Bauleiterin Julia Scheider Die junge Chefin im Porsche Design Tower

Julia Scheider in der zehnten Etage des Porsche Design Towers, die gastronomisch bespielt werden wird. Warnweste und Sicherheitsschuhe müssen noch sein, die Helmpflicht ist in dieser Bauphase schon vorüber. Foto: Matthias Ring

Julia Scheider ist Bauleiterin im Porsche Design Tower am Stuttgarter Pragsattel. Nebenbei hat sie einen Lehrauftrag an der Hochschule Kaiserslautern. Wie bekommt sie das mit ihren 27 Jahren alles auf die Reihe?

Lokales: Matthias Ring (mri)

Sechszehntausend Quadratmeter oberirdische Geschossfläche, 25 Stockwerke und 90 Meter hoch – Julia Scheider arbeitet auf einer der exponiertesten Baustellen Stuttgarts. Der schönste Platz zum Feierabend ist die Terrasse in der zehnten Etage, sagt sie. Von hier kann man den Blick weit schweifen lassen über Feuerbach, rüber zu den Weinbergen beim Robert-Bosch-Krankenhaus oder Richtung Gaskessel und City. Ob die Terrasse also auch der schönste Platz für ein Feierabendbier ist? „Ach, das ist nicht mehr so, wie es früher vielleicht einmal war“, sagt Julia Scheider.

 

Früher war es aber auch nicht selbstverständlich, dass eine 25-jährige Frau die Bauleitung für eine Großbaustelle wie der des Porsche Design Towers am Pragsattel hat. So alt war die heute 27-jährige Julia Scheider, als sie ihren Job bei Drees & Sommer begonnen hat. Das Projektentwicklungsunternehmen mit Hauptsitz in Stuttgart und insgesamt 4500 Mitarbeitern realisiert den Tower im Auftrag von Porsche und der Bülow AG als Bauherr.

Eine glatte Eins für die Masterarbeit

Bei der Senior-Baumanagerin Julia Scheider muss man wohl von einer Doppelblitzkarriere sprechen, denn seit dreieinhalb Jahren hat sie zudem einen Lehrauftrag an der Hochschule Kaiserslautern. Als Streberin kann man sie dennoch nicht bezeichnen. Schule sei „Quatsch“ für sie gewesen, sagt sie: „Ich habe mein Fachabi nur gemacht, weil ich wusste, ich möchte Architektur studieren. Dafür konnte ich mich motivieren.“ Bereits als Kind wusste sie, was sie wollte. Ihr Vater ist Architekt, die Mutter Ernährungsberaterin, die Brüder machen als Winzer und Mechatroniker in einem Rennsportteam etwas ganz anderes. Julia Scheider aber begeistert sich schon immer für Architektur, für „die Ästhetik und was das mit den Menschen macht, die sich darin bewegen“.

Also begann Julia Scheider, die aus Landau stammt, gleich nach ihrem Fachabitur in Kaiserslautern mit dem Architekturstudium. Am Ende gab’s zur 1,0 für ihre Masterarbeit noch einen Bonus: Im Nachgang kamen die beiden Professoren auf sie zu und fragten, ob sie sich einen Lehrauftrag vorstellen könne. „Das hatte ich als Option gar nicht in meinem Kopf“, sagt Julia Scheider, die seitdem einmal die Woche in den Fächern computergestützte Gestaltungsmethoden und Darstellen und Gestalten unterrichtet. Für ihren Arbeitgeber Drees & Sommer bedeutet dies: Freitags ist sie nie da. Aber das sei als 80-Prozent-Stelle von vornherein klar gewesen.

Meistens sagt sie „wir“

Schon während ihres Studiums habe sie parallel auf der Baustelle gearbeitet beziehungsweise: Julia Scheider formuliert es umgekehrt – sie habe „parallel studiert“. Die Grundlagen im Studium seien wichtig, „aber was man in derselben Zeit auf der Baustelle lernt, ist viel größer“. Vier Jahre lang pendelte sie zwischen Kaiserslautern und Stuttgart. „Ich möchte erst sehen, wie etwas gebaut wird, bevor ich zeichne, wie es gebaut werden soll“, sagt sie. Bestes Anschauungsmaterial war die John-Cranko-Schule, die sie bis zur Fertigstellung begleitete: erst als Werkstudentin, dann fest angestellt im Team der Bauleitung. Mit ihrem damaligen Vorgesetzten ist sie dann fürs Projekt Porsche Design Tower zu Drees & Sommer gewechselt.

Wenn man sich eine Arbeitspyramide ausmalen würde, dann stünde Julia Scheider ganz weit oben. Aber sie mag das Bild nicht und sagt: „Die letzte Instanz ist der Bauherr. Und mein Job ist es, ihm möglichst viel abzunehmen, damit er nicht ständig auf der Baustelle rumspringen muss.“ Wobei sie meistens „wir“ sagt und damit ihr siebenköpfiges Team im Baubüro meint. Weil auf dem Baugelände nur neun Container für sanitäre Anlagen und als Aufenthaltsmöglichkeit für die Monteure Platz haben, wurden für die Bauleitung 200 Meter die Leitzstraße runter Büroräume in einem Business-Center angemietet. Auch wenn es im Baucontainer wie in einem Taubenschlag zugehen könne – „die Nähe zur Baustelle habe ich ganz gerne“, sagt Julia Scheider. Im Business-Center kann sie dafür in Ruhe arbeiten.

Die Möblierung ist Sache der Mieter

Die Hälfte ihrer Arbeitszeit ist sie ohnehin auf der Baustelle unterwegs. 4000 Schritte täglich, wie sie schätzt, denn: „Man läuft mehr als man fährt.“ Die Aufzüge im Porsche Design Tower werden häufig für Materialtransporte genutzt. Es ist spannend zu sehen, wer einem womit begegnet, wenn sich die Tür öffnet. Und beim Ausstieg aus dem Aufzug spannend zu hören, welchen Sound dieser Floor hat. Je nach Musikgeschmack der Monteure von „Lambada“ aus dem Radio bis zu Hip-Hop via Smartphone.

Die zehnte Etage mit ihrem künftigen Restaurantbereich sieht noch recht roh aus. Die oberen Stockwerke, wo die Zimmer des Radisson-Blu-Hotels sein werden, sind schon weiter. Im Flur in der zwölften Etage wurde gerade der Estrich verlegt. Am fortgeschrittensten sind die unteren Büroetagen, worauf auch ein Schild im Aufzug hinweist: „5. Etage nur mit Überziehschuhen!“ Dort liegt bereits Teppich. Beim Blick ins Großraumbüro sagt Julia Scheider: „Die Kollegen da drüben machen schon die EDV-Verkabelung.“ Ansonsten: Installationsschächte verputzen, Dosen setzen, Teppich abarbeiten, Türen einstellen, Lüftung in Betrieb nehmen, Jalousien prüfen – dann ist der Drees-&-Sommer-Job an dieser Stelle erledigt. Die Möblierung ist Sache der Mieter, auf dieser Etage der Porsche Consulting GmbH.

Mehr als 100 Arbeiter und bis zu 25 Firmen

Das Projekt PDT, wie der Porsche Design Tower abgekürzt wird, sei gut im Zeitplan. Die Verzögerungen hielten sich „im üblichen Rahmen“, sagt Julia Scheider. „Corona hätte uns deutlich härter treffen können. Das liegt auch daran, dass wir in unseren Projekten immer Risikopuffer einplanen. Beispielsweise haben wir ein beim Vorstand angesiedeltes Team Engpassmanagement aufgebaut.“

Bevor sie die Zeitphasen von der Abnahme über den Ausbau, die Vergabe und Ausschreibung an beteiligte Firmen rückwärts durchgerechnet hat, musste sie sich erst einmal mit den verschiedenen Anforderungen beschäftigen. „Was sagt die Baugenehmigung, wie sehen die Hochhausrichtlinien aus, was steht im Brandschutzgutachten?“ Das sei „ganz klassisch ein Projekt aufsetzen“, bei dem auch früh geklärt werden müsse: „Wie viele Leute brauche ich in welchem Zeitraum?“

Im PDT sind phasenweise mehr als 100 Arbeiter und bis zu 25 Firmen mit ihren Projektleitern und Polieren im Einsatz, die mit Lean Construction Management, einem „agilen Terminplanungstool“, wie Scheider erklärt, alle aufeinander abgestimmt werden müssen. Lüftungsbauer, Heizungsbauer, Trockenbauer. Zweimal die Woche mache man gemeinsam Baubegehungen, um dann sagen zu können: „Okay, die Decke muss einen Zentimeter weiter runter, damit das mit der Lüftung läuft.“

Immer mehr Frauen auf den Baustellen

Aufgabe der Bauleitung ist auch die Qualitätssicherung, „gerade, wenn ich ein hohes Risiko an Fehlerduplikationen habe“. Julia Scheider führt beispielhaft an: „Im Hotelbereich haben wir 168 Zimmer. Wenn wir auf einer Etage anfangen und wir würden nicht merken, dass wir etwas falsch machen, dann würden wir den Fehler 168-mal machen.“ Deswegen: „Frühzeitig alles dokumentieren, damit man nicht die ganze Decke wieder aufmachen muss, wenn Fragen auftauchen.“

Der Beruf bringt also viel Verantwortung mit sich, aber: „Ich wäre belasteter, wenn ich irgendwo acht Stunden am Tag in der Ecke hocken würde.“ Dass sie eine junge Frau ist, die auf der Baustelle auch mit Monteuren aus anderen Kulturkreisen zu tun hat oder mit Projektleitern mit 30-jähriger Expertise, habe noch „zu keiner einzigen Situation geführt, in der jemand ein Problem damit hat“, sagt sie. „Es ist alles eine Frage des Auftretens und der Kommunikation auf Augenhöhe.“ Und auch der guten Vorbereitung, „denn ich will mich ja nicht auskontern lassen“. Das sei an der Hochschule Kaiserslautern, in der sie Studierende teils in ihrem Alter unterrichtet, nicht anders. Auf der Baustelle seien Frauen zwar in der Minderheit, aber „das wird in den nächsten Jahren ausgeglichener werden“. Im PDT zum Beispiel seien auch zwei junge Projektleiterinnen, die einen super Job machten. Julia Scheider sagt: „Ich freue mich über jede Kollegin, die mit ins Projekt kommt, aber genau gleichwertig wie über meine jungen männlichen Kollegen.“

Der Traum vom eigenen Haus

Für sie selbst steht schon das nächste Projekt fest: die Planung und Leitung im Q-9-Abschnitt des Neckarparks gegenüber dem Cannstatter Wasen, ebenfalls für die Bülow AG. Privat wird Julia Scheider vielleicht irgendwann auch mal ein eigenes Haus bauen oder umbauen. Derzeit lebt sie zur Miete in einer Wohnung in Esslingen. Aber ein Ausbau einer alten Scheune, das wäre schon was: „Ich mag es, wenn Dinge eine eigene Geschichte und Charakter haben, weil sie einfach mehr erzählen können als ein klassischer Neubau.“

Wie geht es in der heutigen Arbeitswelt zu? In unserer Serie beschreiben Menschen aus Baden-Württemberg, was sie an ihrem Beruf fasziniert.

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