Bauernproteste gestern und heute Was uralte Bauernproteste mit denen der Gegenwart zu tun haben

Stadtarchivar Bernd Breyvogel neben einer Fahne mit dem Protestsymbol von 1514, dem Bundschuh Foto: Gottfried Stoppel

Was haben die Bauernaufstände anno 1493 bis 1517 mit den aktuellen Protesten gemeinsam? Der Weinstädter Stadtarchivar Bernd Breyvogel stellt das gegenüber, er gibt Antworten auf diese und ähnliche Fragen – mit überraschenden Parallelen.

„Was früher der Bundschuh war, ist heute der Gummistiefel. Die PR-Wirkung von damals funktioniert heute genauso“, sagt Bernd Breyvogel bezogen darauf, dass im Mittelalter wie heute das bäuerliche Schuhwerk zum Protestsymbol geworden ist. Ausgehend davon hat der Stadtarchivar von Weinstadt einen Bogen geschlagen zwischen den Bauernaufständen der Bundschuh-Bewegung in den Jahren 1493 bis 1517 im Elsass und am Oberrhein und dem Aufbegehren des Bündnisses Armer Konrad von anno 1514 in Württemberg zu den aktuellen Bauernprotesten. „Das hier ist alles andere als verstaubte Geschichte“, so Breyvogel weiter mit Blick auf die Ausstellung des Bauernkriegsmuseums, die er vor diesem Hintergrund um eine kurze Gegenüberstellung der früheren Bauernaufstände versus der heutigen sowie einer Protestfahne der Bundschuh-Anhänger ergänzt hat.

 

Doch auch ohne dies sei das Narrativ der Dauerausstellung im Württemberg-Haus brandaktuell, meint Breyvogel. Zeige sie doch ausgehend vom Armen Konrad wie das heute als selbstverständlich empfundene Grundrecht, seine Meinung frei auf der Straße äußern zu können, im Laufe der Geschichte erst erstritten werden musste. „Der Arme Konrad war der erste landesweite Protest“, erklärt Breyvogel die historische Bedeutung des Aufstands, der 1514 in Beutelsbach seinen Anfang nahm. Obwohl er noch im selben Jahr blutig niedergeschlagen wurde, gelte er als der bedeutendste Vorläufer des großen Bauernkriegs 1525 und als Meilenstein auf dem Weg zur heutigen Demokratie.

Was waren und sind die Ausgangspunkte der Proteste?

Der Ausgangspunkt seien damals wie heute wirtschaftliche Forderungen gewesen, so Breyvogel weiter über Parallelen. Während für die Landwirte der Gegenwart die Streichung der Agrardieselsubvention der Tropfen ist, der das Fass sprichwörtlich zum Überlaufen gebracht hat, war es vor mehr als 500 Jahren die neu erlassene Verbrauchssteuer auf Fleisch, Getreide und Wein, mit welcher Herzog Ulrich I. seine Staatsfinanzen aufbessern wollte. Dazu wurden Maßgewichte für den Handel reduziert, wodurch Käufer weniger Ware für ihr Geld erhielten, was vor allem die einfache Bevölkerung betraf. Dagegen begehrte das Bündnis Armer Konrad auf, dessen Name als Inbegriff des kleinen Mannes steht.

„Damals forderte man den Sturz des Herzogs, heute heißt es: Die Ampel-Regierung muss weg“, sagt Breyvogel. Ebenso wie die Bauern heute formierte man sich zu Protestzügen. So sei der Gaispeter, ein Beutelsbacher Taglöhner und Anführer des Armen Konrad mit seinen Anhängern zur Amtsstadt Schorndorf gezogen – damals natürlich zu Fuß und nicht auf Traktoren. Allerdings seien die Bauern von früher durchaus bewaffnet aufgetreten, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. „Durch die Landwehr verfügten sie über Spieße und Harnische.“

Doch hätten die wirtschaftlichen Forderungen von einst einen ganz anderen Hintergrund gehabt. „Internationale Verflechtungen und eine EU-Rahmenpolitik gab es noch nicht“, sagt Breyvogel. „Es wurde lokal für den lokalen Markt produziert. Was heute gefordert wird, ging damals gar nicht anders.“ Unvorstellbar sei es andererseits für die Bauern im 16. Jahrhundert gewesen, finanzielle Förderungen für ihre Arbeit zu bekommen oder gar dafür, dass sie Felder brachliegen lassen. „Wobei man sich die Frage stellen muss, wer da eigentlich subventioniert wird. Letztlich sind das die Verbraucher“, sagt Breyvogel.

Was sind die Unterschiede der bäuerlichen Proteste?

Ein weiterer Unterschied sei, dass die Landwirte von heute gleichberechtigte Bürger in einer gefestigten Demokratie seien. „Davon konnten die Bauern früher als Leibeigene nur träumen.“ Als solche waren sie von ihren Grundherren abhängig und mussten ihnen für die Bewirtschaftung von deren Feldern Abgaben leisten. „Eine zentrale Forderung war daher auch mehr Teilhabe, was damals erstmals konsequent so formuliert und in einer breiten Massenbewegung vorgetragen wurde.“ Zur Begründung habe man sich auf die Bibel und auf göttliches Recht berufen.

„Von solchen religiöse Dimensionen ist bei den aktuellen Protesten keine Rede mehr. Das geht mit dem Bedeutungsverlust der Kirche einher.“ Auch dass es in der Folge zu einem Bauernkrieg komme, sei sicherlich nicht zu befürchten. „Die Konfliktregulierung war damals eine ganz andere“, sagt Bernd Breyvogel.

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