Baugemeinschaft in Herrenberg Heimat nicht nur für Kreative

Das überdachte Atrium ist ein Blickfang des Baugemeinschafts-Hauses. Foto: factum/Granville
Das überdachte Atrium ist ein Blickfang des Baugemeinschafts-Hauses. Foto: factum/Granville

Kreative Freiberufler sind hier genauso willkommen wie Menschen mit Pflegebedarf: in Herrenberg errichtet eine Baugemeinschaft ein ganz besonderes Gebäude.

Böblingen: Kata Kottra

Herrenberg - Die Idee von sogenannten Coworking Spaces ist seit einigen Jahren bekannt: Freiberufler, die nicht zu Hause im eigenen Saft schmoren wollen, mieten sich einen Schreibtisch in einem gemeinschaftlich genutzten Büro. Die Idee kommt aus Berlin, wo vor sechs Jahren das „Betahaus“ eröffnet hat. Auch in Stuttgart unterhält der Unternehmer Harald Amelung zwei Gemeinschaftsbüros. Bislang verbindet man diese vor allem mit Großstädten – doch bald könnte Amelung seine Idee auch nach Herrenberg mit seinen 30 000 Einwohnern exportieren.

Der Unternehmer steht in Verhandlungen mit der Baugemeinschaft auf dem Gelände der früheren Stadtwerke. Dort entstehen zur Zeit zwei Gebäude mit 55 Wohnungen und vielen Gemeinschaftsräumen. In den energiesparsamen Häusern sollen Menschen aller Generationen zusammenleben. Sie sollen die Gelegenheit haben, sich im gemeinschaftlich betriebenen Café, in der Waschküche oder im Fitnessstudio zu treffen und sich auch gegenseitig zu unterstützen – bei Besorgungen, bei der Kinderbetreuung oder der Pflege.

In einer besonderen WG sollen acht Menschen wohnen

„Die Idee von Coworking Spaces, in denen jeder seine Fähigkeiten mit einbringt, passt sehr gut zu unserer Baugemeinschaft“, erklärt Elisabeth Janthur, die das Projekt betreut. Der Unternehmer Amelung könnte sich in einem der Räume einmieten und etwa 15 Büroplätze anbieten. „Wir versuchen gerade herauszufinden, ob es in Herrenberg einen Bedarf gibt“, sagt Amelung. „Bei einer ersten Online-Umfrage haben 33 Freiberufler und Firmen ihr Interesse an einem solchen Projekt signalisiert“, berichtet der Herrenberger Wirtschaftsförderer Peter Wilke. Als nächstes ist ein Treffen zwischen dem Investor und den Interessenten geplant.

Doch am Mittwoch feiert die Baugemeinschaft erst einmal Richtfest. Noch hängen Kabel aus den Wänden, doch neben dem Coworking Space nehmen auch viele andere Projekte langsam Gestalt an. So wie eine besondere Wohngemeinschaft (WG) für acht Menschen, ebenfalls koordiniert von Elisabeth Janthur. Als „Pflege-WG“ möchte sie das Vorhaben keineswegs bezeichnen. Janthur möchte ein bezahlbares Wohnangebot für Menschen schaffen, die sich keine komplette Wohnung in der Baugemeinschaft leisten können. „Ein Zimmer in der WG kann man sich schon für knapp 400 Euro im Monat mieten“, sagt sie. Die WG soll außerdem auch Menschen ein selbstständiges Leben ermöglichen, die teilweise auf Hilfe angewiesen sind.

Der jüngste Bewohner ist erst vier Wochen alt

Bislang gebe es zwei Interessenten: eine rüstige ältere Dame sowie einen jungen Mann mit einer chronischen Krankheit – seine Eltern werden ebenfalls in eine Wohnung auf dem Gelände einziehen. „Bei Bedarf können sich WG-Bewohner erst einmal gegenseitig helfen, danach kommt die Hausgemeinschaft zum Zug“, erklärt Elisabeth Janthur. „Zuletzt könnte man einen ambulanten Pflegedienst organisieren.“

Dass ältere Menschen von ihren Nachbarn unterstützt werden, ist ein Prinzip, das für die gesamte Hausgemeinschaft gelten soll. Voraussetzung dafür ist eine gute Mischung zwischen älteren und jüngeren Bewohnern. „Der Jüngste unserer zukünftigen Bewohner ist momentan vier Wochen alt, der Älteste 87 Jahre“, sagt Janthur. „Doch der Schwerpunkt liegt in der Altersgruppe der über 50-Jährigen.“ Drei große Wohnungen hat die Baugemeinschaft deshalb freigehalten, obwohl es schon ältere Interessenten gegeben hätte: sie sind für junge Familien mit Kindern reserviert.

Baugemeinschaften bauen billiger

Baugemeinschaften liegen im Trend. Ein Vorteil dieses Modells liegt darin, dass die Kosten für eine Wohnung ohne Bauträger geringer sind. Viele Menschen schätzen auch den gemeinschaftlichen Aspekt: gemeinsam genutzte Räume wie Cafés oder Fitnessräume werden von Anfang an eingeplant.

Der Stuttgarter Architekt Rainfried Rudolf hat in Herrenberg nicht nur das Gebäude auf dem früheren Stadtwerke-Gelände, sondern auch das 2011 eröffnete „Haus Weitblick“ entworfen. Sein neuestes Projekt ist der „Lichtbau“ im Zentrum Holzgerlingens – dort sollen 28 Wohnungen entstehen.

Auch die Stadt Böblingen hat in zentraler Lage 3500 Quadratmeter für Baugemeinschaften ausgewiesen. Unweit des Oberen Sees entstehen gleich drei Wohnprojekte mit insgesamt 20 Wohnungen. Die Nachfrage nach den Immobilien ist groß: sämtliche Wohnungen sind bereits verkauft.




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