Baumbesetzer im beschaulichen Ravensburg Kein Friede dieser Hütte

Winterdienst im Ravensburger Baumhaus. Samuel Bosch (links) und Emma Junker müssen ganz schön auf die Zähne beißen. Foto: Gottfried Stoppel

Bilder wie aus dem Dannenröder Forst ausgerechnet im klimabeflissenen oberschwäbischen Ravensburg? Es ist zwar ist nur ein einziges Baumhaus, das eine junge Aktivistengruppe errichtet hat. Aber die Ortskräfte sind in heller Aufregung.

Politik/Baden-Württemberg: Rüdiger Bäßler (rub)

Ravensburg - Seit geraumer Zeit wird die Stadt Ravensburg durch eine Aneinanderreihung von Unhöflichkeiten aufgewühlt. Alles begann damit, dass eine Gruppe junger Leute unter Anführung des Gymnasiasten Samuel Bosch ohne behördliche Genehmigung und in der Vorweihnachtszeit ein Baumhaus am Rand der Innenstadt errichtete, um damit gegen den Klimawandel und die ungenügenden Maßnahmen der Stadt zu protestieren.

 

Dieser Schüler, betonen seither Kritiker, schleppt Konflikte herbei, die es vorher in der Stadt nicht gab. Und dann stammt der Schüler nicht einmal aus Ravensburg, sondern aus der einige Kilometer entfernten Gemeinde Schlier. Geradezu grob beantwortete die Ravensburger Polizei die Aktion am 29. Dezember. Rund 60 Einsatzkräfte, darunter SEK-Beamte und Feuerwehrleute, holten den zu dieser Stunde einsam harrenden Samuel Bosch zum Schutz des fließenden Verkehrs bei Dunkelheit vom Baum und drückten ihm dafür einen Räumungskostenbescheid über 5000 Euro in die Hand. Der junge Mann und seine Mitstreiter wiederum bauten, anstatt büßerhaft ins sich zu gehen, nur Stunden später ein neues Baumhaus an anderer Stelle, genauer: in einer Eiche in der Karlstraße, Ecke Eisenbahnstraße. Da sitzen sie bis heute.

Donnerstag Abend im historischen Ratssaal des Ravensburger Rathauses: Der CDU-Oberbürgermeister Daniel Rapp versucht den Konflikt mit Wallungspotenzial zu entschärfen. Er hat Bosch und eine Abordnung der Gruppierung Fridays for Future zum Gespräch eingeladen. Sakko ja, Krawatte nein. Noch sind die jungen Leute nicht da. Rapp, 48, will keinesfalls als Konservativer wahrgenommen werden, der Maximalforderungen junger Klimaaktivisten mild lächelnd abmoderiert. Ihm sei wichtig, „dass man miteinander spricht“, betont er. Und: „Wir wollen den jungen Leuten zeigen, dass wir schon was gemacht haben.“ 2016 bekam die Stadt den European Energy Award – mit der höchsten „Erfüllungsquote“ aller teilnehmenden baden-württembergischen Kommunen.

Dauerwache in zehn Meter Höhe

Diverse Amtschefs sitzen am ovalen Ratstisch unter der historischen Balkendecke, außerdem die Vorsitzenden der vier größten Ratsfraktionen. Mittig, gegenüber dem OB-Stuhl, hat sich mit verschränkten Armen der CDU-Fraktionsvorsitzende und Landtagsabgeordnete August Schuler platziert.

Samuel Bosch ist tags zuvor 18 Jahre alt geworden. Er und die anderen aus der Protestgruppe könnten seine Enkel sein. „Wer ist denn auf die Idee gekommen, die Medien einzuladen? Ich habe davon abgeraten“, grollt Schuler vor Veranstaltungsbeginn so laut, dass alle Gemeinten es hören können. Dann verspäten sich die jungen Leute, die diesen Termin doch als Friedensangebot hätten verstehen sollen, auch noch mit schwammigen Begründungen um mehr als eine halbe Stunde. Draußen pfeift ein Schneesturm über den zentralen Marienplatz.

Stunden vor Sitzungsbeginn prüft Samuel Bosch das Seil, an dem er sich mittels Schlaufen fast täglich ins Baumhaus hinauf hangelt. Das Dachlawinenwetter, die Minusgrade rund um die Uhr machen ihm zu schaffen bei seiner Dauerwache in zehn Metern Höhe. Ohne Handschuhe ist die Kletterei nicht mehr zu machen. Ein komfortabler Nachtschlaf ist sowieso nicht drin. Das Baumhaus besteht aus zwei Grundbalken, die mit Seilen in einer Astgabel befestigt wurden, darauf sind Paletten und eine Überdachung montiert. Vom Boden aus ist das Haus nur auf den zweiten Blick zu sehen. Am Stamm der Eiche hing eine Weile ein Plakat mit fünf Forderungen an die Stadt, aber das haben Unbekannte irgendwann abgerissen. Punkt eins lautete: „CO2-Budget zum 1,5-Grad-Limit einhalten“. Damit Ravensburg seinen Anteil am Pariser Klimaabkommen einhalten könne, sagt Bosch, müsse viel mehr passieren.

„Wir machen so lange weiter, bis die Politik handelt“

Unter seiner Strickmütze gucken lange Haare hervor. Er sieht jünger aus, als er ist. Kann sein, die Strickmütze, die robusten Outdoor-Klamotten und der Klettergurt, an dem Reepschnüre, ein Flaschenzug mit Umlenkrollen und weiteres Klettergerät hängen, sollen ihn älter wirken lassen. Später am Abend, als er den Ratssaal betritt, wird er den Gurt nicht abgelegt haben. Er sagt: „Wir machen so lange weiter, bis die Politik handelt.“ Endlich hätten sie breite Aufmerksamkeit für ihre Anliegen, endlich würden sie vom OB vorgelassen. „Bei den ganzen Veranstaltungen von Fridays for Future kam nie was.“

Mit Bosch wacht im Baumhaus Emma Junker. Die 17-Jährige wohnt bei ihren Eltern in der Gemeinde Waldburg und besucht ebenfalls ein Ravensburger Gymnasium. Bosch hat sich seine Kletterkünste bei Aktivisten im hessischen Dannenröder Forst beibringen lassen und seine Kenntnis an Junker weitergegeben. Sie klettert schnell wie er – und spricht mit diesem gleichen, beseelten Ernst, der keinen ironischen Abschweifungen Platz gibt. „Für uns gibt’s keine Alternative, weil es um unsere Zukunft geht. Wir können nicht damit leben, dass nichts passiert.“ Zwei Frauen spazieren vorbei. Eine fragt: „Braucht ihr was? Kann man euch was Gutes tun?“ Einen Tee vielleicht, antwortet die Aktivistin.

Im Rathaussaal nutzt das angegriffene lokalpolitische Establishment die Wartezeit, noch kurz die Argumentationslinien zu schärfen. Die gute Sache rechtfertige nicht das Protestmittel, sagt OB Daniel Rapp. „Man stelle sich vor, es würden irgendwelche CoronaLeugner oder Nazis in den Bäumen sitzen. Wir müssen alle gleich behandeln.“ Fraktionschef Schuler sekundiert: „Es muss wieder ein Rechtsfriede in der Stadt nach außen dokumentiert werden.“ Er schiebt hinterher: „Es gibt viele private Bäume. Die dürfen gern bei mir im Wald in die Tanne sitzen – das war jetzt humorvoll gemeint.“ Niemand lacht.

Der 18-Jährige fordert die autofreie Innenstadt

Endlich trifft die Aktivistengruppe ein. Bei ihnen Wolfgang Ertel, Professor für Künstliche Intelligenz an der Hochschule Ravensburg-Weingarten und bekannter Konsumkritiker. Der Debattenabend geht in Lichtbildvorträge über, man könnte auch sagen, er geht in ihnen unter. Die Stadt beginnt mit einer Auflistung ihrer Klimaleistungen, etwa der Sperrung eines innerstädtischen Platzes für den Verkehr oder einem Förderprogramm für Lastenräder. Baumwächter Bosch fordert die autofreie Innenstadt und den Stopp von Kiesabbauplänen im nahen Altdorfer Wald nahe der Gemeinde Vogt. Die meisten Sätze beginnt er mit: „Die Stadt muss . . .“

Wissenschaftler Ertel sagt, die Ravensburger Klimaaktivisten seien unverzichtbar für Denkanstöße, weil Kommunal- und Landesverwaltungen unfähig zur inneren Selbsterneuerung seien. Er kritisiert unter anderem die Datenqualität von CO2-Untersuchungen. Bei Sätzen, die ihm sehr wichtig sind, haut er mit der flachen Hand auf den Ratstisch.

Die Stadt sei nicht allmächtig, sagt OB Daniel Rapp einmal. Ohne das Zutun aller gebe es keinen Klimawandel. „Wir leben nicht in einer Diktatur, wo wir den Leuten vorschreiben, was sie tun sollen.“ Eine Aktivistin von Fridays for Future entgegnet: „Wir fordern nicht das maximal Machbare, sondern das minimal Notwendige.“ Und: „Ziele ohne Maßnahmen sind nichts.“

Die Stadt wird Bußgelder erlassen

In den Folgetagen gibt es Pressemitteilungen: Samuel Bosch lobt in einem Internet-Statement seiner Gruppe „einen echten inhaltlichen Austausch“, nimmt Forderungen aber nicht zurück. Die Rathausspitze verweist auf ihren 2020 ausgearbeiteten und vom Gemeinderat verabschiedeten Klimakonsens, zu dem gehört, dass sämtliche Ratsentscheidungen auf Klimafolgen abgeklopft werden.

Und nun? OB Rapp kündigt an, das Baumhaus bis zum Abschluss weiterer Rechtsbelehrungen vorerst nicht räumen zu lassen, aber auch keinen Umzug auf einen anderen Baum im öffentlichen Raum zu dulden. Die Aktivistengruppe betont, der Protest werde fortgesetzt. Die Versammlungsfreiheit schütze auch Demonstrationen in der Höhe. Die Stadtverwaltung erklärt weiterhin, zu den „bisherigen rechtswidrigen Baumbesetzungen werden entsprechende Bußgelder und Kostenbescheide erlassen“. Aktivist Bosch kontert am Telefon mit dem Verweis auf Anwälte, die seine Gruppe schon eingeschaltet habe. Sie wollen notfalls ein Gericht anrufen. „Die Stadt kann uns räumen. Aber dann bauen wir halt ein neues Baumhaus.“ Auf den Friedensgipfel folgt der Frost.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Klimaschutz Reportage Klimawandel