Baugebiete im Rems-Murr-Kreis Der Traum vom bezahlbaren Wohnen
Im Rems-Murr-Kreis fehlen laut Schätzungen rund 5000 bezahlbare Wohnungen. Was wird dagegen unternommen? Eine Rundschau über ausgewählte Baugebiete im Kreis.
Im Rems-Murr-Kreis fehlen laut Schätzungen rund 5000 bezahlbare Wohnungen. Was wird dagegen unternommen? Eine Rundschau über ausgewählte Baugebiete im Kreis.
Fellbach - Wohnen ist im Speckgürtel um Stuttgart für manche Familie zum unerschwinglichen Luxusgut geworden und Wohneigentum für viele unerreichbar. Auf rund 5000 hat der Kreis schon vor einiger Zeit die Zahl der fehlenden erschwinglichen Wohnungen geschätzt. Zumindest die größeren Kommunen legen deshalb längst großen Wert darauf, Baugebiete in Eigenregie zu entwickeln und dafür zu sorgen, dass auch diejenigen zum Zuge kommen, die am Markt ansonsten keine Chance haben. Dort, wo Kommunen selbst Bauplätze vergeben, entscheiden inzwischen oft Vergabekriterien mit Punktewertung über den Zuschlag im Einzelfall – mit Pluspunkten etwa für den Wohnsitz im Ort, für Kinder in jungem Alter oder für ehrenamtliches Engagement. Wo Bauträger als Gesamtinvestoren zum Zuge kommen, werden Quoten für erschwingliches Wohnen oder von der Kommune belegbare Sozialwohnungen vorgegeben. Fünf Beispiele aus dem Kreis:
Unter dem Oberbegriff Wohnen Süd sind drei große Wohnbau-Entwicklungsflächen im Süden von Fellbach zusammengefasst: das alte Freibadgelände an der Untertürkheimer Straße, das Gelände des ehemaligen Hallenbads in der Schillerstraße und das Areal Kühegärten/Apfelweg an der Esslinger Straße. Insgesamt sollen im Gesamtquartier gut 400 neue Wohneinheiten entstehen. Vorgesehen sind Einfamilienhäuser, Doppel- und Reihenhäuser und Stadthäuser mit zwei bis vier Geschossen.
Nachdem vor fast genau einem Jahr der Startschuss für die Bauarbeiten auf dem ehemaligen Hallenbadareal in der Schillerstraße fiel, sind die Arbeiten dort mittlerweile in vollem Gang. Pünktlich zum Jahrestag wurde am vergangenen Montag der Kran aufgestellt, der die in Kürze beginnenden Hochbauarbeiten ankündigt. „Urbanes Wohnen im Zentrum“ ist das Motto des Vorhabens, das vom Siedlungswerk Stuttgart realisiert wird. Es entstehen 58 Wohnungen, davon zehn Eigentumswohnungen, 24 geförderte und 24 freie Mietwohnungen als Wohnungsmix mit Zwei- bis Fünfzimmerwohnungen. Die Fertigstellung ist für Ende des Jahres 2023 vorgesehen.
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Im nahe gelegenen Gebiet Kühegärten/Apfelweg werden etwa 85 Wohneinheiten als verdichtete Einfamilienhäuser, Doppel- und Reihenhäuser und Stadthäuser mit zwei bis drei Geschossen geplant. Der städtebauliche Wettbewerb ist abgeschlossen, derzeit laufen die Vorbereitungen für das Umlegungsverfahren und das Bebauungsplanverfahren. Anschließend erfolgt die Erschließung. Start für die Hochbauarbeiten wird wohl erst 2026 sein. Die Mehrzahl der Grundstücke hier befindet sich auch nach der Umlegung in privatem Eigentum. Auf dem Areal des Alten Freibads an der Untertürkheimer Straße werden etwa 270 Wohneinheiten entstehen, zudem ein Kindergarten und Seniorenpflegeeinrichtungen. Geplant sind Zwei- bis Fünfzimmerwohnungen als Eigentums-, freie und zu 34 Prozent als geförderte Mietwohnungen. Die – auch an soziale Kriterien gebundene – Vergabe der Grundstücke soll noch im kommenden Jahr starten. Abbruch und die Erschließung des in mehrere Baufelder unterteilten Areals folgen ab dem Jahr 2023, die sukzessive Bebauung ist ab 2025/26 möglich.
Auf der Hangweide, einem etwa acht Hektar großen Areal einer ehemaligen Einrichtung der Diakonie Stetten in Kernen im Remstal, entwickelt eine Projektgemeinschaft ein neues Wohnquartier für mehr als 1000 Menschen. Nach einer umfassenden Bürgerbeteiligung hatte die Projektgemeinschaft zusammen mit der IBA’27 einen Städtebauwettbewerb gestartet, den im Herbst 2020 das Stuttgarter Büro UTA Architekten und Stadtplaner zusammen mit Sima/Breer Landschaftsarchitektur aus Winterthur für sich entschieden haben. Das Konzept sieht als Leitbild ein dicht bebautes Urbanes Dorf vor: eine Kombination aus städtischem und dörflichem Leben mit unterschiedlichen Wohnformen und Eigentumsverhältnissen. Das Leitbild selbst baut auf zwei Säulen auf: dem Städtebau mit klassischen Elementen eines Dorfs, verknüpft mit einer modernen Quartiersorganisationsstruktur. Ziel ist es, ein Modell für ein neues solidarisches und gemeinschaftliches Zusammenleben im urbanen Raum zu entwickeln. Hinzu kommen Flächen für Nahversorgung, Gewerbe und Gemeinschaftseinrichtungen, eingebettet in großzügige öffentliche Freibereiche.
Gerade auch der genossenschaftliche Ansatz im Urbanen Dorf und der damit verbundene soziale Ansatz für bezahlbares modernes Wohnen mache das Projekt zu einem der reizvollsten der IBA-Vorhaben, sagte der IBA-Intendant Andreas Hofer. Es habe womöglich sogar das Potenzial für ein „Weißenhof des 21. Jahrhunderts“.
Was die Vergabe der Grundstücke angeht, hat Kernen dieser Tage beim Baugebiet Tulpenstraße eine Art Testlauf gestartet. Dort wurde für einen Investorenwettbewerb ein Festpreis für den Grund festgelegt, der letztlich die Kosten auf 850 Euro je Quadratmeter begrenzt. Bei der Zuteilung wurde ein Kriterienkatalog mit Pluspunkten für Wohnsitz in Kernen, soziale Kriterien und ehrenamtliches Engagement verwendet.
Auf 8,8 Hektar Fläche im teils bereits bezogenen Winnender Baugebiet Adelsbach I am Stadtrand in Richtung Hertmannsweiler werden 100 Einfamilienhäuser und 150 Wohnungen in Mehrfamilienhäusern sowie 45 Pflegeplätze und zwölf betreute Wohnungen für Senioren entstehen. Das ergibt Wohnraum für rund 650 Menschen. Der noch nicht in Angriff genommene Abschnitt Adelsbach II umfasst ebenfalls 8,8 Hektar. Hier werden 109 Einfamilienhäuser und 253 Wohnungen in Mehrfamilienhäusern, Einfamilienhäusern, Doppelhäusern und Reihenhäusern entstehen. Die Stadt hat ihre sechs Bauplätze für Doppelhaushälften in Adelsbach I für 600 Euro je Quadratmeter voll erschlossen verkauft. Dieser Preis war gerade kostendeckend. Private Bauplätze gleicher Größe wurden für rund 20 Prozent mehr verkauft. Es gibt noch ein Grundstück, auf dem die Stadtbau Winnenden ein Mehrfamilienhaus mit acht Wohnungen für gemischtes soziales Wohnen erstellen wird.
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Im Zuge eines Umlegungsverfahrens hat jeder Grundstückseigentümer im Baugebiet Adelsbach II Anspruch auf Zuteilung eines gleichwertigen Bauplatzes. Die Stadt kann ein Vorkaufsrecht ausüben. Vor Abschluss des Umlegungsverfahrens sind die Zugangsvoraussetzungen für Dritte somit stark begrenzt. Zur Schaffung von bezahlbaren Wohnungen oder Sozialwohnungen ist ab einer Geschossfläche von 500 Quadratmetern auf mindestens 20 Prozent dieser Fläche sozialer Wohnungsbau verpflichtend. Bedacht werden soll im Gebiet Adelsbach II auch, was modernes Wohnen in zehn Jahren bedeutet. Dort sollen unter anderem Tiny Houses mit Wohnflächen zwischen 20 und 120 Quadratmetern gebaut werden können.
Im Schorndorfer Baugebiet Obere Straßengärten liegt der Kaufpreis für die Grundstücke bei 680 Euro pro Quadratmeter für Bauplätze im äußeren Ring und bei 650 Euro für solche im inneren Ring. Enthalten sind die Erschließungskosten. Die Grundstücksgrößen liegen zwischen 230 und 525 Quadratmeter. Sie müssen, so die Vorgabe der Stadt an die Erwerber, innerhalb von drei Jahren nach Vertragsabschluss bebaut sein.
Zudem wird die Einhaltung der Kriterien zum klimaneutralen Bauen im Kaufvertrag abgesichert. Die Vergabe der Grundstücke erfolgt unter Zuhilfenahme eines Pluspunktesystems mit Kriterien wie kommunaler Verbundenheit, Kinder oder zum Beispiel ehrenamtliches Engagement.
In Alfdorf sollen langfristig im Neubaugebiet Löhgang am nördlichen Ortsrand etwa 60 Wohneinheiten entstehen. Für das weitgehend in Privatbesitz befindliche Areal findet eine Umlegung statt, bei der sich die Kommune auch einige Grundstücke sichern will, um bezahlbaren beziehungsweise sozialen Wohnraum zu ermöglichen.
Bis die Erschließung komplett in Angriff genommen werden könne, werde es wohl noch drei bis vier Jahre dauern, sagt Bürgermeister Ronald Krötz. Durch die Pandemie und andere bauliche sowie finanzielle Problemstellungen sei die Entwicklung des Baugebiets etwas in den Hintergrund geraten, sagt Krötz weiter.
Klar sei aber auch, dass die Bauplätze erst nach und nach in längerfristiger Perspektive bebaut werden. Nebenbei gebe es in Alfdorf ja auch noch etwa 80 unbebaute Grundstücke – Stichwort Enkelgrundstück-Problematik und Bauland als Geldanlage oder Absicherung.