Politiker und geladene Gäste haben am Mittwoch die Sanierung der Villa Reitzenstein gefeiert. Dabei erinnerte Ministerpräsident Winfried Kretschmann an einen von den Nazis ermordeten Mann.

Leben: Erik Raidt (era)

Stuttgart - Mitunter, nach langen Sitzungen und schwierigen Kabinettsbeschlüssen, scheint sich der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann auch romantischen Gefühlen hinzugeben. Der Rosengarten im Park der Villa Reitzenstein sei sein Lieblingsplatz in der Anlage – dies verriet Kretsch­mann den zahlreichen Besuchern, die zum Baufest am Mittwochmittag in die Villa kamen. Die geladenen Gästen besichtigten den Sitz der Landesregierung, nachdem dieser grundlegend saniert worden war – zudem entstand unweit von der Villa Reitzenstein ein Neubau für die Mitarbeiter des Staatsministeriums.

Winfried Kretschmann weihte den Neubau während des Baufests ein – dieser trägt von nun an den Namen des einstigen württembergischen Staatspräsidenten Eugen Bolz. Der Zentrumspolitiker leistete Widerstand gegen das NS-Regime und wur­de  nach dem gescheiterten Attentat auf Adolf Hitler zunächst inhaftiert und anschließend in Berlin hingerichtet. Winfried Kretsch­mann hob Eugen Bolz aus der Riege seiner Vorgänger hervor und würdigte ihn: „Eugen Bolz musste für seine aufrechte Haltung mit dem Leben bezahlen.“

Schnäppchen für das Land

Bei der Feier in der sanierten Villa Reitzenstein unterstrichen die Redner deren herausragende historische Bedeutung für das Land und für die Stadt Stuttgart. Staatssekretär Klaus-Peter Murawski verwies darauf, dass etliche architektonische Details wieder sichtbar gemacht wurden. „So wurden die Natursteinböden frei gelegt.“ Zudem wurden die Fenster renoviert, Holzböden erneuert und etliche Lampen ausgetauscht, die den Charakter des Gebäudes zuvor wesentlich verändert hatten. Die Villa war von 1910 bis 1913 im Auftrag von Helene von Reitzenstein gebaut worden – sie sollte an ihren verstorbenen Mann erinnern. Seinerzeit kostete der Bau rund 2,8 Millionen Goldmark, knapp zehn Jahre später verkaufte Helene von Reitzenstein dem Land das Gebäude für einen Bruchteil dieser Summe. Winfried Kretschmann bezeichnete den Bau als „Schatztruhe der baden-württembergischen Demokratie“.

Mehr als hundert Jahre nach der Fertigstellung der Villa belaufen sich die Kosten für die Sanierung des Gebäudes und das neu errichtete Eugen-Bolz-Haus mit allen Nebenkosten auf 33 Millionen Euro. Im Neubau, der dem Staatsministerium Ende des Jahres zur Nutzung übergeben wird, sind auf 1800 Quadratmeter Nutzfläche 55  Arbeitsplätze, die Mitarbeiterkantine, Schulungs- und Besprechungsräume sowie ein Informationszentrum für die Besucher der Villa Reitzenstein untergebracht.

Realisiert wurde das Projekt von dem Berliner Architekturbüro Sting Architekten. Es sei sein Ziel gewesen, dass der Neubau nicht in Konkurrenz zur repräsentativen Villa Reitzenstein trete, sagte Martin Sting. Aus diesem Grund halte das Eugen- Bolz-Haus einen „respektvollen Abstand“ zur Villa. „Diese behält damit ihre architektonische Dominanz.“

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