Baukrise Rettet Gebäudetyp E die Baubranche?
Gesetzliche Vorgaben und die Ängste vieler Mitarbeiter in den Baubehörden verhindern schnellere und kostengünstigere Bauvarianten.
Gesetzliche Vorgaben und die Ängste vieler Mitarbeiter in den Baubehörden verhindern schnellere und kostengünstigere Bauvarianten.
Prinzipiell sind sich alle einig: Bauen muss schneller, flexibler und günstiger werden. Auf dem Weg dahin hat zuletzt ein Vorschlag der bayerischen Architektenkammer für Schlagzeilen gesorgt: Um das Bauen zu vereinfachen und trotzdem klimagerecht und flächenschonend Wohnraum zu schaffen, haben die Experten die Idee eines neuen Gebäudetyps E vorgelegt. Das E steht dabei für experimentell und einfach. Dieser Gebäudetyp könnte die bisherigen Gebäudeklassen ergänzen und Bauen jenseits bestehender Standards ermöglichen.
Klingt verlockend. Deshalb wollte Cindy Holmberg, stellvertretende Fraktionsvorsitzende und Sprecherin für Bauen und Wohnen der Grünen im Landtag, bei einem Fachgespräch die Frage klären, ob der Gebäudetyp E eine Lösung auch für Baden-Württemberg sein könnte – und welche Schritte dafür notwendig wären. Denn für Holmberg steht fest: „Alle Menschen im Ländle müssen bezahlbaren und passenden Wohnraum finden. Damit das gelingt, müssen wir alle Möglichkeiten in Betracht ziehen.“
Allerdings: Große Einflussmöglichkeiten haben die Landespolitiker nicht. Denn Baurecht ist Bundesrecht. Auch der Einfluss des Landes auf die gängige Genehmigungspraxis der Kommunen, die eigene Anforderungen formulieren können, ist begrenzt. Dabei ist das existierende Baurecht, das hat das Fachgespräch gezeigt, noch das kleinere Problem: Andrea Lindlohr, parlamentarische Staatssekretärin im Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen, betonte, dass angesichts der drohenden Baukrise die Bereitschaft in der Justizministerkonferenz der Länder und im Bundesjustizministerium wachse, auf überflüssige Vorgaben zu verzichten. Entsprechende Vorschläge sollen im Herbst diskutiert werden.
Davon gibt es etliche. Andrea Gebhard, die Präsidentin der Bundesarchitektenkammer, spricht von 3600 Normen, die Architekten beim Bau von Wohnungen berücksichtigen müssen. Dass diese Liste kräftig durchforstet gehört, davon ist Markus Miller, Präsident der baden-württembergischen Architektenkammer, überzeugt: „Wir haben uns in der Vergangenheit eine Menge Standards geleistet, die das Bauen teuer machen und die nun in der Krisenzeit die Bauwirtschaft abzuwürgen drohen.“
Allerdings bremst die Sorge vieler Verantwortlicher in den Baubehörden, sich beim Verzicht auf geltende Standards juristisch angreifbar zu machen, viele der Vereinfachungsbemühungen. Thomas Auer, Leiter des Lehrstuhls für Gebäudetechnologie und klimagerechtes Bauen an der TU München, stellt immer wieder fest, dass Kommunen zusätzlich zu den vorhandenen Normen weitere beschränkende und zudem teure Vorgaben machen. Auer: „Oft wird die 150-Prozent-Lösung angestrebt.“ Dabei müsse auch die Frage im Mittelpunkt stehen, was sich rechne – und was sich eben nicht rechne.
Als Beispiel für unsinnige und die Baukosten nach oben treibende Auflagen nennt Auer die Forderung der Stadt Stuttgart, dass Schulgebäude maschinell gelüftet werden müssten. Wissenschaftlich gebe es für diese Auflage, die in der Coronazeit entstanden sei, keinen Grund. Dennoch bestehe die Stadt auf dem aufwendigen Verfahren.
In Sachen Fluchtwege hat Tobias Schwarz besondere Erfahrungen gemacht. In acht Städten hat der Brandschutzexperte typgleiche Asylunterkünfte gebaut: „In jeder Kommune habe ich dafür andere Auflagen zum Brandschutz erhalten.“
Gepaart mit der Angst vieler Verantwortlicher, etwas falsch zu machen, wird es wohl noch eine lange Zeit dauern, eher der Dschungel aus Normen und anderen Vorgaben durchforstet – und der Weg zum Gebäudetyp E frei ist. Entsprechend ernüchtert fiel das Fazit von Cindy Holmberg aus: „Unser Ziel bleibt es, schneller und einfacher zu bauen. Aber das ist nicht einfach.“
Problem
Bauen wird immer komplizierter, langsamer, teurer und gleichförmiger. Dabei sollte es einfacher, schneller, günstiger und auch architektonisch abwechslungsreicher werden. Die IBA Stuttgart 27 will das beweisen.
Lösungsvorschlag
Doch will man sich an alle Regeln halten, sind architektonische Innovationen kaum umsetzbar. Gegen dieses Dilemma schlagen die Architektenkammern einen neuen Gebäudetyp E vor.