Bauernaufstand Armer Konrad Blutiger Sommer

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Vor 500 Jahren begann mit dem Gottesurteil des Gaispeters der Aufstand des Armen Konrads. Aber die Bauern wurden betrogen, die Anführer schließlich hingerichtet. Ganz vergebens war die erste Revolution Württembergs dennoch nicht.

Von Peter Gais, der vor 500 Jahren den Aufstand des Armen Konrads ins Rollen brachte,  gibt es kein einziges Bild. Der Künstler Fritz Nuss hat dem Remstalrebellen ein Denkmal gesetzt, es steht vor dem Beutelsbacher Rathaus. Foto: Achim Zweygarth
Von Peter Gais, der vor 500 Jahren den Aufstand des Armen Konrads ins Rollen brachte, gibt es kein einziges Bild. Der Künstler Fritz Nuss hat dem Remstalrebellen ein Denkmal gesetzt, es steht vor dem Beutelsbacher Rathaus. Foto: Achim Zweygarth

Beutelsbach - Er ist ein Held, und doch kennt ihn fast keiner mehr. Peter Gais, den alle nur den Gaispeter nannten, ist am 2. Mai 1514 aus dem Schatten der Geschichte getreten und entfachte über Nacht einen revolutionären Flächenbrand in Württemberg. Man weiß zu wenig über Gais, um beurteilen zu können, ob ihn pure Not und Verzweiflung trieben, ob die Wut auf die Großkopferten zu groß geworden war oder ob er schon immer zu aufrührerischen Reden neigte. Mutig war er jedenfalls: Peter Gais, ein Tagelöhner aus Beutelsbach im Remstal, der in einer einfachen Hütte gelebt haben soll, machte sich auf, dem Herzog die Stirn zu bieten.

So kann es gewesen sein: der Gaispeter stürmt an jenem Tag in die „Metzge“ von Beutelsbach und greift sich die neuen Gewichte, die Herzog Ulrich eingeführt hat. Tumult entsteht, der Metzger schreit, aber Gais rennt mit den Gewichten hinaus zur Rems. Immer mehr Volk schließt sich ihm an. Denn alle sind wütend auf den Herzog, der im nahen Stuttgart in obszönem Luxus lebt und nun eine neue Steuer eingeführt hat, um seine gigantischen Schulden zu verringern: Die Gewichte werden um 30 Prozent leichter gemacht – für dasselbe Geld erhält der arme Bauer nur noch 700 Gramm Fleisch statt bisher ein Kilo.

„Dabei stehen die Bauern, Handwerker, Ackerbürger und Tagelöhner nach mehreren Missernten sowieso mit dem Rücken zur Wand“, sagt der Historiker Andreas Schmauder, vermutlich der beste Kenner des Armen Konrads. Peter Gais wirft die Gewichte unter dem Johlen der Menge in die Rems und ruft: „Wenn der Herzog recht hat, schwimmen die Gewichte oben. Wenn sie aber untergehen, haben wir recht.“

Ob es dieses Gottesurteil mit vorhersehbarem Ausgang wirklich gegeben hat, weiß niemand – erst 60 Jahre später taucht die Geschichte erstmals in einem Bericht auf. Auf jeden Fall geht der Gaispeter noch in dieser Nacht hinauf auf den nahen Kappelberg und läutet dort, gegen den heftigen Widerstand des Mesners, Sturm in der Nikolauskapelle der Burgruine. Alle im Remstal hören es. Der Aufstand beginnt. „Ohne Gais wäre der Arme Konrad nicht ins Rollen gekommen“, sagt Bernd Breyvogel, der Stadtarchivar von Weinstadt, während er auf eine Mauer der Ruine steigt und weit ins Remstal schaut.

Gais wird zum großen Agitator

Peter Gais muss ein begnadeter Redner sein, der die aufgewühlten Herzen der Bauern erreicht. In den folgenden Wochen wird er nicht zu einem der Anführer, sondern zum großen Agitator und Kommunikator, der von Ort zu Ort geht, auf den Marktplätzen die Menschen gewinnt und die Bande zwischen den einzelnen Haufen im Ermstal und auf dem Engelberg aufrechterhält. Was geht vor im Gais-peter? Sicher hat er Angst um seine Frau und seine Kinder, denn mit dem jähzornigen Herzog ist nicht zu spaßen. Der spätere Chronist Gabelkofer beurteilt Peter Gais mit den Augen seines Herrschers: Gais sei „ein unnüzer, verdorbner, übelhausender Tropf, der nichts weder 4 kleine ohnerzogne Kinder, aber darneben ein übelredende, böse, ufrürische Zungen im Maul ghabt“. Gais weiß, wie gefährlich es werden kann. Dennoch bleibt er der Sache treu.

Am 4. Mai zieht eine aufgebrachte Menge von 400 Menschen nach Schorndorf. Wie schon so oft, aber bislang immer vergebens, bringen sie ihre Forderungen vor, jetzt aber mit dem Nachdruck erhobener Speere und Mistgabeln. Sie sind wütend, dass sie immer neue Frondienste übernehmen sollen. Sie dürfen kein Bauholz mehr aus dem Wald holen und ihre Schweine nicht mehr zur Eichelmast in den Wald treiben. Und besonders bringen die Wildschäden die Bauern in Rage – in manchen Orten verbietet der Vogt sogar, dass man Wildschweine oder Hirsche aus den Feldern vertreiben darf. Manche Ernte fällt deshalb komplett aus. Die Bauern hungern.

In den Beschwerdebriefen sprechen Menschen mit Selbstbewusstsein. Die Bauern verlassen erstmals in der Geschichte Württembergs ihre Rolle des schweigenden Untertans. Sie fügen sich nicht mehr in die angeblich gottgewollte Weltordnung. Selbst am Ende des Aufstandes, als man die Anführer unter Folter zu Geständnissen zwingt, blitzt dieses Selbstbewusstsein auf: „Wir wollten der Obrigkeit nit mehr haben“, gibt einer der Bauern dem Schreiber zu Protokoll, der direkt neben der Streckbank sitzt.

Vielleicht fasziniert uns das so an diesem Aufstand: dass der unterdrückte und chancenlose Untertan sich dennoch erhebt und es einen Sommer lang schafft, Württemberg in den Grundfesten zu erschüttern. Deshalb vielleicht wird jetzt das Jubiläum des Armen Konrads so ausgiebig gefeiert, mit Ausstellungen, Festen, Vorträgen. Auch Andreas Schmauder hält die große Klaviatur für angebracht: „In Württemberg waren es die Bürger von da an gewohnt mitzusprechen.“ Vom Armen Konrad zum Widerstand gegen Stuttgart 21 führt für manche eine direkte Linie.




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