Baugebiet Kernen Die Geschichte des Ortes soll spürbar bleiben

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Die Gestaltung der Hangweide als Wohngebiet der Zukunft reizt nicht nur Städteplaner und Architekten. Eine Arbeitsgruppe der Internationalen Bauausstellung 2027 Stadt-Region-Stuttgart hat sich auf dem Gelände umgesehen.

Den Weg in den Kirchsaal geht auf der Hangweide schon lange keiner mehr. Foto: Roland Böckeler
Den Weg in den Kirchsaal geht auf der Hangweide schon lange keiner mehr. Foto: Roland Böckeler

Kernen - Die Hangweide zwischen Stetten und Rommelshausen ist zurzeit das, was sie über Jahrzehnte war: Ein abgeschlossener Bereich. Am Samstag hat Marcus Kessler, stellvertretender Bauamtsleiter in Kernen, das Areal für eine gut 20-köpfige Gruppe geöffnet.

Die Hangweide, die die Diakonie Stetten vor knapp zwei Jahren geräumt hat, könnte bei der IBA ein Vorzeigequartier werden

Um Einblicke gebeten hatte die Arbeitsgemeinschaft (AG) Freiraum der Internationalen Bauausstellung Stadt-Region-Stuttgart 2027, kurz IBA. Die Freiraum-Gruppe, ihr gehören Planer und Architekten an, beschäftigt sich seit eineinhalb Jahren in Vorbereitung zur IBA mit grundsätzlichen Gestaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten von Gebieten und trifft sich zu Exkursionen. Die Hangweide, die die Diakonie Stetten vor knapp zwei Jahren geräumt hat, könnte bei der IBA ein Vorzeigequartier werden und modellhaft zeigen, wie Wohnen, Leben und Mobilität der Zukunft aussehen kann. Gut 80 Vorhaben treten in Konkurrenz miteinander an, nur fünf bis sieben werden am Ende tatsächlich dabei sein. Das Hangweide-Projekt wird beworben als „eigenständiges, urbanes und gemischtes Quartier mit hohen Freiraumqualitäten als verbindender Baustein zweier Ortsteile“.

Nach einer finalen Messe vor zwei Jahren wurde die Kirche entwidmet

Verena Loidl ist aktives Mitglied der AG Freiraum, deren Name wörtlich zu nehmen ist. Es geht um die Gestaltung von Freiräumen, „auch wenn es hier eine höhere Dichte geben wird“, wie die angehende Stadtplanerin aus Stuttgart sagt. Aber Freiräume könnten auch in Gebäuden geschaffen werden, ergänzt der Stettener Architekt Moritz Seifert. Eines Tages sollen auf dem knapp acht Hektar großen Gelände 1200 bis 1400 Menschen leben. Im Moment lebt dort nur die Natur und erobert sich sukzessive Raum zurück. Wege wölben sich über Wurzeln und sind rissig, Unkraut breitet sich aus und hängt teils wie Lianen von Vordächern, große Löcher tun sich an verschiedenen Stellen auf. „Auf eigene Gefahr“ erfolge der Rundgang, heißt es.

Im ehemaligen Kirchsaal ist eine erste Station. Es ist kühl, es hallt, Blätter und Staub liegen auf dem Holzboden. Sitzbänke gibt es nicht mehr. Einst gab es hier täglich eine Morgenandacht für Mitarbeiter und Bewohner der Diakonie. Nach einer finalen Messe vor zwei Jahren wurde die Kirche entwidmet. Der Saal solle doch für Veranstaltungen erhalten bleiben, meint Eberhard Kögel, der PFB-Gemeinderat hat sich der Gruppe angeschlossen. Der Denkmalschutz zumindest hat auf dem Gelände nichts schützenswertes gefunden.

Der große Baumbestand stammt aus den 1960er Jahren

Ute Heinle, Vorsitzende des örtlichen Heimatvereins und aktiv bei der Bürgerbeteiligung zur Hangweide, wirft Streiflichter auf die Historie des Gebietes, das eine neue Heimat von morgen werden soll. Wie es von einer Weide über einen Ort mit Ölmühle und See zur großen geschlossenen Behinderteneinrichtung wurde. Anfangs, nach 1945, noch strikt nach Frauen und Männern getrennt, um Schwangerschaften zu verhindern. In acht Bewohnerhäusern ging es bis zum Schluss eng zu, weitläufiger wurden Therapiezentrum, Sporthalle, Schwimmbad und Kantine, die später gebaut wurden.

Der große Baumbestand stammt aus den 1960er Jahren, Bewohner und Betreuer haben ihn gepflanzt. Was davon bleiben wird? Ein städtebaulicher Wettbewerb soll im nächsten Jahr die Kreativität der Planer wecken. Der Ort mit seiner Geschichte solle auf jeden gewürdigt werden, sagt Markus Lämmle, Geschäftsbereichsleiter von LBBW Immobilien Kommunalentwicklung Stuttgart. Zusammen mit der Kreisbaugesellschaft Waiblingen und der Gemeinde Kernen hat die LBBW das Gelände für rund 16,5 Millionen Euro gekauft. Zur Geschichte des Ortes gehört auch, dass zuletzt dort noch Flüchtlinge untergebracht waren.

Vielleicht müssten ja nicht alle Gebäude sofort abgerissen werden

Ein Problem, sagt Lämmle, sei die schlechte Substanz der meisten Gebäude, Böden seien durch die langjährige Nutzung der Diakonie-Gärtnerei belastet, auch Schadstoffe wie Eternit verhinderten überwiegend die Erhaltung. „Kein idealer Baugrund“, attestiert Moritz Seifert dem Auengebiet, der nahe Beibach sorgt für feuchten Boden. Doch aus der ehemaligen Werkstatt „mit soliden Betonstrukturen“ etwa könne man was machen, meint er. Ein wenig lässt sich hier und in der einstigen Mensa noch Leben spüren. Wasser und Strom sind längst gekappt, aber die Küchenzeilen aus Edelstahl wirken wie frisch geputzt, kleine weihnachtliche Girlanden kleben an Fenstern. Und wären nicht inzwischen so viele Fliesen lose, fehlte auf den ersten Blick nur Wasser, um den Betrieb im Hallenbad wieder aufzunehmen. Die Turnhalle mit Sprossenwand wirkt intakt.

Vielleicht müssten ja nicht alle Gebäude sofort abgerissen werden, sinniert Architekt Seifert. „Auch Zwischenlösungen sind möglich.“ Ute Heinle hofft ebenfalls, „dass frei gedacht wird“. Und Verena Loidl lässt die vielen Eindrücke sacken. „Ich habe noch kein Bild vor Augen“ sagt sie über die Hangweide der Zukunft. Einen urbanen Raum wie diesen würde sie indes gerne mit planen. Für das neue Wohngebiet müsse schon mal kein Grund versiegelt werden. Die jetzigen Grünflächen sieht sie eines Tages als „Orte der Begegnung“. Konkret äußern die Teilnehmer der Exkursion ihre Visionen erst einmal nicht. Der „Freiraum der Planer“ soll bleiben, sagt Ute Heinle.