Baugebiet in Kernen Alternative Wohnformen auf der Hangweide möglich?

Von  

Angesichts der zunehmenden Wohnungsnot und der explodierenden Preise auf dem Wohnungsmarkt ist das geplante neue Viertel auf dem Gelände der zum Abriss bestimmten Behindertensiedlung Hangweide im öffentlichen Blick.

Was aus der Hangweide nach dem Abriss des Kirchsaals und anderer Häuser  wird, interessiert die  Bürger sehr. Foto: Patricia Sigerist
Was aus der Hangweide nach dem Abriss des Kirchsaals und anderer Häuser wird, interessiert die Bürger sehr. Foto: Patricia Sigerist

Kernen - Angesichts der zunehmenden Wohnungsnot und der explodierenden Preise auf dem Wohnungsmarkt ist das geplante neue Viertel auf dem Gelände der zum Abriss bestimmten Behindertensiedlung Hangweide im öffentlichen Blick. Die Fraktionen OGL und PFB im Gemeinderat Kernen können sich dort, neben oder anstatt von Investorenbauten, auch neue und alternative Wohnformen vorstellen.

Wohnungen sind in der Regel Privateigentum und unterliegen den Gesetzen des Marktes

Der PFB-Fraktionsvorsitzende Andreas Colosi stellte im Bürgerhaus Kernen in einem Film aus Gesprächen mit Bewohnern von Wohnprojekten aus Freiburg und Tübingen die wesentlichen drei Grundsätze des Mietshäuser Syndikats vor, die auch für Projekte auf der Hangweide beispielhaft sein können: Gemeineigentum, Selbstorganisation und Solidarität. Tilman Gocht, Regionalberater des Syndikats aus Tübingen, der an der Uni Tübingen arbeitet und mit Frau und zwei Kindern selbst in einem Hausprojekt des Syndikats wohnt, kennt die gesellschaftlichen und politischen Hintergründe des 1982 in Freiburg gegründeten Mietshäuser Syndikats. Wohnungen sind in der Regel Privateigentum und unterliegen den Gesetzen des Marktes. In der Nachkriegszeit gab es noch Millionen von Sozialwohnungen in Genossenschafts- und Kommunalbesitz. Diese wurden aber privatisiert und gehören inzwischen internationalen Wohnungskonzernen, die versuchen, mit diesem „Betongold“ maximalen Profit zu erzielen.

Die Hausbewohner schließen sich zu einem Hausverein zusammen

Diese Gewinnorientierung führt zu steigenden Mieten und einem massiven Verdrängungswettbewerb auf dem Markt, der inzwischen sogar – und vor allem – Familien mit Kindern und mittlerem Einkommen trifft.

Die Idee des Syndikats besteht darin, dieser Spekulation den Boden zu entziehen, und Grundstücke oder Häuser, die seither im Privateigentum waren, in Gemeineigentum zu überführen. Dies geschieht nicht in Form einer Enteignung. Die Häuser werden auf dem Markt gekauft. Der Kaufpreis wird auf verschiedene Weise aufgebracht: durch Eigenkapital der Menschen, die darin wohnen wollen, über Direktkredite von Unterstützern, über Bankkredite und eventuell einen Beitrag aus dem Solidarfonds des Syndikats, mit dem finanzstärkere Hausprojekte die schwächeren unterstützen.

Im Jahr 2019 ist das Syndikat an 150 Hausprojekten in der Bundesrepublik beteiligt

Die Hausbewohner schließen sich zu einem Hausverein zusammen. Dieser Verein bildet zusammen mit dem Syndikat eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Hausverein und das bundesweit aufgestellte Syndikat als Kontrollinstanz haben in der GmbH Stimmengleichheit. So wird verhindert, dass das Hausprojekt später wieder privatisiert, also verkauft werden könnte. Es bleibt für immer in Gemeinbesitz.

Mit der Miete, die in Tübingen bei 7 Euro pro Quadratmeter liegt – auf dem freien Markt ist sie inzwischen doppelt so hoch – zahlen die Bewohner zum einen die laufenden Kosten wie die Kredittilgung und die Instandhaltung. Zum anderen geht aber auch ein Solidarbeitrag an das Syndikat, mit dem dann wieder weitere Projekte unterstützt werden können. Im Jahr 2019 ist das Syndikat an 150 Hausprojekten in der Bundesrepublik beteiligt. „Und es werden mehr“, sagt Gocht. Tilman Gocht riet im Bürgerhaus interessierten Familien, sich jetzt schon zu organisieren und ihre Ideen und Vorstellungen in den Planungsprozess mit einzubringen. Die Gemeinde solle aufgefordert werden, dass Grundstücke auf der Hangweide an jene vergeben werden, die das beste Konzept für neue Wohn- und Eigentumsformen vorlegen und nicht an diejenigen, die am meisten bezahlen. Die Vergabe sollte, so sein Vorschlag, in Erbpacht erfolgen, nach dem Wiener Modell, bei dem Grund und Boden in Gemeindebesitz bleibt.

OGL und PFB werden im Januar ein Treffen mit allen Interessierten organisieren, bei dem über das weitere Vorgehen beraten werden soll. Interessenten können sich unter info@pfb-kernen.de oder Telefon 07151/4 28 66 melden. Bei dieser Kontaktadresse kann auch der gezeigte Film gekauft werden.




Veranstaltungen

Unsere Empfehlung für Sie