Bauernkrieg in Oberschwaben Revolution im Landidyll

Als KI-Figuren zum Leben erwacht: Ritter Götz von Berlichingen und Bauernführerin Margarethe Renner Foto: Landesmuseum Württemberg

Vor 500 Jahren tobte in Oberschwaben ein blutiger Krieg, als sich die Bauern gegen ihre Herrschaft erhoben. Wie kam es dazu?

Freizeit & Unterhaltung: Bettina Bernhard (bb)

Der Blick auf die Pracht des Klosters Schussenried lässt erahnen, welche Macht die geistliche Herrschaft im ausgehenden Mittelalter hatte und wie hart ihre Untertanen arbeiten mussten für Bau und Unterhalt der Klosteranlagen. So, wie heutige Besucher staunen über das geschnitzte Chorgestühl, die prächtigen Deckenmalereien und die Rokoko-Bibliothek, so muss auch den Bauern im März 1525 die Spucke weggeblieben sein, als sie das Kloster stürmten, den Weinkeller austranken und die Speicher leer futterten – die sie selbst gefüllt hatten.

 

Der Ruf nach Freiheit

Warum sich im ganzen Süden und bis nach Polen, Österreich, in die Schweiz und Frankreich die einfachen Leute gegen Klerus und Adel erhoben, versucht die Ausstellung Uffrur im Kloster Schussenried zu ergründen. „Es kam viel zusammen damals: Schlechte Ernten, Realteilung, die Reformation, der Buchdruck“, nennt Kurator Marco Veronesi Gründe für den Aufstand der Unzufriedenen und den Ruf nach Freiheit und Selbstbestimmung.

Manche Dörfer hatten sogar mehrere Herrscher

Ein Gemälde zeigt, wie kleinteilig in Baden-Württemberg die Zuschnitte waren. „Jedes Dorf hatte einen anderen Herrscher, manche sogar gleich mehrere“, so Veronesi. Und jeder finanzierte seinen Clan, seine Scharmützel und seine diplomatischen Beziehungen aus den Einnahmen der verliehenen Ländereien. Mit der Idee der Reformation, dass vor Gott alle gleich sind, der Verbreitung von politischen Flugblättern und dem wachsenden Druck durch den Adel, der seine Pfründe gegen zunehmend mächtige Städte verteidigen musste, stellte die Landbevölkerung die Gesellschaftsordnung immer öfter und lauter in Frage.

Krasse Kontraste bietet auch die Ausstellung selbst. Da sind uralte Urkunden, Karten, Waffen und Hausrat in Vitrinen sorgsam geborgen, dazwischen manifestieren sich KI-Figuren und plaudern aus dem Nähkästchen. Ein Götz von Berlichingen, damals zeitweise auf der Seite der Aufständischen, fuchtelt mit seiner Cyberpunk-Protese herum und schimpft auf den Niedergang des Rittertums, der sich um 1500 anbahnte. Ein beleibter Abt schildert die Weltsicht der Kirche. Zu diesen KI-Figuren zählt auch Georg Truchsess von Waldburg – bekannt als „Bauernjörg“ und die wohl umstrittenste Figur der Bauernkriege. Denn der Anführer des Heeres der Herren, des Schwäbischen Bundes, besiegte die Bauern, nachdem er sie hingehalten, verraten und teilweise übelst abgeschlachtet hatte.

Burgführerin Rebecca Myga und Babydrache Brunhilde auf der Waldburg Foto: Bettina Bernhard

Hoch oben über dem Städtchen Waldburg, auf dem Schloss, sieht man das naturgemäß ganz anders. Für den aktuellen Burgherren Max Haller, der die Anlage gepachtet und in eine mittelalterliche Erlebniswelt verwandelt hat, waren „die paar Monate Bauernkrieg“ nur eine Randnotiz in der mehr als 1000-jährigen Geschichte der Burg. Er plaudert lieber über Intrigen, Mordlust und Machtgier, Kronschatz und die Heiratspolitik der Habsburger.

Wer den steilen gepflasterten Burgberg bezwungen hat, wird empfangen von Brunhilde, einem Plastikdrachen, den Burgführerin Rebecca Myga um den Hals trägt. Für Kinder gibt es Lanzenstechen und Bogenschießen, Zaubershows, ein Fotostudio, in dem man in mittelalterliche Kleider und Rüstungen schlüpfen und Selfies machen darf, bis das Smartphone qualmt. Auf Hochzeitspaare wartet eine Suite mit Himmelbett, die Jungesellinnenabschiede schmücken professionelle Stripper. Zudem gibt es Gauklertage, Burgfantasien, Mittelaltermärkte und Rittermahle im Gewölbe Christoph Wegele, Museumsleiter der Waldburg, schaut ebenfalls kritisch auf das Bild der revoltierenden Bauern. Dass sie gegen Leibeigenschaft kämpften, stimme so nicht, diese sei vielmehr eine Ordnungsmacht gewesen und für die Unterordnung sei ja auch Schutz gewährt worden. „Freilich, aufseiten des Adels war viel Willkür unterwegs, es gab dauernd neue Abgaben wie den kleinen Zehnt oder die Erbschaftssteuer, nach der das beste Gewand und das beste Stück Vieh im Todesfall abgegeben werden musste“, räumt er ein.

Kein wilder Haufen mit Mistgabeln

Sehr anschaulich kann Wegele erklären, wie es Georg Truchsäss von Waldburg schaffte, eine absolute Übermacht aus bis zu 200 000 Bauern, davon rund zwei Drittel kampferprobte, gut ausgerüstete Landsknechte, zu besiegen: „Das Bild vom wilden Haufen mit Mistgabeln ist völlig falsch“. Doch den Bauern fehlte Strategie und Taktik. „Georg hatte anfangs nur eine Elitetruppe mit Pferden und 2000 Mann. Mit denen führte er eine Blitzkrieg-Taktik und fiel den ordentlich formierten Bauerntruppen in die Flanken“, so der Museumsleiter.

Was bedeutet Freiheit?

Unten in Wolfegg empfängt Tanja Kreutzer, die Leiterin des Bauernhausmuseums, in einer Zehntscheuer von 1430, in der die Bauern ihren Zehnten ans nahe Kloster Weißenau abliefern mussten. 1525 plünderten die Bauern das Kloster, zerstörten es aber nicht. Die Originalscheuer konnte deshalb Jahrhunderte später ins Freilichtmuseum zu Wolfegg umziehen, wo sie aktuell eine Ausstellung zum Bauernkrieg beherbergt. „Was bedeutet Freiheit und was ist sie wert?“ heißt die Frage, die Besucher hinauf in den ersten Stock begleitet und die Kreutzer mit Schülern lebhaft diskutiert.

Immer neue Steuern

Antworten für damals finden sich in der Ausstellung. „90 Prozent der Bevölkerung erarbeiteten die Lebensgrundlage für alle und hatten keinerlei politische oder gesellschaftliche Teilhabe als meist leibeigene Lehensbauern“, erzählt Tanja Kreutzer. Kurz vor dem Bauernkrieg wurden die Lehen nur noch für kurze Zeit vergeben, dann erhöhte sich erneut die Pacht, immer neue Steuern kamen dazu. Sogar die Allmende, bislang Allgemeingut der selbst organisierten Dorfgemeinschaft mit Wiesen, Wald und Holz, Bächen und Fischen wurde den Bauern streitig gemacht. Vor den Toren der Zehntscheuer erstreckt sich ein großes Gelände mit 28 historischen Bauernhäusern. Hier erlebt man beim Pflügen mit einem historischen Pflug, wie schwer einst das (Über-)Leben war.

Eine Zwitterrolle im Bauernkrieg hatte Bad Waldsee, die barocke Schönheit am See. Die reiche Stadt mit Schloss und prunkvollem Rathaus war einst direkt dem Kaiser unterstellt, der ihr alle Freiheiten ließ. Doch als der Kaiser Geld brauchte, verpfändete er die Stadt an Waldburg und der „Bauernjörg“ wählte sie sogleich zu seinem Hauptwohnsitz. Denn Waldsee hatte Geld dank erfolgreichem Handel mit Getreide und Tuch. Allerdings war man auch selbstbewusst im Kampf um bisherige Rechte.

Happy End für Waldsee

Zuletzt half ein Trick, wie Stadtarchivar Tassilo Wild vergnügt erzählt: Als die Bauernkrieger heranrückten, nahm die Stadt Waldsee die Frau und die Kinder des „Bauernjörg“ auf, damit sie nicht von Plünderern im Waldseer Schloss erschlagen wurden. Den Bauern gab man Geld für die Kriegskasse, damit sie die Stadt in Ruhe ließen. Happy End für Waldsee: „Als der Truchsäss die tot geglaubte Familie gesund vorfand, gab er der Stadt dankbar alle Rechte zurück“, sagt der Stadtarchivar. So blieb Bad Waldsee bis heute postkartenschön.

Oberschwaben

Anreise
Mit der Bahn via Ulm nach Bad Schussenried. Wolfegg und Bad Waldsee erreicht man mit Umstieg in Aulendorf, Waldburg via Ravensburg; www.bahn.de

Unterkunft
Traditionsreich: Landgasthof Linde in Bad Schussenried, DZ/F ab 108 Euro, www.zur-linde-steinhausen.de

Mittendrin: Hotel Restaurant Grüner Baum in Bad Waldsee, DZ/F ab 135 Euro, www.baumwaldsee.de

Aktivitäten
Ausstellung „Uffrur“ im Kloster Schussenried bis 5. Oktober, www.bauernkrieg-bw.de , www.kloster-schussenried.de

Burgführung auf Schloss Waldburg, www.schlosswaldburg.de

Ausstellung „1552 – Bauernkrieg in Oberschwaben“ bis 11. November 2026 in Wolfegg, www.bauernhaus-museum.de

Stadtführung auf den Spuren des „Bauernjörg“ in Bad Waldsee, www.bad-waldsee.de

Allgemeine Informationen
Tourismusorganisationen: www.oberschwaben-tourismus.de ; www.tourismus-bw.de

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