingen entstehen soll.

 

Wenig regenerative Energiequellen

Die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie wurden nun im Gemeinderat öffentlich vorgestellt. Überrascht hat dabei vor allem die Wärmequelle, aus der das Neubaugebiet künftig zu einem Großteil seine Energie speisen könnte. Den Untersuchungen zu Folge ist das Gerlinger Abwasser der geeignetste regenerative Energieträger, um Bruhweg II in Zukunft mit Heizwärme zu versorgen, wie Thomas Günther, der Leiter des Gerlinger Stadtbauamts, betont. Der Abwassersammler, der zu diesem Zweck energetisch angezapft werden würde, verlaufe unmittelbar am Neubaugebiet entlang, so Günther.

„Gerlingen verfügt aufgrund mangelnder Flächenverfügbarkeit, der Problematik des Untergrundgesteins sowie dem Fehlen ergiebiger Gewässer generell über geringe regenerative Energiequellen“, erklärt das Stadtbauamt. Das Abwasser, das aus der ganzen westlichen Hälfte Gerlingens im betreffenden Kanal zusammenläuft, würde indes eine ausreichende Menge an Wärme liefern. Bei der energetischen Nutzung von Haushaltsabwässern wird aus dem Wasser Umweltwärme gewonnen und über eine zentrale Wärmepumpe im Fernwärmenetz bereitgestellt.

Laut der Studie, die ein externes Ingenieurbüro im Auftrag der Stadt Gerlingen erstellt hat, könnten mit der Wärme im Abwasser rund 85 Prozent des jährlichen Bedarfs der Siedlung gedeckt werden. Spitzenlasten würden durch Biomasse- sowie Elektrokessel ausgeglichen, die zudem mit einer Photovoltaikanlage gekoppelt werden könnten. Die genaue Ausgestaltung der Wärmeerzeugung soll Inhalt einer weiteren Studie sein. Der Clou: Mit der Anlage, die in einer Tiefgarage des Neubaugebiets Platz finden könnte, wäre es nach Ansicht der Ingenieure auch möglich, einige benachbarte Wohngebiete mit Wärme zu versorgen, so etwa den Bereich Bruhweg I.

Wärmeverlust ist vernachlässigbar

Wie die Stadt betont, sei im Neubau ein solches Wärmenetz, das durch Abwasserwärme versorgt werde, „deutlich günstiger“ als eine dezentrale Wärmeversorgung beispielsweise über Luft-Wärmepumpen an einzelnen Gebäuden. Der Wärmeverlust durch die Fernwärmeleitung sei demgegenüber vernachlässigbar.

In einem zweiten Schritt soll nun ein Speicherkonzept für die gewonnene Heizwärme entwickelt sowie die Genehmigungsfähigkeit überprüft werden. Bauamtsleiter Günther beziffert die prognostizierten Kosten für das Wärmenetz inklusive der Erzeugeranlage auf rund zehn Millionen Euro. Vier Millionen Euro könnte der Bund zusteuern.

Auch die entscheidende Frage, wem denn eigentlich das Abwasser gehöre, wurde bei der Präsentation der Studie geklärt. Demnach sei das in einer Stadt oder Gemeinde anfallende Abwasser Eigentum der Kommune und damit auch die darin enthaltene Energie. Eine der größten Anlagen dieser Art in Europa wird im Stuttgarter Neckarpark betrieben.

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