Baukultur am Neckar Für diese fünf Architektur-Highlights wurde Nürtingen ausgezeichnet

Das Vordach über dem neuen Eingang sorgt beim Nürtinger Hölderlingymnasium für Spannung und vermittelt zwischen Innen und Außen. Foto:  

Vier Gebäude und auch ein Platz in Nürtingen sind von der Architektenkammer Baden-Württemberg ausgezeichnet worden. Spannende Beispiele für eine gelungene Baukultur.

Region: Corinna Meinke (com)

Häufig geht man achtlos an Gebäuden vorbei, aber es gibt auch Momente, in denen Architektur eine unmittelbare Wirkung entfaltet und die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Das kann passieren, wenn sich Gebäude in exponierter Lage ins Bild schieben oder ihre Entstehungsgeschichte spannend und brisant ist. In Nürtingen gibt es dafür einige Beispiele im Stadtbild. Die Architektenkammer Baden-Württemberg zeichnet regelmäßig „Beispielhaftes Bauen“ aus.

 

In Nürtingen sind im aktuellen Auszeichnungsverfahren vier Gebäude und ein Platz in den Fokus gerückt worden, um das öffentliche Bewusstsein für die Baukultur im Alltag zu schärfen. Mit den Auszeichnungen wurden bedacht die Stadt Nürtingen, die Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU) und eine private Bauherrschaft.

Diese Projekte in Nürtingen wurden ausgezeichnet

Der Ochsenbrunnen ist zentrales Element auf dem Schillerplatz. Foto: Ines Rudel

Schillerplatz Der von der Kommune und externen Planern neu gestaltete Platz schaffe es scheinbar mühelos, historisch gewachsene Bausubstanz, ein heterogenes Umfeld und einen wunderbaren Baumbestand authentisch in einen nachhaltig robusten und ästhetischen Freiraum zu transformieren, heißt es in der Begründung der Jury. Die Platten des Granitpflasters sorgten für eine großzügige Wirkung und gleichzeitig würden unterschiedliche Zonen deutlich: So sollen großformatige Platten die Umrisse des ehemaligen Stadttors deutlich machen und der Hain aus Bäumen samt Stufe und Lichtfuge heben das Kirchenplateau hervor.

Der traditionelle Ochsenbrunnen wurde mehr ins Zentrum des Platzes verschoben und sein Becken tiefer gelegt, damit die Wasserfläche besser zur Geltung kommen kann. Bäume spielen auch Richtung Süden eine Rolle, wo ein weiterer Hain den Platz einfasst. Angesichts immer heißer werdender Sommer sind die versiegelten Flächen allerdings in die Kritik geraten, nachdem bei Messungen Oberflächentemperaturen mit mehr als 60 Grad gemessen worden waren.

Das Hölderlingymnasium wurde innen und außen runderneuert. Foto: Ines Rudel

Hölderlingymnasium Auffällig ist nach der Sanierung der Schule die neue Holzfassade aus dunkel lasierter Brettschalung, die den heterogenen Baubestand verbindet. Bullaugenfenster und kreisrunde Oberlichter sorgen ebenfalls für wiederkehrende Elemente. Die energetische Sanierung, das auf Lerninseln und Clustern aufgebaute pädagogische Konzept und die Betonung der großzügigen Flächen zählen zu den Ergebnissen, die die Architektenjury überzeugt haben.

Wohnhaus statt Scheune in Nürtingen-Reudern. Foto: Ines Rudel

Wohnhaus Diesmal haben es im Kreis Esslingen nur wenige Wohngebäude in die Auswahl für das Auszeichnungsverfahren Beispielhaftes Bauen geschafft. Das liegt laut Jury auch am zunehmenden Fokus auf das nachhaltige Bauen mit Holz, das in hiesigen Breiten allerdings noch nicht so verbreitet ist. Immerhin im Nürtinger Teilort Reudern gibt es ein Beispiel, das es den Jurorinnen und Juroren angetan hat. Die Rede ist von einem Wohnhaus im Holzrahmenbau, das eine Scheune in Verlängerung eines Bestandsgebäudes ersetzt.

Ganz unauffällig reiht sich das neue Haus aus dem Jahr 2019 in den ländlich geprägten Straßenzug ein, auch weil es die Höhen von Sockel, Traufe und First des elterlichen Nachbarhauses übernimmt. Allein die Materialität ist eine deutlich andere, denn die Fassade ist mit Holzlatten aus gehobeltem Lärchenholz ausgeführt und das Bitumensteildach mit Schiefer belegt.

Entstanden ist „in Größe, äußerer Gestalt und Materialwahl eine Reminiszenz an den Vorgängerbau und als zeitloses Gebäude mit kleinem Fußabdruck und großer Ausstrahlung ein beispielhaftes Einfamilienhaus“, lautet die Bewertung der Fachleute, die auch die ökologischen Auswirkungen des Neubaus beleuchtet.

Alt und neu in enger Verbindung beim Informationszentrum der Nürtinger Hochschule. Foto: Ines Rudel

Informationszentrum Die HfWU hat 2019 ihr neues Gebäude am Campus Innenstadt eröffnet, das nun mehrere Bibliotheksstandorte vereint und zusätzliche Seminar- und Arbeitsräume bietet. Der kompakte fünfgeschossige Bau trete an dem sensiblen Ort trotz seines ungewöhnlich großen Bauvolumens nicht in Konkurrenz zu der historischen Umgebung, schreibt die Jury, sondern ergänze diese überraschend harmonisch.

Lob gibt es auch für die sandfarbene Klinkerfassade mit ihren hellen Sichtbetonbändern, für die warmen Holztöne der Wandverkleidung im Innern sowie die „hervorragenden akustischen Eigenschaften“, die zum „konzentrierten Arbeiten einladen“.

Das Hölderlinhaus belebt den Schlossberg mit Kultur und Bildungsangeboten. Foto: Horst Rudel

Hölderlinhaus Von einer „zukunftsweisenden Herangehensweise“ ist bei der Beschreibung des Hölderlinhauses am Nürtinger Schlossberg die Rede. Weil nach dem in der Stadtgesellschaft teils heftig kritisierten, aber von Verwaltung und Gemeinderatsmehrheit gebilligten Teilabriss des ehemaligen Wohnhauses der Familie Gok-Hölderlin von der alten Bausubstanz nicht mehr viel übrig war, entstand ein Haus im Haus. Es wurde als Holzhybridbau realisiert.

Der Neubau übernehme die Raumstrukturen der barocken Grundmauern, schreibt die Jury. Das Haus dient nun als Bildungszentrum am Schlossberg und vereint Räume der Volkshochschule sowie der Jugend- und Kunstschule. Überregionale Bedeutung strebt die multimediale Dauerausstellung „Hölderlins Bildungswege und Nürtingen“ in den ehemaligen Wohnräumen der Familie des Literaten an.

Der Keller des Hölderlinhauses in Nürtingen wurde original erhalten

Wo früher Wände die Belle Etage gliederten, bieten abwechselnd transparente und opake Wände aus Textil überraschende Aus- und Einblicke. Das Gebäude mit seinem beschichteten Dach aus Aluminium, das im Vergleich zum Vorgängerbau mehr Volumen aufweist, hebe sich vom Umfeld ab, passe sich aber gleichzeitig harmonisch in den städtischen Kontext ein und schaffe einen attraktiven Eingang für die Altstadt. „In der Formensprache verschmelzen Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit“, ist in der Bewertung zu lesen. Und auch die Sanierung des Gok’schen Kellers sei bemerkenswert.

Noch mehr prämierte Objekte

Auszeichnung
 Unter Schirmherrschaft des hiesigen Landrats hat die Architektenkammer Baden-Württemberg im Landkreis Esslingen erneut das Auszeichnungsverfahren „Beispielhaftes Bauen“ ausgelobt. Insgesamt wurden 96 Arbeiten eingereicht, darunter 27 öffentliche Bauten, 29 Wohngebäude, 13 Industrie- und Gewerbebauten , 14 Sanierungen und Umbauten sowie sieben städtebauliche Arbeiten und fünf Innenraumgestaltungen.

Archiv
 Noch mehr Beispiele für prämierte Objekte in den Landkreisen in Baden-Württemberg sind im Netz zu finden.

www.akbw.de/baukultur/beispielhaftes-bauen 

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