Mit robusten Schutzschuhen ausgerüstet, einer grellfarbigen Warnweste um die Schultern und einem Helm auf dem Kopf geht es mit Anastasia Beletskaya über die Leonberger Bosch-Baustelle. Im Bereich Post- und Römerstraße errichtet der Technologiekonzern derzeit sein neues Entwicklungszentrum für autonomes Fahren.
Im Januar 2024 soll das Entwicklungszentrum fertig sein
Auf dem etwa 40 000 Quadratmeter großen ehemaligen Hofmeister-Gelände, das vielen noch als Möbel Mutschler ein Begriff ist, wurde in den vergangenen Monaten ein sechsstöckiges, gut 26 Meter hohes Bürogebäude hochgezogen, das von Nord nach Süd terrassenförmig nach unten verläuft. „Im Januar 2024 soll es fertig sein“, sagt Beletskaya. Sie ist sowohl Bauleiterin als auch seit Ende vergangenen Jahres Projektleiterin des gesamten Campus, der gerade entsteht. Sie betreut also parallel den Bau der geplanten Gebäude entlang der Benzstraße auf der gegenüberliegenden Seite, wo derzeit ein große Loch klafft und später eine Betriebskantine, Konferenzräume, Messlabore und auch ein Parkhaus entstehen sollen. Damit hat sie noch mehr Verantwortung übertragen bekommen. „Das ist für mich quasi eine Beförderung“, sagt die hochgewachsene Frau, die ruhig und besonnen wirkt. Als Bauleiterin verantwortet sie mit anderen externen Kollegen die gesamte Baustelle, als Projektleiterin koordiniert sie zudem einzelne Arbeitsbereiche und Teams und muss den Überblick über die beteiligten Gewerke behalten.
Die gesamte Fassade des neuen Entwicklungszentrums besteht aus Fensterelementen. Licht durchflutet alle Räume, von innen hat man einen Rundumblick auf das Leonberger Gewerbegebiet. In Kürze soll der Teppichboden verlegt werden, obwohl überall noch Gerüste stehen und überall fleißig gearbeitet wird. „Die Räume haben keine rechten Winkel, das war eine große Herausforderung und hat viel Planungszeit gekostet“, sagt Beletskaya. Ein Mitarbeiter eines Sub-Unternehmens spricht die 34-Jährige in englischer Sprache an und bittet um einen persönlichen Rat. „Die Leute wissen, dass sie immer auf mich zukommen können. Das ist mir lieber, als alles per Mail zu beantworten, und es geht auch schneller“, sagt die 34-jährige Projektleiterin mit russischem Akzent.
Anastasia Beletskaya ist in Moskau aufgewachsen. Nach der Schule wollte sie eigentlich Journalismus studieren. „Meine Mutter hat mir aber davon abgeraten, also habe ich mir meinen Bruder zum Vorbild genommen und mich an der Uni für Bauingenieurswesen eingeschrieben. Ich träumte auch immer davon, einmal Bauleiterin zu sein.“ Nach dem Abschluss arbeitete sie drei Jahre lang in Moskau als Planerin in einer Firma mit deutscher Geschäftsführung. 2013 wechselte sie in ihrer Heimatstadt zu ihrem heutigen Arbeitgeber Bosch, realisierte dort erstmals zwei große Projekte. „Das war zu Beginn eine große Herausforderung für mich“, sagt Beletskaya. Das habe aber nichts mit der Tatsache zu tun, dass Männer die Baubranche dominierten. „Ich war allerdings sehr jung und unerfahren, hatte mit Menschen aus verschiedenen Kulturen zu tun und musste mir erst einmal Gehör verschaffen.“ Was sie schnell lernte: „Probleme löst man mit Kommunikation, dann öffnen sich die Menschen, das macht vielleicht auch den Unterschied zum Führungsstil der Männer aus, die anders miteinander umgehen.“
Die bisher größte Herausforderung
Im Jahr 2016 bekam sie bei Bosch ein Projekt in Deutschland angeboten. „Hierher zu kommen und ein neues Leben zu beginnen, weit weg von der Familie, war für mich die bisher größte Herausforderung“, sagt die Russin. Sie wagte den Schritt, betreute unter anderem den Bau des Rechenzentrums in Schwieberdingen, das Ende 2020 fertiggestellt wurde.
Das Leonberger Entwicklungszentrum ist nun ihr drittes großes Projekt. Als sie nach Deutschland kam, musste sie erst einmal die deutsche Sprache lernen. Jeden Abend nach der Arbeit paukte sie Vokabeln, zweimal die Woche besuchte sie einen Sprachkurs. „Deutsch ist für Ausländer eine sehr schwere Sprache, glücklicherweise bin ich sehr zielstrebig, sonst hätte ich vielleicht aufgegeben“, sagt sie in gutem Deutsch.
Wohin es Anastasia Beletskaya verschlägt und wo dann das nächste Projekt auf sie wartet, wenn das Entwicklungszentrum für autonomes Fahren in Leonberg schließlich fertiggestellt ist, weiß sie aktuell noch nicht. „Es kann überall auf der Welt sein – dort, wo Bosch baut.“